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So bist du/ Seeliger/ nun deiner Qual entbunden?
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So macht ein sanffter Tod dich von den Fesseln loß?
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Nach so viel rauhem Sturm hast du den Port gefunden
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Und gehst mit Seegen in der alten Mutter Schoß.
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Wenn auf die Folter-Banck die strenge Gicht dich warff?
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Wenn ihre Tyranney die Glieder dir durchschnitten/
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Wenn ihr zerreissend Weh mehr als ein Messer scharff.
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Das Alter an sich selbst war eine Last zu tragen/
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Als das ein Sammel-Platz der bittern Schmertzen hieß/
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Und was verspürt man mehr bey den beschneyten Tagen
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Als stündiich neue Noth/ Angst/ Eckel und Verdrieß?
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Nein/ wie viel Jahre hat der Tod dich nicht besucht?
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Da schon die Lebens-Kräfft/ und Geister abgewichen
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Ja selbst die Seele stand als wie auff schneller Flucht.
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Sie sah’ ihr Wohnhauß da mit seinen Säulen sincken/
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Der Eymer war zulechst/ die Räder morsch entzwey/
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Es wolte nicht das Licht mehr durch die Fenster blincken
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Die Sprache zog farm Ohr als wie ein Gast vorbey.
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Ach was elender Nächt’ hast du nicht da empfunden
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Und mit dem Hiob dir gewünscht erlöst zu seyn?
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War’st du nicht an dein Bett als einen Pfahl gebunden?
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Und mit dem Morgen-Liecht erschien auch neue Pein?
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Der Martern Grausamkeit und aller Hencker reissen/
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Was Eccelin erfand/ und Nero hat erdacht/
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Sind nur ein Kinderspiel für deiner Gicht zu heissen.
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Die dich noch lebenden Gerippen gleich gemacht.
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Dein Lager war gewiß von nichts als Dorn und Hecken/
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Ein Nothstall/ den Japan nicht schlimmer zeigen kan:
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Noch liest du keine Qual so deinen Geist erschrecken
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Daß er nicht Glaubens-voll sich schwunge Himmel an.
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Je mehr der Leib erlag/ je hurtiger die Sinnen
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Mit feurigem Gebet den höchsten GOtt versöhnt.
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Du liest die Ungedult nicht Oberhand gewinnen
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Und rufftest: Wer wol kämpfft/ der wird zuletzt gekrönt.
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Nun ist dein Feind erlegt/ dein Leiden hat ein Ende/
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Dein wol geplagter Leib geneust der süssen Ruh.
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Du bist auch so beglückt/ daß dir der Kinder Hände
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In heisser Liebes-Pflicht die Augen drücken zu.
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Wem wird wol als wie dir von GOtt das Heil bescheret
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Daß Kind und Kindes Kind er
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Wem wird wol so erstreckt der Tage Frist gewehret
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Daß fünff und achtzig Jahr sein Leben machet satt?
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Mich dünckt wie umb dein Grab ein schöner Regenbogen
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Voll Segen/ voll Genad den bundten Zirckel führt/
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Zum Zeichen/ daß dir GOtt von Jugend auf gewogen
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Und daß du seine Güt’ und Wunder hast gespürt.
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Hat nicht sein Vater-Arm im Alter dich getragen?
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Du hast bey keiner Noth verlassen dich gesehn.
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Es wird der Enckeln Mund des HErren Wolthat sagen/
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Und rühmen was an dir vor Dinge sind geschehn.
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Betrübtste/ die ihr hier bey eures Vatern Bahre
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Zu zeigen eure Pflicht/ in einer Crone steht;
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Begiest mit Thränen nicht den grauen Schnee der Haare/
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Und daß er Lebens-müd auß unsern Schrancken geht.
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Er hat das Ziel erreicht/ nach dem wir alle rennen/
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Ein langes Leben ist doch nur ein langer Tod/
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Jetzt können wir ihn frey und franck von Schmertzen nennen
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Sein seelig Sterben ist die Endschafft aller Noth.
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Er trit vom Schau-Platz ab/ und hat die Welt erfahren
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Er kennt ihr falsches Gut und auffgeborgte Wahren/
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Wie sich die Thörichte kan hoch damit aufblähn.
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Ein redlich-Teutsches Hertz erschrack ob den Gebärden
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Wormit sich jetzt die Kunst der neuen Sitten ziehrt/
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Da Worte nicht einmal zu Wercken sollen werden/
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Da man Zibeth im Mund und Gifft im Hertzen führt.
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Herr Francke redte frey/ ein Feind der Heucheleyen/
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Der Basilißken gleich ein Lügen-Maul gehast/
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Hielt Gott für seinen Schatz/ recht thun/ und sich nicht scheuen/
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Diß hat’ er zu dem Zweck deß Lebens abgefast.
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Er wieß in Leid und Freud ein unbewegt Gemüthe
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War denen Felsen gleich/ die nie kein Donner schreckt:
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Vertraut in Angst und Noth auf seines Schöpffers
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Weil der gar sicher ruht/ den Gottes Flügel deckt.
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Hingegen hat das Glück ihm nie den Muth erhoben/
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Die alte Redligkeit blieb in die Brust gepregt.
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Und that er Freunden guts/ so ließ ers andre loben/
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Dieweil ein danckbar Sinn das Zeugnüß bey sich trägt.
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Sein Hertze war erfreut/ wenn er die Enckel küßte
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Und Gottes Segen sah’ aus wolgerathner Eh’.
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Gewiß/ daß diese Schaar sein Leben ihm versüßte
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Und ihr noch lallend Mund verjagt der Sorgen Weh.
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Der hier gefangen gleich ins Leibes Kercker saß/
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Die Stricke sind entzwey/ die Fessel abgenommen/
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Macht eure Augen nicht mit Thränen ferner naß.
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Er ist als wie ein Gast von hier recht satt geschieden/
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Begehret weiter nicht die Herberge der Welt.
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Vor fühlt er Kampf und Streit/ jetzt schmeckt er nichts als Frieden/
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Vor war er Menschen nur jetzt Engeln zugesellt.
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Er wird wie reines Gold durchs Feur geläutert gläntzen
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Und sein zerfoltert Leib gerad’ als Cedern seyn/
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Es stutzt sein graues Haar von Sieg- und Lorber-Kräntzen
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Er geht als treuer Knecht zu seinem HErren ein.
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Wir nur sind Klagens-werth/ die an dem Joch noch ziehen/
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Der Sinnen Flügel drückt deß Fleisches Last zurück.
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Was ist doch unser Thun/ Rathschlüssen und Bemühen/
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Ein dünnes Sünden-Garn/ ein klebricht Vogelstrick.
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Wir wenden Aug und Mund von einer todten Leichen/
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Ein kahler Schädel scheint ein schändlich Ding zu seyn;
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Und eh der Sonnen-Glantz den Morgen wird erreichen
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So fast offt dich und mich der schwartze Leichen-Schrein.
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Betrübtste/ wer mit Schnee aus diesem Leben schreitet/
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Und solche Vater-Treu an Kindern hat verübt/
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Ist würdlg/ daß man ihm die Denckschrifft zubereitet:
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Er hat Gott/ Weib und Kind von gantzer Seelge-
liebt.
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Schenckt doch dem Seeligen vor Thränen Freuden-Lieder/
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Daß er die Noth der Welt so überwunden hat;
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Es ruhen ewig wol die ausgekreuschten Glieder/