1
So machst du dich so bald im Morgen erster Jahre/
3
Gibst den verblasten Leib der schwartz-bedeckten Bahre
4
Und deine reine Seel’ in des Erlösers Schoß?
5
So sol dein Bräutgam dich so früh in Rosen weiden/
6
Und magst das Leben nicht mit seinem Schatten sehn?
7
So eilst du franck und frey zu den gekrönten Freuden/
8
Und läst umbsonst nach dir der Seufftzer Winde wehn?
9
Gewiß dein Freyheits-Stand ist wol mit nichts zu gleichen
10
Und dein erlauchtes Heil geht allen Würden für.
11
Ach aber! wer entdeckt bey der entseelten Leichen
12
Was für ein tieffer Schmertz der
13
Je hefftiger die Lieb/ je grösser auch die Wunden/
14
Denn ihrem Ursprung nach entsprost sie aus dem Blut/
15
Und wird hinwiederumb zum zartesten empfunden
16
Wenn einen solchen Streich des Todes Mord-Beil thut.
18
Das Auge wie ein Brunn voll heisser Thränen stehn?
19
Nach dem so einen Sturm von rauhen Ungewittern.
20
Läst über euer Hauß der Schluß des Himmels gehn.
21
Die Tochter schau’n verblast/ so eure höchste Freude/
22
Ja gar auff dieser Welt das andre Leben hieß/
23
Des Vatern Trost und Lust/ der Mutter Augen-Weide.
24
Sehn auff der Baare stehn/ diß ist ein Seelen-Rieß.
25
Hält denn die Wütterey des Todes nichts zurücke?
26
Kont ihre Liebligkeit und Anmuth nicht entfliehn?
27
Wo bleibt ihr munter Geist/ die freundlich-holden Blicke?
28
Muß diese Blume denn im ersten Lentz verblühn?
29
Ach ja der Augen Liecht/ so Sternen gleich gestralet/
30
Blickt in der Sterbligkeit nicht mehr die Eltern an:
31
Der Mund/ den Lieb und Huld mit Rosen übermahlet/
32
Er zehlt nicht wie zuvor/ was sie ergetzen kan:
33
Der Glieder Schnee zergeht/ der Jahre Wachs zerrinnet
34
Die sittsame Gestalt/ so allen wol gefiel/
35
Verstellt des Todes Grimm/ die Tugend liegt entsinnet/
36
Die Anmuth abgemeyht/ es schläfft nun Schertz und Spiel.
37
Hier muß absonderlich der Mutter Hertze bluten/
38
Nun ihrer Müh und Fleiß gerathner Seegen fällt.
39
Bevor/ wenn sie erwegt/ wie stets zu allem guten
40
Von erster Kindheit an die Zucht war angestellt.
41
Wie ihre Gottes furcht dem Schöpffer dieser Erden
42
Ein angenehm Geruch und Opffer müssen seyn/
43
Daß er sie hier so bald vollkommen lassen werden/
44
Und holet sie so früh zu sich in Himmel ein.
45
Denn sind die Tugenden/ in denen sie geblühet/
47
Wie sie zwar zart und jung in Wirthschafft sich bemühet/
48
Und auff die Häußligkeit war von Natur gericht.
49
So viel Behägligkeit/ so viel geprießne Gaben/
50
So einen Freuden-Schatz deckt nun die lange Nacht.
51
Wird nicht der Mutter Hertz die Helffte mit begraben/
52
Indem sie schier der Fall zu einer Leiche macht.
53
Das heist vor Wonn’ und Lust in Staub und Asche sitzen/
54
Und vor den Ehren-Rock jetzt einen Sack anziehn/
55
Seh’n über seinem Koff nichts als Cometen blitzen/
56
Und in gehäuffter Angst erhitzter Trübsal glühn.
58
Ein herrlicher Gewin hat den Verlustersetzt.
59
Die liebste Tochter die begrüst die Freuden-Hügel/
60
Wird in des Lammes Schoß getröstet und ergetzt.
61
Jhr must dem grossen GOtt sein Pfand nur wiedergeben/
62
Das Er auff kurtze Zeit euch Eltern anvertraut.
63
Wer wil dem Gärtner wol den Umsatz je verheben/
64
Wenn er zu seiner Blum in besser Erdreich schaut?
65
Gott hat die Rechnung schon ob unserm Thun geschlossen/
66
Den einen rufft er früh’/ den andern spät davon.
67
Ein williger Soldat/ der folget unverdrossen/
68
Wer widerspenstig ist/ hat Straff und Schmach zu Lohn.
69
Recht Christliche Gedult muß hier den Schmertz besiegen/
70
Den gleichfalls auch die Zeit in ewas linder macht/
71
Der HErr hat es gethan/ und wollen so verfügen/
72
Daß euer Tochter früh der Erden Tand verlacht.
73
Jhr unerschöpffter Glantz steigt über Sonn’ und Sterne/
74
Jhr weisses Unschulds-Kleid sticht Lilg’ und Seiden hin/
75
Sie sieht das grosse Rund nun unter sich von ferne/
76
Und kan im Paradieß als Käiser-Kront blühn.
77
Die Engel locken sie zu neuen Sieges-Liedern;
78
Daß ihr beflammter Mund ein Halleluja singt.
79
Was traurt ihr Eltern denn/ daß ihr den Rest von Gliedern
80
Der alten Mutter-Schoß der Erden wiederbringt?
81
Auch diß verweste Fleisch wird dermaleinsten grünen/
82
Und der Unsterbligkeit verklärtes Bildnüß seyn.
83
Ehrt jetzt der Tochter Grab mit Nelcken und Jeßminen/
84
Und stört durch Klagen nicht die ruhigen Gebein.
85
Es stehn die Gratien bemüht den Sarck zu schmücken/
86
Jedwede trägt ein Kraut zum Angedencken bey.
88
Weil ihrer Tugend-Ruhm zu preisen würdig sey.
90
Nun sie für allem Schmuck des Himmels Schönheit ziert.
91
Aglaja/ ihrer noch unendlich zugedencken/
93
Das andre Nymfen-Volck bricht frische Roßmarinen/
94
Und was an Vorrath noch der Sommer übrig hat/
95
Aus treuer Lieb und Pflicht das Grab-Mahl zu bedienen/
97
Wol dem! der zeitlich kan der Dienstbarkeit entrinnen/
98
Und aus dem Dränger-Stall und Marter-Hause fliehn.
99
Last/ Eltern/ weiter nicht die bittern Zähren rinnen/
100
Den allgemeinen Weg muß jedes von uns ziehn.
101
Ich weiß/ wenn sich der Zug der Regungen wird legen/
102
Daß euer Zunge spricht:
103
Man kan des Höchsten Rath durch grübeln nicht erwegen/
104
Die sind am seeligsten/ die glauben und nicht sehn.