Die Fremdlinge alhier/ Betrachtet bey Absterben Fr. M. S. v. L. g. K. v. F. den 27. Mart. 1678.

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Heinrich Mühlpfort: Die Fremdlinge alhier/ Betrachtet bey Absterben Fr. M. S. v. L. g. K. v. F. den 27. Mart. 1678. (1686)

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Ach Leben voller Müh'/ voll Schrecken/ voller Thränen!
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Gebrechlicher als Glaß/ und flüchtiger als Wind!
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Mit Jrrthum überhäufft/ durchbeitzt mit herbem Sehnen
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In dessen Unbestand sich kein Bestand nicht findt.
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Wie reitzest du uns nicht? Wie kanst du uns nicht blenden?
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Da doch dein lauter Nichts dein erster Anfang heist.
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Du schwindest/ wenn du wächst/ wie Schatten untern Händen/
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Bist/ wenn du gleich erhöht/ ein scharffer Rauch der beist.
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Den Narren scheinst du süß’ und weisen Leuten bitter/
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Der jene/ so dich liebt/ der kennt dich nicht einmal.
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Wer dich verachten lernt/ verstehet deine Güter/
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Und wer dir glauben will/ der traut auf Frucht und Qual.
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Du siehst so schöne nicht/ als du dich kanst vorstellen/
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Ja vielen zeigst du dich
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Nur daß sie sündigen und fahren zu der Höllen.
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Viel raubst du unverhofft eh’ sie noch schwach und kranck/
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Bloß daß du kanst den Raum der Busse so beschneiden/
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Je mehr du uns verheischt/ je weniger du schenckst.
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Dein gröstes Wolthun ist ein lang und schmertzlich leiden/
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Daran zum Ausschlag du noch neue Martern hängst.
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Das bist du/ Leben/ nun. So sitzen wir zu Miethe
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Und wissen nicht die Zeit wenn Gott uns/ ziehet! sagt.
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Wenn seine Stimm erschallt: Mensch geh auß dem Gebiethe/
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Sein Stunden-Glaß ist auß/ deß Lebens Frist vertagt.
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Wer wolte sich alsdenn von Mesech nicht begeben?
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Und länger Frembdling noch bey seinen Hürden seyn?
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Wer wolte weiter dann bey Kedars Hütten leben?
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Umzirckt von Krieg und Streit gedrückt von Angst und Pein.
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Es scheint dem Menschen schwer bey wildem Volck zu wohnen/
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Das gar an Grausamkeit den Thieren gleiche geht.
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Und wer will Nachbar seyn bey Scyth und Nasamonen/
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Da keiner weder Gott noch die Natur versteht.
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Allein viel schmertzlicher wird es der Seele fallen
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Wenn sie so lang allhier im Leibe bleiben muß/
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Und unter Fleisch und Blut bey Mörd- und Räubern wallen/
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Da ihr macht täglich Weh der Sünden Uberfluß.
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Der ist ein feiger Mensch/ der/ wenn er satt gelebet/
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Zuletzt noch klagen will die abgekürtzte Zeit:
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Der Viehisch/ welcher frech dem Himmel widerstrebet/
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Und sich nur weltzen will im Schlam der Eitelkeit.
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Wer hier stets Wirth seyn will/ kan dort nicht Bürger werden/
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Wir müssen auß der See deß Lebens an den Port.
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Das Elend das wir bau’n auf diesem Rund der Erden
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Ermahnt/ und rufft uns zu: Fleuch/ Frembdling/ eile fort!
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Frau Sachsin die nunmehr den Rest von ihrer Hütten
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Dem schwartzen Grabe schenckt/ hat sich auch aufgemacht
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Und ist als Frembdling in das Vaterland geschritten
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Befreyt der Pilgramschafft/ die sie mit Ruhm vollbracht.
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Jhr war die Bitterkeit deß Lebens nicht verborgen
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Und wie das Wechsel-Rad der Zeiten sich verkehrt/
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Sie kannte noch die Noth und Thränen-volle Sorgen
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Als unser Schlesien die Krieges-Glut verheert.
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Sie zog von Kedar aus umb Ruh allhier zu finden/
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Wo Ruh’ auf dieser Welt ein Mensch zu hoffen hat.
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Doch/ wer sich nur auf Gott beständig pflegt zu grunden
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Dem wandelt sich die Frembd in eine Vater-Stadt.
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Sie glaubte/ daß der Weg der Frommen rauh’ und harte/
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Daß Gott die Seinen nicht stets auff den Händen trägt/
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Damit sich nicht der Mensch in eitler Lust verwarte/
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So hat er uns die Bahn mit Dornen überlegt.
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Wiewol ihr Christenthum auch in dem Creutz gesieget
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Und die Beständigkeit die Lorber-Cron erreicht.
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Die Hand die sie betrübt/ die hat sie auch vergnüget/
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Daß ihrer Wolfarths Stern viel herrlicher geleucht.
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Sie sahe sich beglückt in zwey Geehrten Ehen
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Und Trauben ihres Bluts und Blumen vom Geschlecht/
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Und Seegen umb ihr Hauß/ Heil umb ihr Bette stehen/
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Jhr Thun gefiel GOtt wol/ ihr Wandel war gerecht.
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Die Palmen reiner Gunst/ die Nelcken treuer Flammen
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Der Keuschheit Lilien/ der Demuth Majoran
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Der Tugend Ehren-Preiß trat hier vereint zusammen/
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Und legt ihr einen Schmuck von holden Sitten an.
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Es war ihr Band der Eh gleich einem Paradise
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Wo die Ergetzligkeit und die Vergnügung blüht.
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Es schien ihr Lebens-Weg ein angenehme Wiese
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Umb welche Florens-Gunst den bunden Teppicht zieht.
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Ach aber wie betreugt das schmeichelhaffte Leben?
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Indem es Freude sät/ so ernd es Trauren ein.
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Bald wird es nichts als Muth und Adlers-Kräffte geben/
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Drauf heist es uns betrübt/ geprest und elend seyn.
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Der sich nicht weisen läst/ der Tod/ trennt Lieb und Ehe/
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Die vor glückselig schien ist Wittib und gekränckt.
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Die Anmuth weicht davon/ und unter Ach’ und Wehe!
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Wird ihr des Ereutzes Kelch von neuem eingeschenckt.
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Sie nimmt auch den getrost von ihres Schöpffers Händen
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Und bringt in Einsamkeit die Zeit deß Lebens zu/
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Traut dem/ der Vater ist und Retter der Elenden
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Sucht bloß in seinem Wort Trost/ Hoffnung/ Fried/ und Ruh.
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Kein Unfall zog ihr Hertz von den gestirnten Höhen/
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Sie blieb der Hanna gleich dem Himmel zugewand.
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Was nicht zu ändern war/ ließ sie vernünfftig gehen
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Und seufftzte Tag und Nacht nach jenem Vaterland.
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Jetzt ist ihr Wunsch erfüllt. Der Tod ein treuer Weiser
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Führt diese Pilgramin/ wo Milch und Honig fleust/
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Sie sieht Jerusalem und dessen Friedens-Häuser
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Wird mit deß Himmels-Brod/ und Lebens-Brunn gespeist.
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Jetzt weiß sie daß die Welt ein ungeheure Wüste/
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Worinn gleich einem Schaf der Mensch sich oft verirrt.
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Daß ihre gantze Pracht/ ihr Ansehn/ Ehr’ und Lüste
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Der armen Pilgramin der Seelen Last und Bürd’:
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Und daß sie allzu lang in Mesech hat gesessen/
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Wie köstlich auch der Mensch ein hohes Alter schätzt.
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Ja was vor Freuden uns sonst Glück und Zeit zumessen
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Daß es mit nichten gleicht dem/ was sie jetzt ergetzt.
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Darumb so glauben sie/
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Das beste Vaterland holt die Frau Mutter ein:
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Deun wenn wir umb und an des Lebens Ziel beschauen
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So wird der Anfang Noth/ das Ende Sterben seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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