1
Als Seneca das Licht und Wunder kluger Sinnen/
2
Der Weißheit Inbegrieff/ der Wissenschafften Ziel/
3
Nachdem der Blut-Tyrann nicht ärger wüten können/
4
Auch in sein’ Ungenad und Halsgerichte fiel/
5
Und must auffs Käisers Wort die Adern ihm zerschneiden/
6
Ließ die Paulina da ein herrlich Beyspiel schaun.
7
Ach! sprach sie/ mein Gemahl/ uns kan der Tod nicht scheiden/
8
Mir sol noch für dem Stahl/ noch für dem sterben graun.
9
Vergönne mir den Ruhm zugleich mit zuverblassen/
10
Getreue Liebe ist viel stärcker als der Tod.
11
Ich wil/ ein Römisch Weib die Nachwelt wissen lassen/
12
Daß meine treue Gluth besiegt die letzte Noth.
13
Sie schloß und hieß das Blut aus beyden Armen springen/
14
Biß Nero sie durch Zwang zum Leben wieder rieff.
15
Allein ihr blass Gesicht entdeckt’ in allen Dingen
16
(daß keine Röthe mehr wie vormahls überlieff/)
17
Es steck’ ihr Senecens Gedächtnüß noch im Hertzen/
18
Mit ihm sey auch zugleich die Lust des Lebens hin.
19
Der längere Verzug erweiß’ ihr nichts als Schmertzen/
20
Und ein geschwinder Tod wär’ eintzig ihr Gewinn.
21
Gar in weit anderm Fall/ und seeligerm Vergnügen/
22
Doch nicht in mindrer Treu/ und reiner Liebe Preiß
23
Wil Frau von Assigin sich itzt zur Ruh verfügen/
24
Und ihren Fuß entziehn der Eitelkeiten Kreiß.
25
Als unser Senecn/ ihr Eh-Schatz/ ist entwichen/
26
Und dieser Sterbligkeit gegeben gute Nacht/
27
Da ist ihr bestes Theil des Lebens mit verblichen/
28
Sein Grab hat ihr die Bahn bald nach zugehn gemacht.
29
Eh’ noch zum fünfften mahl das Silber ihrer Wangen/
30
Der Nächte Trost und Zier die Cynthia entdeckt/
31
So muß ein gleiches Grab diß edle Paar umbfangen/
32
Und beyder Leichen sind in einen Sand gestreckt.
33
So wünschet ihm Pontan/ der Ruhm gelehrter Zeiten/
34
So bald er nur entseelt bey seinem Schatz zu seyn/
35
Er wil sonst nirgend ruhn/ als nur an ihrer Seiten/
36
Und baut bey Leben noch ihm Grufft und Grabe-Stein.
37
In Meinung/ daß sich auch die leichten Schatten küssen/
38
Und die Vereinigung der Asche wie verneut’
39
Daß sich die Geister noch wie in die Armen schliessen/
40
Und solche Gegenwart sie beyderseits erfreut.
41
Petrarcha wil auch so bey seiner Laura sterben/
42
Und Abelardens Leib Helissens Nachbar seyn.
43
Es kan die Panthea kein grösser Lob erwerben/
44
Als wenn ihr eigner Tod salbt Abradaten ein.
45
Philemon weiß nichts mehr von Göttern auszubitten/
46
Nachdem der Jahre Schnee ihn und die Baucis drückt/
47
Als daß ihr Faden nur zugleich sey abgeschnitten/
48
Und eine Stunde sie auß diesem Leben schickt.
49
Ja meint man/ daß nicht auch bey seinem Schmertz und Jammer/
50
Als Herr von Assig satt deß eiteln Lebens war/
51
Er seinem Schatz gerufft: Fleuch Freundin in die Cammer/
52
Verbirg dich/ Freundin fleuch/ hier ist nichts als Gefahr.
53
Die beste Ruhestatt ist nur im Sarg zu finden/
54
Ein Haus voll Sicherheit bereitet uns das Grab.
55
Beseufftze nicht so sehr mein seeliges Entbinden/
56
Ich wünsche/ daß ich dich bald zur Gefertin hab.
57
Und wohl! es ist geschehn. Die ewig-treuen Flammen/
58
In welchen jederzeit der Seel’gen Hertz gebrannt/
59
Verleschet nicht der Tod er bringt sie mehr zusammen/
60
Daß ihrer Liebe Licht werd’ auch im
61
Die unverruckte Treu/ das Tugend-volle Leben/
62
Der Sitten Freundligkeit entfernt von Gleißnerey/
63
Die haben ihrer Eh’ das Zeugnüß längst gegeben/
64
Wie sie ein Paradieß vollkommner Liebe sey.
65
Denn obwol dieser Schmertz unmöglich zuergründen/
66
Wenn zweyer Seelen Band der grimme Tod zerreist.
67
So konte doch ihr Sinn sich willig darein finden/
68
Sie wuste/ daß es GOtt beschlossen/ und auch heist.
69
Umbsonst weist Seneca Paulinens treue Seele
70
Auff seines Lebens Ruhm in Tugenden vollbracht.
71
Jhr Eh-Schatz wiese sie zu dessen Wunden-Höle/
72
Der für das Heil der Welt am Creutze hat geschmacht.
73
Paulinen hat allein die Ehrsucht angezündet/
74
Daß ein gesellter Tod ihr gebe Ruhm und Licht.
75
Nein/ unßre Seelige hat auf den Fels gegründet/
76
Der uns deß Himmels Bau/ und nicht die Welt verspricht.
77
Zu dem/ Herr Assigs Ruhm war ihre schönste Leuchte/
78
Dem längst das Vaterland sich hoch verbunden weiß.
79
Sie wuste/ daß sein Lob biß an die Sternen reichte
80
Er selbst unsterblich war durch seiner Dienste Preiß.
81
So girrt in Wäldern nicht die ärmste Turtel-Taube/
82
Wenn itzt deß Falcken List den Eh-Genossen greifft/
83
So sehnlich sieht sie nicht nach dem gestolnen Raube/
84
Wenn sein behender Flug die freye Lufft durch streifft.
85
Als unsre Seelige mit unerschöpfften Thränen
86
Deß Liebsten Grab benetzt/ den herben Tod beklagt.
87
Ja gern ihr auch den Weg zu selbem wollen bähnen/
88
Wenn nicht ihr Christenthum was heilsamers gesagt.
89
Es sey das Morgenland in diesem Wahn ersoffen/
90
Das bey der Männer Leich auch ihre Weiber brennt;
91
Es steh der Porcia die Brust durch Dolchen offen/
92
Die Treu der Arria werd’ auß der Kohl’ erkennt;
93
So ists ein Aberwitz der rasenden Gemüther/
94
Theils die der Schmertz erhitzt/ theils Ehrgeitz angeflammt!
95
Was sucht ihr toller Sinn? nichts als des Ruhmes Güter/
96
Krafft welcher sie zugleich mit Leib und Seel verdammt.
97
Ach Frau von Assigin hat anders was erwehlet/
98
Und Gottes Finger schrieb ihr tieff ins Hertz hinein:
99
Daß Seelen/ so allhier in Frieden sind vermählet/
100
In Freuden wieder dort im Himmel solten seyn/
101
Denn stund ihr Hoffen nur und feuriges Verlangen
102
Zufolgen ihrem Schatz/ zu ruhen in der Grufft.
103
Jtzt hat sie hohen Lohn für ihre Treu empfangen/
104
Sie schläffet neben ihm biß ihr der Höchste rufft.
105
Betrübtste die ihr sie an Mutterstatt geehret/
106
Und auß verwandtem Blut biß in das Grab geliebt/
107
Frolockt der Seeligen/ sie ist vergnügt erhöret/
108
Nun GOtt ihr ihren Schatz und auch den Himmel gibt.