Bey Beerdigung Hn. C. G. den 3. Junii 1678.

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Heinrich Mühlpfort: Bey Beerdigung Hn. C. G. den 3. Junii 1678. (1686)

1
Was ist das/ das wir leben heissen?
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Ein Circkel voll gedrungner Noth.
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Ein Traum und ein betrüglich gleissen/
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Ein ungewisses Morgenroth.
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Ein Rauch/ der wenn er kömmt/ verschwindet/
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Ein Meer das stets von Jammer pranst/
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Ein Fallstrick/ der die Seele bindet/
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Ein Wind/ der uns zu stürtzen saust.

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Ist noch was flüchtiger als Schatten?
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Ach ja der kurtzen Tage Flucht.
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Der Thau den man auf grünen Matten
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Bey aufgewachter Sonne sucht/
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Wird vielmals nicht so schnell vergehen/
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Als die elende Sterbligkeit:
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Da/ eh wir lernen/ reden/ gehen
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Man schon uns macht das Todten-Kleid.

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Der Fortgang mit erwachsnen Jahren/
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Ist nur ein Weg zu größrer Pein/
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Diß was wir lesen und erfahren
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Wird oft ein faul Geschwätze seyn.
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Weil unser Wissen unvollkommen/
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Und der Verstand voll Unverstand;
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So ist/ was wir je für genommen
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Auf nichts gebaut als Trübe-Sand.

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Wir mögen in die Frembde reisen/
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Der Kummer zieht uns immer nach.
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Bey Freuden/ Wollust/ Schertz und Speisen
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Drückt uns manch heimlich Ungemach.
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Der Welt verdammte Heucheleyen/
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Die nehmen Tugend-Larven an.
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Wie kan ein redlich Hertz sich freuen
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Das unter ein solch Joch gethan?

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Und wenn wir nun viel zubesitzen/
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Das Leben in Gefahr gewagt.
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Was kan es bey dem Hintritt nützen/
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Wenn uns die letzte Noth betagt?
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Da sehen wir daß alles flüchtig/
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So weit das Rad der Sonnen geht.
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Daß unser Hände Wercke nichtig
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Und bloß der Unbestand besteht.

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Und wünschen wir die grauen Haare?
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Das Alter ist ein schwerer Gast.
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Es prediget nur von der Bahre
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Und nennt das Leben eine Last.
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Das eben führt die jenen Tage/
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So keinem nicht gefällig seyn.
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Da man nur Jammer/ Angst und Plage
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Vor Freuden-Früchte sammlet ein.

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Und ob es köstlich auch gewesen/
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So hat es Müh und Noth verzehrt.
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Wer wolt ihm nicht diß auserlesen
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Was uns die wahre Ruh beschert?
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Wer wolte nicht die Augen schliessen/
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Umb dort den Himmel anzuschaun?
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Deß Leibes Kercker seyn entrissen
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Und jene Friedens-Städte baun?

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Das End-Ziel aller Angst und Schmertzen
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Bleibt doch ein sanfft und seelig Tod.
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Der Hingang zu dem Vater-Hertzen
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Die Reise zu dem wahren GOtt.
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Das Freuden-Thor zu jenem Leben/
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Und der Geburts-Tag wahrer Lust.
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Die Sammlung wo die Heilgen schweben
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Ein Labsal auf die Myrrhen-Kost.

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Nun diesen Zweck hat auch ergriffen
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Herr Greif/ als auf sein Lebens-Ziel
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Der Tod das Würge-Beil geschliffen/
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Und ihn die Mattigkeit befiel;
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Daß er den Pfingst-Tag dort zu feyren
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Den heilgen Abend hier beschloß/
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Und seine Seele wolte steuren
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In deß Erlösers Gnaden-Schoß.

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Sein Ruhm und ehrliches Verhalten/
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Wird noch in vieler Hertzen blühn.
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Muß schon hier Fleisch und Blut erkalten
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Und Wust und Schimmel es beziehn/
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So bleibt sein Name doch im Segen.
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Der Fromme kan nicht untergehn/
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Es will auff allen Weg und Stegen
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Gott seinen Saamen noch erhöhn.

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Betrübtste Frau/ wie herb und bitter/
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Der Name Wittib bey ihr klingt;
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Da jetzt deß Todes Ungewitter
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So wol ihr Haus als Hertz umbringt.
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So glaube sie daß nach dem Weinen
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Und außgestandnem Seelen-Weh/
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Jhr wlrd die Sonne wieder scheinen/
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Und daß ihr neuer Trost aufgeh.

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Jhr Eh-Herr zeucht mit Ruhm von hinnen/
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Die Gottesfurcht und Redligkeit
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In seinem Wandel und Beginnen
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Sind auch im Tode sein Geleit’.
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Er ist ja gar zu wol geschieden/
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Und ausgegangen wie ein Licht/
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Zu der Zeit da ihm seinen Frieden
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Und Beystand GOttes Mund verspricht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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