Die erlösende Christ-Nacht Bey Beerdigung Hn. M. B. D. E. hertzge- liebten Töchterleins Judith den 30. De- cembr. 1677.

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Heinrich Mühlpfort: Die erlösende Christ-Nacht Bey Beerdigung Hn. M. B. D. E. hertzge- liebten Töchterleins Judith den 30. De- cembr. 1677. (1686)

1
Die Nacht/ so uns das Heil und Leben hat gebohren/
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Drückt dir/ o zartes Kind/ die matten Augen zu/
3
Die Nacht von Ewigkeit zum Frieden auserkohren/
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Bringt nach der Kranckheit-Weh’ dich auch in Fried
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Verlaß dein sieches Bett/ geh aus der engen Wiegen/
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Dein Heiland ladet dich zu feiner Wiegen ein/
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Hier siehst du deinen GOtt und deinen Bruder liegen/
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Die Windeln binden ihn/ auff daß du frey kanst seyn.
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Den nichts begreiffen kan/ der alles ist in allen/
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Wirfft deiner Dürfftigkeit jetzt neuen Reichthum bey/
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Wird GOtt und Mensch zugleich den Menschen zu gefallen/
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Und legt die Majestät auff schlechtes Stroh und Heu.
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Ach hochbeglückte Nacht/ für der die Morgenröthe
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In ihrem Purpur-Glantz und Rosen-Schein erbleicht!
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Ists möglich daß die Nacht des Tages Stralen tödte/
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Und daß der Sonnen Rad vor diesen Fackeln weicht?
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Ich seh’ das lichte Heer der güldnen Sterne schimmern/
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Und wie ihr ewig Feur die Freuden-Blicke zeigt/
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Ich seh’ wie die Natur aus allen ihren Zimmern
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Lufft/ Erde/ See und Gluth/ zu dieser Nacht sich neigt.
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Ach hoch gewünschte Nacht/ die uns der Höllen Schrecken
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Des Todes Finsternüß mit ihrem Glantz vertreibt!
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Nacht/ derer Klarheit kan die Todten aufferwecken/
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Und die uns zu dem Licht/ das unumbschrieben/ schreibt.
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Es sey die Nacht erfreut den Bürgern in Jdumen/
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Da Judiths Helden-Arm den Holofern enthaupt/
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Ach/ Judith/ mit mehr Schmuck und Himmels-schönen Blumen
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Hat dich dein Bräutigam in dieser Nacht belaubt.
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Wie solte doch dein Mund des Todes Wermuth schmecken?
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Da das gebohrne Kind dir Lebens-Zucker bringt:
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Wie kan der Flügel dich der Finsternüß bedecken?
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Nun neuer Klarheit Blitz in deine Augen dringt.
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Auff Judith! biß erfreut/ dein Heyland hat bescheret/
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Dein Bruder theilt mit dir den Schatz der Ewigkeit/
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Was nicht der Himmel hat/ was nicht die Welt gewehret/
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Was keine Zeit sonst giebt/ das schenckt dir diese Zeit.
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Verlangst du theures Gold? Sein Glantz ist mehr als gülden.
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Liebst du den Perlen-Schmuck? die Perl ist ohne Fleck.
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Gefällt dir denn ein Bild? hier wil sich der abbilden/
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Der durch Geburt und Tod ist dein Erlösungs-Zweck.
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Wil wo ein edler Stein dein zartes Aug’ ergetzen?
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Sein Aug’ ist Diamant/ sein Mund ist ein Rubin.
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Wilst du Gespielin dich zu deinem Nachbar setzen?
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Er wird das schönste Kleid der Ehren dir anziehn.
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Und hast du Blumen lieb? die Ros’ in Saarons Feldern
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Blüht/ Judith greiff sie an mit deiner Glaubens-Hand.
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Beliebt ein Püschel dir von seinen Myrrhen-Wäldern?
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Auch dieses hat er dir im sterben zugesand.
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Es sey die Nacht mit Furcht und Schrecken angefüllet/
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Wann uns der Räuber Schaar nach Gut und Leben tracht;
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Dein JEsus führet dich/ in den du bist verhüllet/
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Der allen Schatten dir zu lichten Sternen macht.
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Er liegt im Westerhembd/ und du im Sterbe-Kleide/
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Er drückt die Wiegen jetzt/ und du das kalte Grab.
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Ach Wechsel sonder gleich! Ach unerschöpffte Freude!
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Daß in dem Tod ein Christ des Lebens Anfang hab’.
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Es ladet/ Judith/ dich dein Heyland in die Krippen
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So dir ein schwartzes Brett von wenig Spannen macht;
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Ja dein geschloßner Mund soll mit beredten Lippen
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Dort in der Ewigkdit lobsingen dieser Nacht.
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Vergiß der bösen Tag’/ und der gekränckten Stunden/
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Worinn dein schwaches Fleisch noch Evens Schuld gebüst/
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Du hast des Lebens Artzt in deiner Wiegen funden/
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Der dir die Aloe des Sterbens gantz versüst;
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Vergiß das Licht der Welt/ deß Vaters Liebes-Blicke/
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Und der Groß-Mutter Schoß/ worauf du offt geruht/
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Du schwebst in einem Stand’/ und lebst in dem Gelücke/
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Worzu der Menschen Wunsch gar keinen Zusatz thut.
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Es wird dir weiter nichts an treuer Vorsicht mängeln;
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Der jene sorgt vor dich/ so Erd und Welt regiert.
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Zu dem/ du wirst bedient von so viel tausend Engeln/
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Da jeder deine Hand mit Sieges-Palmen ziert.
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Gib ewig gute Nacht dem treuen Vater-Hertzen/
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Sprich/ Frau Großmutter lebt/ von mir gesegnet wol/
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Was von dem Hertzen kommt/ das macht nur bittre Schmertzen/
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Doch glaubet daß ich erst vollkommen leben sol.
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Gottlosen sey die Nacht des Todes voller Schrecken
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Mir ist die Christ-Nacht jetzt das Licht der Ewigkeit:
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Ich Erde ruh’ in Erd/ und weiß daß mich erwecken
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Wird dieser/ so der Welt den Ruhtag hat bereit.
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Ja Judith/ dieser wird verklären deine Wiegen.
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Und seelig/ wer auß der so früh zu Grabe geht/
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Den nicht der Eitelkeit ihr Lügen und Betriegen
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Kan künfftig zu sich ziehn/ wie Eisen der Magnet.
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Dein Leben ist verlängt/ nun uns die Tage kürtzet
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Deß Winters rauher Frost/ der Jahre schneller Lauff/
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Da Stund auf Stunde sich zu unser Hinfarth stürtzet/
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Und jeder ruffen soll; Erlöser nimm mich auf.
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Die Christnacht setzet dich zu den geflammten Sternen/
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Da du/ zwar kleiner Stern/ wirst grosse Funcken streun/
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Und unfre Nieder-Welt/ durch dein Exempel/ lernen/
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Wie sich ein frommer Christ soll auf die Christ-Nacht freun.
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Wie aber still ich jetzt/
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So sein getreues Aug aus vollen Strömen geust?
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Gerathner Kinder Tod verursacht Eltern sehnen/
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Und daß ihr weiches Hertz/ als wie im Blute/ fleust.
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Wiewol sein heilig Sinn/ in Gottes Wort gegründet/
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Kennt Auf- und Untergang/ den Wechsel dieser Zeit/
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Ich weiß daß man ihn nicht bey Leichen Trostloß findet/
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Und daß ihm satt bekandt der Weg der Seeligkeit.
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&q;Der Lehrer ist bewehrt/ der selbst durch eigne Proben
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&q;In rechtem Helden-Muth besieget Noth und Tod:
103
&q;Ich wünsche bey dem Schmertz Rath/ Hülff und Trost von oben/
104
&q;Und der es allzeit war/ sein Beystand bleibe GOtt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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