Trost an die Fr. Wittib Hn. J. V. den 10. Octobr. 1678.

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Heinrich Mühlpfort: Trost an die Fr. Wittib Hn. J. V. den 10. Octobr. 1678. (1686)

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Wer kan den Wunder-Schluß des Höchsten satt er- gründen?
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Sein Allmacht legt sich selber aus
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So bald sie spricht: Bestell dein Hauß
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O Mensch man wird dich todt im Sarche morgen finden.
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Da ist das Ziel verkehrt/ der Vorsatz gantz verrückt
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Und alles bieibet nach worzu wir uns geschickt.
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Herr
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Wie vormals auff den Marckt zu ziehn/
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Daß seine Handlung mochte blühn
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Und ihm käm aus der Höh der Seegen zugeflossen/
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Der Leipzig wolte sehn und wie die Messe lauff
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Gibt eben diesen Tag des Lebens Geister auff.
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Nun wirst du/
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Du legst noch Zoll noch das Geleit/
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Die Fracht geht in die Ewigkeit/
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Da wird ans höchste Gut dein Heiland dich anweisen.
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Denn ist es wol gethan/ wenn er mit dir
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Und deiner Sünden Rest mit seinem Blut abführt.
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Denn dieses hast du auch bey dir genau ermessen.
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Wenn jetzt ein Kauffmann reisen muß/
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Eh er noch fortsetzt seinen Fuß/
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So wird er/ wie der Weg/ zu forschen nicht vergessen.
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Ob ihn Gefahr bedreut und Krieges-Volck erschreckt?
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Ob wo ein heimlich Feind in dem Verborgnen steckt?
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Diß konte dir zur Zeit noch keinen Kummer machen/
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Die Strassen waren dir bekand/
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So wohnte Sicherheit im Land.
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Und jeder zog frey aus mit seinem Gut und Sachen.
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Daß wenn nach Menschen Art man seine Rechnung stellt
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Dich jetzt abreisenden nichts mehr zurücke hält.
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Allein du wustest nicht/ wie Gottes Wege gehen/
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Der über uns so bald gebeuth/
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Der abgemessen unsre Zeit
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Und schon das Ziel gesetzt in den gestirnten Höhen.
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Dein Name konte dir diß deutlich bilden ein/
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Daß Menschen auff der Welt als wie die Vogel seyn.
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Menn jetzt der Steller ihm hat seinen Herd gebauet
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Mit grünen Rasen rings umbsteckt/
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Und sich mit breiten Zweigen deckt
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Und listig durch die Nacht deß frischen Laubes schauet/
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So lockt er durch die Pfeiff und durch den Schreyer an/
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Ob er das albre Volck ins Netze bringen kan.
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Wird nun der Vogel sich frisch in die Lüffte schwingen/
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So ist sein Berg-Flug gantz beglückt/
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Und er dem Netz und Garn entrückt:
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Hört aber er bethört die in dem Kefich singen/
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Und nahet sich herzu/ so fänget ihn der Strick
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Denn würgt der Vogler ihn in einem Augenblick.
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Nicht anders gehts mit uns/ der Tod legt seine Garne/
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Zeigt uns der Wollust Honigseim/
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Den Reichthum/ unsrer Seelen Leim
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Und daß der arme Mensch viel Geld und Gut erarne/
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So braucht er Schleiff und Strick/ Schlag-Kasten/ Korb
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Biß daß er hat umbzirckt das sichre Fleisch und Blnt.
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Klebt nun den Vögeln gleich der Mensch an Sünden-Beeren/
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Wenn die Begierden Körn er streun/
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Und Lüste seine Seel erfreun/
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So wird er sich gewiß deß Fanges nicht entwehren;
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Versuchung bindet ihn daß er geknüpffet hängt
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Und denn nur gar zu spät an Buß und Reu gedenckt.
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Hingegen wie sich kan ein Vogel auch entreissen?
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Wenn er die freyen Lüffte sucht
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Durch seiner Flügel schnelle Flucht/
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Und ihm entnimmt Gefahr sein embsiges befleissen.
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Weil die Erfahrung lehrt daß an die blaue Höh.
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Mit seinem Garn und Netz kein Vogelsteller geh.
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So wenn der innre Mensch sich durch deß Geistes Schwingen
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Hebt von der Erden Dampff und Plan/
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Schaut alles diß verächtlich an.
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Was nur von aussen scheint Gewinn und Nutz zu bringen/
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Hört nicht wenn ihm die Welt Sirenen gleiche singt
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Noch ob die Müntze hell in seinen Ohren klingt.
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Der gehet frölich durch/ wie durch ein Spinn-Gewebe/
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Ob es Arachne selbst gemacht/
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Und Pallas Kunst-Hand schon erdacht/
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Ob ihm die Circe gar den Wollust-Becher gebe
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Schenckt ihm die Lotos Frucht zu lassen was bekand/
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Vergist er doch niemals sein wahres Vaterland.
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Je ferner er der Welt/ je mehr ist er entgangen
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Des Teuffels List und Trügerey/
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Da ihn kein Fallstrick wie er sey
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So künstlich auch gelegt/ verwicklen kan noch fangen.
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Der Sinnen himmlisch Flug sucht seine Sicherheit
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Jm Gräntz-Haus wahrer Lust der grauen Ewigkeit.
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So that
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Wie listig ihm der Tod gestellt/
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Er kante schon die falsche Welt
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Und wie sein Schlag behend uns pflegt ins Garn zu drücken/
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Wie wir den Vögeln gleich von hinnen müssen ziehn
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Wenn sie das tieffe Jahr durch seinen Frost heist fliehn.
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Alleine seine Seel ist Adler-hoch gestiegen.
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Sein Wunsch der war ja jederzeit
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Der Sonnen der Gerechtigkeit/
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Als wie die Adler thun/ noch näher zuzufliegen.
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Er wuste daß ihr Stral und unvergleichlich Schein
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Wurd in des Todes-Nacht sein eintzig Leit-Stern seyn.
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Wolt’ in dem Leben ihn viel Ungemach antasten/
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Gleich wie schon zweymal Brand und Glut
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Verzehrt sein meistes Haab und Gut/
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So zog er wie die Taub entfloh in Noha kasten
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Zu seinem Heyland hin/ der schafft ihm Rath und Ruh/
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Und deckt ihn wiederumb mit Seegens Zweigen zu.
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Der Oelbaum seiner Eh’ den er zu Breßlau funden/
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Der gab ihm Schatten/ Rast und Nutz
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Er spürte GOttes hülff und Schutz
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Und preiste seine Hand/ die schlägt und heilet Wunden.
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Nur daß die kurtze Zeit den Schmertzen mehr ergrimmt
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Weil er von seinem Schatz zu zeitlich Abschied nimmt.
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Wiewol/
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Damit nicht ihrem Christenthum
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Was mangle von dem wahren Ruhm.
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Gönnt man den jenigen/ so böse Wege reisen/
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Wenn grausam Wetter ist/ wenn es gefreurt und schneyt/
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Daß sie bey später Nacht ein süsser Schlaff erfreut.
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So wird sie noch vielmehr die Ruh dem Liebsten gönnen
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Als der nach sechs und zwantzig Jahr
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Erlittnen Reisen und Gefahr
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Sein letztes Schlaffgemach im Grabe finden können.
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Nun sieht er keine Meß und andre Jahrmarckt Zeit
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Denn Gott ist sein Gewinn/ sein Wucher Ewigkeit.
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Herr Vogel der sich jetzt ins Paradiß geschwungen
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Und wie die
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Nur aus dem Himmel Nahrung hat
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Dem ist sein gantzer Zug und Reise-Flug gelungen.
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O seelig wer so klug dem Tode kan entfliehn!
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Den wird sein listig Garn und Netze nicht beziehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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