Der unverwelckte Amaranth oder Tausendschön Bey frühzeitigem Erblassen Hn. P. C. B. Töchterlein A. J. den 22. Novembr. 1676.

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Heinrich Mühlpfort: Der unverwelckte Amaranth oder Tausendschön Bey frühzeitigem Erblassen Hn. P. C. B. Töchterlein A. J. den 22. Novembr. 1676. (1686)

1
Gjeßt Nimfen eure heisse Zähren
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Auff diesen kalten Leichen-Stein.
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Der Eltern hoffen und begehren/
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Jhr Kleinod/ schleust der Sarch jetzt ein.
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Streut Blumen aus/ denn eure Blume
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Die lieblich’ Amarant erblast.
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Singt ihr ein Lied zum Ehren-Ruhme
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Das Lieb’ und Treu hat abgefast.

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Ob schon des Winters kaltes Rasen
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Den Gärten ihren Purpur nimmt/
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Und für der Lüffte strengem blasen
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Nichts weiter mehr zum Wachsthum kömmt:
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So blüht doch eure Amaranthe/
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Das wunder-holde Tausendschön/
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Und wird/ des Himmels Anverwandte/
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Dort unter Cherubinen stehn/

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Die Vor-Welt hat ihr zugeschrieben/
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Daß ihre Pracht unsterblich sey.
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Wenn nichts von Blumen übrig blieben/
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Krönt ihren Strauch ein ewig May.
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Es weichen ihr die bunten Nelcken/
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Der Tulpen Sammt/ der Lilgen Schnee.
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Wenn diese fangen an zu welcken/
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Steigt ihre Blume in die Höh.

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Es mag ein tieffer Schnee sie decken/
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Sie blühet unter Frost und Eiß.
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Der Hundsstern kan sie nicht erschrecken/
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Jhr macht des Sommers Gluth nicht heiß.
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Egypten hat sie hoch geschätzet/
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Und von der Blumen Liebligkeit
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Den Alten Kronen auffgesetzet/
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Zum Zeichen der gesunden Zeit.

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Sagt Nymfen ob des Lebens Grüne
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Und Anmuth von der Seel’gen weicht?
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Ob die verschwesterte
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Sich nicht den Amaranthen gleicht?
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Wir sehen sie zwar hier erblassen/
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Doch nur zu größrer Herrligkeit:
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Denn sie wird dort ein Glantz umbfassen/
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Der edlen Steinen Kampf anbeut.

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Die Augen/ so jetzund versincken/
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Verklärt ein Diamanten Licht.
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Sie sollen wie die Sterne blincken
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Und schauen GOttes Angesicht.
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Denckt nicht daß die Gestalt verfallen/
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Noch daß die Wangen sich gebleicht;
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Weil sie mit lebenden Corallen
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Die Hand des HErren überzeucht.

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Der blasse Mund wird als Rubinen
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In angenehmster Röthe stehn.
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Die Glieder weisser als Jesminen
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Ins Schloß der Ewigkeit eingehn.
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Es flicht dem Kronen-reichen Haare
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Die Huld der Engel Lorbern ein.
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Wie kan denn nun die schwartze Bahre
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Der Seeligen Behältnüß seyn?

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Nein/ unser Amaranthe blühet
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Weit schöner noch als Tausendschön/
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Nun Sie ihr Unschulds-Kleid anziehet
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Das hell’/ als wie der Sterne Höh’n.
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Jhr unverweßliches Gepränge
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Sticht aller Blumen Schönheit weg/
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Und ihrer Freuden Läng’ und Menge
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Begräntzt der Ewigkeiten Zweck.

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Der Gärten Amaranthen kleidet
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Die Purpur-braune Liebligkeit.
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Die Seel’ge so in Rosen weidet/
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Bey noch gar frischer Tages-Zeit/
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Geht jetzt durch des Erlösers Wunden
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Bepurpert zu dem Leben ein/
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Und hat den Bräutigam gefunden
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Weil ihrer Andacht Ampel rein.

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Ein Heide nennt das Grab voll Schrecken/
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Ein Hauß der langen Einsamkeit.
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Ein Nest wo sich nur Schlangen hecken/
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Wo nichts als schwartze Dunckelheit.
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Wir wissen daß des Lebens Sonne
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Der Aufferstehung Morgenröth
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In unumbschrenckter Lust und Wonne
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Mit uns aus unserm Grabe geht.

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Lebt Amaranth durchs Wasser wieder
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So bald dasselb’ ihn nur benetzt.
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Ach wie viel mehr wird unsre
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Die in der Erden Schoß versetzt/
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Des HErren Geist lebendig machen/
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Sein mächtig Athem hauchen an!
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Daß sie/ wenn Welt und Himmel krachen/
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Beschreiten jene Freuden-Bahn.

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Folgt schönste Nymfen/ folgt der Leichen
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Und füget diese Grabschrifft bey:
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Die Amaranthe so zugleichen
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War einem Blumen-vollen May;
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Der Mutter inniglich Ergetzen/
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Deß Vatern Augentrost und Licht;
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Sieht man zwar hier in Sand versetzen/
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Doch raubt sie die Verwesung nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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