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Wen red' ich erstlich an? die Mutter schwim̃t in Thränen/
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Und klagt/ wie Hecuba/ der liebsten Tochter Tod:
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Du aber/ werther Freund/ stöst’ Seufftzer aus und
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Und gleiches Seelen-Weh’macht dir die Augen roth.
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Hier theilt das Trauren sich in unterschiedne Flutten/
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Weib/ Tochter/ Schwester/ Muhm und Mutter wird ver-
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Ach Fall! der vieler Hertz auff einmal heisset bluten/
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Leid! dessen Bitterkeit nicht leicht ein Trost versüßt.
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Diß ist der letzte Stoß/
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Der Hintrit rafft zugleich die Lebens-Geister hin/
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Diß ist der Kern der Noth/ der Auszug von den Schmertzen/
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Der biß ins schwartze Grab beugt den gekränckten Sinn.
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Bey ihres Alters Schnee/ bey den verlebten Tagen
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Bey steter Einsamkeit/ bey vieler Kranctheit Plagen/
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Hat ihre Pfleg und Treu sie viemals auffgericht.
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Jhr Alles das hieß sie/ ihr dencken/ und ihr hoffen
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War bloß der Töchter Glück und Wolfarth anzuschaun:
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Der treue Hertzens-Wunsch hat auch den Zweck getroffen/
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Wenn sie den Bienen gleich sie sah die Nahrung baun.
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Zerschmoltze nicht ihr Hertz in unermeßnen Freuden.
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Als sie zum ersten mal ein Enckelein erblickt/
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Und konte sie wol satt ihr Aug’ und Seele weiden
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Als GOttes Seegen mehr der Enckel hat geschickt.
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Sie sah’ nun ihr Geschlecht in Leibes-Erben leben/
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Und wie der Tochter Haus ein fruchtbar Weinstock war/
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Sie sahe Glück und Heil ob ihren Kindern schweben/
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Und baute Gottes Güt’ ein Lob und Danck-Altar.
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Denckt sie an jene Lust/ wenn gleich des Oelbaums Zweigen
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Die Blumen aus der Eh’ so Bett als Tisch bekrönt/
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Und konten hocherfreut die grosse Mutter zeigen/
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Wenn ihr noch lallend Mund diß süsse Wort erthönt.
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Wer hat sie werthste Frau/ gesegnet nicht gepriesen?
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Schien nit des Himmels-Gunst verschwendrisch ihr geneigt?
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Der Tochter Ehstand war gleich einer vollen Wiesen
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Wo Florens milde Hand die schönsten Blumen zeigt.
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Ja diß war auch ihr Wunsch/ wenn sie nun satt am Leben
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Nach Gottes hohen Rath verliesse dieses Rund/
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Die liebste Tochter solt ihr das Geleite geben/
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Und mit getreuer Hand zudrücken Aug und Mund.
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Wie strauchelt doch der Mensch mit Sinnen und Gedencken?
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Des Höchsten Finger streicht bald unsern Vorsatz weg.
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Sie muß itzt wieder Wunsch ins Grab die Tochter sencken
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Und ein unendlich Leid ist ihrer Hoffnung Zweck.
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Wie rufft sie/ wolte GOtt ich könte vor dich sterben/
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Weil mich deß Alters Last auch Krafft und lebloß macht!
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Ach daß dir sol der Tod der Jugend Blüthe färben/
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Und mich stat deiner nicht bedeckt mit seiner Nacht!
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Dein Sterbe-Kittel wird mein letztes Kleid auch heissen/
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Man scharrt mit deinem Leib zugleich mein Hertz mit ein.
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Ach daß mein Lebens-Garn und Faden nicht will reissen/
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Auf daß ich möchte bald bey meiner Tochter seyn!
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So seufftzt sie/ werthste Frau: doch wo sie noch zurucke
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Aus tieffer Traurigkeit auf ihren Eydam sieht/
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So findet sie alldar die grösten Jammer-Blicke/
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Und wie in heisser Angst itzt seine Seele glüht.
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Sie klagt der Tochter Leich er aber klagt sein Hertze/
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Das itzt der Todes-Pfeil gleich in zwey Stucke bricht.
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Sein gantz verlaßnes Haus beraubt der Sonnen Kertze
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Sitzt itzt in Finsternüß ohn allen Schein und Licht.
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Wo soll er erstlich hin die nassen Augen wenden?
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Wohin er sich nur kehrt stehn Zeugen seiner Noth:
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Es klingt der Trauer-Schall an allen Ort und Enden/
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Mein Eh-Schatz ist dahin/ und unser Mutter Tod.
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Und solte nicht sein Leid biß aufs Gebeine fressen/
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Wenn er reif überlegt was er verlohren hat?
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Solt’ er der Wunder-Lieb und seltnen Treu vergessen
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Der Tugend Treffligkeit/ den Witz/ den klugen Rath?
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Es konte ja sein Hertz sich gantz auf sie verlassen/
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Er konte bey ihr Trost/ Freud und Vergnügung fassen/
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Und ihre Freundligkeit erquickt ihm Geist und Muth.
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Daß seiner Handlung Lauff im besten Flor geblühet/
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Daß Wohlfarth/ Glück und Heil bey ihm ist eingekehrt/
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Hat als Gehülffin sie sich Tag und Nacht bemühet
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Frisch/ wachsam/ weiß und klug/ zur Arbeit unbeschwert.
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Und war ihr Ehstand nicht ein Garten voller Früchte?
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Hat sie nicht das Geschlecht mit Erben auffgebaut?
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Und kehrt er auf die Schaar der Waisen sein Gesichte/
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Versichert/ daß er da der Mutter Bildnüß schaut.
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Und ihre Fröm̃igkeit leucht als der Töchter Minen/
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Und ihrer Tugend Art scheint auch in sie geprägt:
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Die Sorge vor das Haus/ die Embsigkeit der Bienen
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Ist von der Mutter Blut auch ihnen eingelegt.
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Bey eurem grimmen Leid ein heilsam Pflaster seyn:
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Euch zur Verwahrung legt dergleichen Pfänder ein.
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Und denn/ so ist ihr Tod ein Hingang bloß zu nennen/
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Auß diesem Hecken-Land in jenes Rosen-Reich.
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Uns werden noch auhier stets Dorn und Disteln brennen/
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Da sie in Wonne lebt von keiner Qual mehr bleich.
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Medea mag im Krieg als eine Heldin sterben/
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Eh’ als sie der Geburt Weh’/ Angst/ und Schmertzen trägt:
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Der seelige Beruss der heist den Himmel erben/
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Und Weibern auch darzu die Stuffen hat gelegt/
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Hieß unsre Seelige in keiner Angst verschmachten/
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Ob schon der sieche Leid von Kranckheit angefüllt/
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Und Schmertzen ohne Zahl ihr diese Posten brachten/
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Sie würde zeitlich sein ins Leichtuch eingehüllt.
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Gleich wie ein Pelican gibts Leben für die Jungen/
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So ließ sie auch den Geist vor ihren lieben Sohn/
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Ist nun durch alle Noth großmüthig durchgedrungen
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Und trägt als Siegerin die schönste Lorber-Kron.
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Betrübtste Frau und Freund in Witber-Stand versetzet
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Ach denckt in eurem Sinn dem edlen Wechsel nach!
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Gott holt sie darumb heim weil er sie wehrt geschätzet:
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Diß mindre Leid und Schmertz und eure Thränen-Bach!