Die biß in Tod treu-beständige Liebe/ Bey Beerdigung Fr. R. v. A. g. B. entworf- fen den 13. Septembr. 1676.

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Heinrich Mühlpfort: Die biß in Tod treu-beständige Liebe/ Bey Beerdigung Fr. R. v. A. g. B. entworf- fen den 13. Septembr. 1676. (1686)

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Als Seneca das Licht und Wunder kluger Sinnen/
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Der Weißheit Inbegrieff/ der Wissenschafften Ziel/
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Nachdem der Blut-Tyrann nicht ärger wüten können/
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Auch in sein’ Ungenad und Halsgerichte fiel/
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Und must auffs Käisers Wort die Adern ihm zerschneiden/
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Ließ die Paulina da ein herrlich Beyspiel schaun.
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Ach! sprach sie/ mein Gemahl/ uns kan der Tod nicht scheiden/
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Mir sol noch für dem Stahl/ noch für dem sterben graun.
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Vergönne mir den Ruhm zugleich mit zuverblassen/
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Getreue Liebe ist viel stärcker als der Tod.
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Ich wil/ ein Römisch Weib die Nachwelt wissen lassen/
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Daß meine treue Gluth besiegt die letzte Noth.
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Sie schloß und hieß das Blut aus beyden Armen springen/
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Biß Nero sie durch Zwang zum Leben wieder rieff.
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Allein ihr blass Gesicht entdeckt’ in allen Dingen
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(daß keine Röthe mehr wie vormahls überlieff/)
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Es steck’ ihr Senecens Gedächtnüß noch im Hertzen/
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Mit ihm sey auch zugleich die Lust des Lebens hin.
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Der längere Verzug erweiß’ ihr nichts als Schmertzen/
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Und ein geschwinder Tod wär’ eintzig ihr Gewinn.
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Gar in weit anderm Fall/ und seeligerm Vergnügen/
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Doch nicht in mindrer Treu/ und reiner Liebe Preiß
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Wil Frau von Assigin sich itzt zur Ruh verfügen/
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Und ihren Fuß entziehn der Eitelkeiten Kreiß.
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Als unser Senecn/ ihr Eh-Schatz/ ist entwichen/
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Und dieser Sterbligkeit gegeben gute Nacht/
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Da ist ihr bestes Theil des Lebens mit verblichen/
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Sein Grab hat ihr die Bahn bald nach zugehn gemacht.
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Eh’ noch zum fünfften mahl das Silber ihrer Wangen/
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Der Nächte Trost und Zier die Cynthia entdeckt/
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So muß ein gleiches Grab diß edle Paar umbfangen/
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Und beyder Leichen sind in einen Sand gestreckt.
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So wünschet ihm Pontan/ der Ruhm gelehrter Zeiten/
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So bald er nur entseelt bey seinem Schatz zu seyn/
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Er wil sonst nirgend ruhn/ als nur an ihrer Seiten/
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Und baut bey Leben noch ihm Grufft und Grabe-Stein.
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In Meinung/ daß sich auch die leichten Schatten küssen/
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Und die Vereinigung der Asche wie verneut’
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Daß sich die Geister noch wie in die Armen schliessen/
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Und solche Gegenwart sie beyderseits erfreut.
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Petrarcha wil auch so bey seiner Laura sterben/
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Und Abelardens Leib Helissens Nachbar seyn.
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Es kan die Panthea kein grösser Lob erwerben/
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Als wenn ihr eigner Tod salbt Abradaten ein.
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Philemon weiß nichts mehr von Göttern auszubitten/
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Nachdem der Jahre Schnee ihn und die Baucis drückt/
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Als daß ihr Faden nur zugleich sey abgeschnitten/
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Und eine Stunde sie auß diesem Leben schickt.
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Ja meint man/ daß nicht auch bey seinem Schmertz und Jammer/
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Als Herr von Assig satt deß eiteln Lebens war/
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Er seinem Schatz gerufft: Fleuch Freundin in die Cammer/
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Verbirg dich/ Freundin fleuch/ hier ist nichts als Gefahr.
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Die beste Ruhestatt ist nur im Sarg zu finden/
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Ein Haus voll Sicherheit bereitet uns das Grab.
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Beseufftze nicht so sehr mein seeliges Entbinden/
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Ich wünsche/ daß ich dich bald zur Gefertin hab.
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Und wohl! es ist geschehn. Die ewig-treuen Flammen/
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In welchen jederzeit der Seel’gen Hertz gebrannt/
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Verleschet nicht der Tod er bringt sie mehr zusammen/
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Daß ihrer Liebe Licht werd’ auch im
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Die unverruckte Treu/ das Tugend-volle Leben/
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Der Sitten Freundligkeit entfernt von Gleißnerey/
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Die haben ihrer Eh’ das Zeugnüß längst gegeben/
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Wie sie ein Paradieß vollkommner Liebe sey.
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Denn obwol dieser Schmertz unmöglich zuergründen/
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Wenn zweyer Seelen Band der grimme Tod zerreist.
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So konte doch ihr Sinn sich willig darein finden/
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Sie wuste/ daß es GOtt beschlossen/ und auch heist.
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Umbsonst weist Seneca Paulinens treue Seele
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Auff seines Lebens Ruhm in Tugenden vollbracht.
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Jhr Eh-Schatz wiese sie zu dessen Wunden-Höle/
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Der für das Heil der Welt am Creutze hat geschmacht.
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Paulinen hat allein die Ehrsucht angezündet/
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Daß ein gesellter Tod ihr gebe Ruhm und Licht.
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Nein/ unßre Seelige hat auf den Fels gegründet/
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Der uns deß Himmels Bau/ und nicht die Welt verspricht.
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Zu dem/ Herr Assigs Ruhm war ihre schönste Leuchte/
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Dem längst das Vaterland sich hoch verbunden weiß.
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Sie wuste/ daß sein Lob biß an die Sternen reichte
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Er selbst unsterblich war durch seiner Dienste Preiß.
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So girrt in Wäldern nicht die ärmste Turtel-Taube/
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Wenn itzt deß Falcken List den Eh-Genossen greifft/
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So sehnlich sieht sie nicht nach dem gestolnen Raube/
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Wenn sein behender Flug die freye Lufft durch streifft.
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Als unsre Seelige mit unerschöpfften Thränen
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Deß Liebsten Grab benetzt/ den herben Tod beklagt.
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Ja gern ihr auch den Weg zu selbem wollen bähnen/
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Wenn nicht ihr Christenthum was heilsamers gesagt.
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Es sey das Morgenland in diesem Wahn ersoffen/
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Das bey der Männer Leich auch ihre Weiber brennt;
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Es steh der Porcia die Brust durch Dolchen offen/
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Die Treu der Arria werd’ auß der Kohl’ erkennt;
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So ists ein Aberwitz der rasenden Gemüther/
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Theils die der Schmertz erhitzt/ theils Ehrgeitz angeflammt!
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Was sucht ihr toller Sinn? nichts als des Ruhmes Güter/
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Krafft welcher sie zugleich mit Leib und Seel verdammt.
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Ach Frau von Assigin hat anders was erwehlet/
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Und Gottes Finger schrieb ihr tieff ins Hertz hinein:
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Daß Seelen/ so allhier in Frieden sind vermählet/
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In Freuden wieder dort im Himmel solten seyn/
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Denn stund ihr Hoffen nur und feuriges Verlangen
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Zufolgen ihrem Schatz/ zu ruhen in der Grufft.
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Jtzt hat sie hohen Lohn für ihre Treu empfangen/
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Sie schläffet neben ihm biß ihr der Höchste rufft.
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Betrübtste die ihr sie an Mutterstatt geehret/
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Und auß verwandtem Blut biß in das Grab geliebt/
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Frolockt der Seeligen/ sie ist vergnügt erhöret/
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Nun GOtt ihr ihren Schatz und auch den Himmel gibt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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