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Hochwerth-vertrauter Freund/ dein Leid geht mir zu
Hertzen/
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Die Nacht erschreckt mich auch/ so deinen Geist ver-
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Der Schlag so dich betrifft/ erweckt zu grosse Schmertzen/
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Es ist dein Thränen-Maß biß oben an gefüllt.
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Die Thränen kan kein Mensch auff dieser Welt verdammen/
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Man lasse solche frey und ungehindert gehn/
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Denn wo getreue Lieb’ und Scheiden kommt zusammen/
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Da kan deß Menschen Hertz in nichts als Blute stehn.
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Ich dencke hin und her wo Rath und Trost zu finden/
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Nicht daß dir sonst nicht Rath und Hülffe wohnte bey/
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Und daß dir/ der du pflegst die Rechte zu ergründen/
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So gäntzlich unbekand deß Todes Urtheil sey/
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Nein; einen weisen Mann betrübt kein Ungelücke/
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Wie grausam es auf ihn mit allen Wettern kracht;
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Doch wenn den Seneca durch ihre Liebes-Blicke/
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Paulina noch zu letzt in seiner Wann anlacht/
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So sinckt ihm Geist und Muth. Bey außgeklärten Tagen
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Kan Witz/ Sinn und Vernunfft mit Lust spatzieren gehn;
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So bald die Keil ins Hauß/ darinn wir wohnen/ schlagen/
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So will nur Fleisch und Blut das Ubel nicht verstehn.
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Und muß doch offt der Artzt/ der ihr sonst viel errettet/
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Umb Hülff und treuen Rath zu seinem Nechsten fliehn/
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Und unerschrocken sehn/ wie man sein Lager bettet/
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Auff welchem er gewiß wird zu den meisten ziehn.
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Ins Leid versenckter Freund/ wie willig ich zu dienen/
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Und wie mich deine Gunst darzu verbunden hält;
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Wie ich bey Gräbern mehr als Freuden bin erschienen/
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So glaube/ daß mein Schluß und Vorsatz gantz zerfällt.
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Jxion liegt nicht so auff seiner Marter-Speiche/
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Als mich der Kranckheit Schmertz erbärmlich hat gereckt/
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Der Geist lebt noch in mir/ sonst bin ich eine Leiche/
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Und gleich Verblichenen gedehnet und gestreckt.
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Zu dem erwege doch/ ein Quell muß jetzt verseigen/
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Und auch ein fündig Gang gewehrt nicht immer Gold:
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Kau doch der reiche Herbst nicht allzeit Früchte zeigen;
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Ist doch das gantze Jahr nicht Graß und Blumen hold.
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Wie soll denn mein Gemüth unendlich können blühen/
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Deß Leibes Leiden greifft zugleich die Geister an.
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Und wird ein solches Blat den Leser nach sich ziehen
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Das nicht mit Kunst und Zier ihn recht vergnügen kan.
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Ein Läuffer muß doch ruhn/ wenn er genug gelauffen:
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Der beste Fechter wird nach vielem kämpffen matt;
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Bey mir kommt Leich auf Leich und Reim auff Reim zu hauffen/
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So daß man wenig Zeit recht nach zu dencken hat.
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Dem allem ungeacht/ so bring ich die
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Laß diese schöne Frucht ein Bild der
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Wie ihr annehmlich Safft den Krancken pflegt zu rathen/
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So schläffre der bey dir die heissen Schmertzen ein.
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Wird nicht deß Heylands Brant/ und ihre Purpur-Wangen
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Verglichen mit dem Ritz der in Granaten klafft:
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Und sagt sie wieder nicht? Komm/ eile/ mein Verlangen/
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Ich träncke dich mit Most von meiner Aepffel Safft.
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War dem Granaten Baum dein Schatz nicht zuvergleichen/
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Die unter Creutz und Schmertz doch ihres
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Und führt die Kirche wol ein ander Glaubens-Zeichen/
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Als wenn sie sich gefärbt im Blut der Märtrer schaut?
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Als sie genug geritzt von bangem Seiten-stechen/
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Wie rieff sie: Labet mich mit seiner Aepffel Gut;
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Ich bin vor Liebe kranck/ mein Hertze will zerbrechen/
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Erquickt mich doch mit nichts als deß Erlösers Blut.
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Auß diesem Lebens-Safft/ auß diesen Heil-
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Will ich der Ewigkeit beseelten Nectar ziehn:
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Gebt/ was verwesen kan deß Grabes schwartzen Schatten.
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Es mag mein welcker Leib den Blumen gleich verblühn.
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Asträens Ruhm und Licht/ in solcher Glut entzündet
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Ließ der Geliebtste Schatz den Jrrsal dieser Zeit/
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Jhr Leben/ das auf Gott und Tugend war gegründet
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Versichert/ daß es noch dein mattes Hertz erfreut.
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Wie der Granaten-Baum zwar niedrig in den Zweigen
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Und dünn an Aesten ist/ doch reich an edler Frucht/
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So war der Liebsten Zweck durch Demuth sich zu zeigen/
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Den Stern der Tugenden und denn durch keusche Zucht.
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Hat ein Granaten-Knopff des Priesters Rock geziehret/
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So schmückte sie gewiß dein Hauß mit neuem
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Und hat sie Salomon umb seinen Stul geführet/
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So gaben sie bey dir des Ehbets schönsten Krantz.
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Sie nannte dich ja stets die Krone von Granaten/
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Jhr Baum der muste blühn durch deinen Sonnenschein.
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Und siehst du traurig an die auffgesproßne Schnaten/
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So pflantzen sie dir stets der Mutter Namen ein.
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Wie schlecht der Apffel auch von aussen pflegt zu gläntzen/
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Da geht ihm Pomerantz/ Quitt und Citrone für;
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So weicht/ so bald ein Schnitt sein Mittel wird zergäntzen/
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Der Körner-reichen Reyh auch der Rubinen Zier.
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Nicht anders mühte sich dein ander Hertz zu leben/
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Als daß ihr innres Hertz an Tugend-Früchten schön.
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Sie liebte nicht den Schein der Welt von sich zu geben
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Und wolte mehr vergnügt auf GOttes Wegen gehn.
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Deß Apffels Körner sind noch ihres Blutes Früchte/
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Und Zeugen eurer Lieb/ und Siegel eurer Treu-
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Die jetzund hochbetrübt mit kläglichem Gesichte
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Der Mutter stimmen an das letzte Leich-
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So kan die äußre Schal ihr inn’res Marck nicht decken/
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Als sie mit ihrer Treu die Kinder stets bewacht.
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So tieff kan nicht ein Kern in seinen Fächern stecken/
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Als sie vor sie gesorgt bey Tag und auch bey Nacht.
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Nun diese Mutter stirbt/ gleich wie
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Wenn reiffe Fruchtbarkeit die mürbe Schale bricht:
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Da jetzt pflegt jeder Baum die Aepffel abzuschmeissen/
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So segnet sie anjetzt das göldne Sonnen-Licht.
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Ein Gärtner sieht erblast mit Zittern und mit Zagen/
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Wenn ihm der Norden-Wind hat einen Baum gestürtzt.
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Der Themis wahrer Ruhm/ und soltest du nicht klagen/
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Nun deinem Eh Gemahl der Tod das Leben kürtzt:
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Was kan wol schmertzlicher hier auff der Welt erscheinen?
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Dergleichen Seelen-Rieß hat dich noch nicht gebeugt.
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Das Winseln und das Schreyn der unerzognen Kleinen
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Macht/ daß dir fast der Quell deß Lebens gantz verseugt.
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So reicht ihn selbst dein Schatz durch ihre Gaben dar.
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Deß Hertzens Zittern stillt der Syrup von Margranden/
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Es stille doch dein Leid ihr Ehren-volle Bahr!
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Entgeht sie dir schon früh/ so wird doch ihre Tugend
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Der allerbeste Safft den Schmertz zu kühlen seyn.
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Welckt wie Granaten-Blüt auch ihre frische Jugend/
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Deß Todes blasser Herbst reist alles Blumwerck ein.
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Der Höchste segne nur die hinterlaßne Zweige/
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Daß sie Granaten gleich auffwachsen mit der Zeit!
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Daß es zu trauren weiß/ und hegt nicht ewig Leid.