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Mein Lehrer/ gehst du auch nun Lebens-satt zu Grabe/
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Der meine Kindheit hat mit Musen-Milch ge-
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Ich seufftze daß ich nicht was Geister-reiches habe:
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Es solte deinem Sarch aus Liebe seyn geschenckt
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Du wohlbewehrter Mann der in dem schweren Stande/
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Ein ander Hercules/ viel Ungeheur bekämpfft;
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Gibst nun die Seele GOtt/ den welcken Leib dem Sande/
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Und hast des Teuffels List/ den Hohn der Welt gedämpfft.
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Es heist die Danckbarkeit mich dir ein Denckmahl bauen;
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Denn treuer Lehrer Fleiß verdient den höchsten Danck.
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Dein Bildnüß kan ich nicht in Ertzt und Marmel hauen;
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Es fehlt mir an der Kunst/ und meine Faust ist kranck.
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Zu dem/ was helffen auch dergleichen Ehren-Säulen/
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Die zwar vom Lob’ erfüllt von Wahrheit aber bloß?
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Genung/ daß unsre Stadt dir kan den Ruhm ertheilen/
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Wie du ihr junges Volck geführt zu Pindus Schloß.
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Diß ist ein wichtig Ampt/ dem meuschlichen Geschlechte
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Hoch nützbar/ und ein Grund vollkommner Policey.
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Wo gute Schulen sind/ da wachsen Künst und Rechte;
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Da blüht gemeines Heil/ und stirbt die Barbarey.
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Die Nutzen nicht allein die Purpur hält umbgeben/
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Und die der Ehren-Liecht auff hohen Stuffen führt.
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Die bey Regierungen und Staats-Geschäfften leben/
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Und derer Namen stets ein langer Titel ziert.
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Nein: Wer die Jugend weiß zur Tugend anzuweisen/
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Von Lastern abzuziehn/ bey der verkehrten Welt:
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Lehrt/ wie Gerechtigkeit/ wie Gottesfurcht zu preisen/
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Und wie die Weißheit sey weit köstlicher als Geld.
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Und welch ein edel Schatz verbleib ein rein Gewissen/
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Das bey der letzten Fahrt den Tod versüssen kan.
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Dem wird man ja mit Recht das Zeugnüß geben müssen/
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Er sey für aller Welt ein Ehrenwehrter Mann.
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Gesetzt/ daß auch solch Ampt nicht in die Augen strahlet/
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Als wenn ein Cicero das gantze Rom bewegt.
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Und daß die saure Müh nie wird so theur bezahlet/
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Als dem/ der über Meer uns frembdes Gut zuträgt.
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So ist die Tugend doch ihr eigner Glantz und Krone/
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Wie groß die Finsternüß: Sie dringt durch Wolck uñ Nacht.
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Zu dem sagt GOttes Mund von einem grossen Lohne/
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Der Reichthum/ Schätz und Geld zu Spott und Schanden
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Es blendet uns der Schein der euserlichen Dinge/
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Wir sehn das wahre Gut mit halben Augen an.
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Und was die Tugend lehrt/ das achten wir geringe/
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Vertiefft im Dünckelwitz/ bethört durch falschen Wahn.
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Von keiner Herrligkeit noch stoltzer Pracht geziert;
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So bist du doch in dem dergleichen Meister worden/
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Der tausend Seelen hat dem Himmel zugeführt.
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Du hast die Gottesfurcht den untergebnen Knaben
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In unverruckter Treu ersprießlich beygebracht;
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Und wustest/ daß die offt ein schlechtes Zeugnüß haben/
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Die man zwar für gelehrt/ doch nie für fromm geacht.
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Denn war dein eintzig Fleiß den Grund recht wol zu legen.
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Wenn Schülern der gebricht/ so säen sie in Sand.
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Der Seegen kam darzu/ du brachtest diß zuwegen/
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Daß zarten Kindern auch war gut Latein bekandt.
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Es wird ein Thraso wol ob diesem Lobspruch lachen:
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Doch wo bey erster Zucht wir hier saumseelig seyn/
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So dürffen wir uns denn kein andre Rechnung machen;
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Der Fehler stellt sich auch im Ampt und Alter ein.
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Denn bist du von der Bahn des Lehrens nie gewichen/
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Du hast die Tugenden den Hertzen eingeprägt/
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Und stets mit Ruhm belohnt: die Fehler ausgestrichen/
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Zum guten Beyspiel stets die Knaben angeregt.
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Jhr Fleiß/ war dein Triumff/ die Freud’ im wolgerathen
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Viel grösser/ als wenn Rom die Bürger-Meister macht.
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So freut der Gärtner sich wenn seine junge Schnaten
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Ein fruchtbar Sonnenschein zum Wachsthum aufgebracht.
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Und sol ich die Gedult bey dieser Müh erwegen/
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Wie redlich hast du nicht du werther Greiß getaurt!
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Wenn ihr verstockter Sinn mit Boßheit stund verm aurt.
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Ja neun und dreyssig Jahr in solchem Zirckel lauffen/
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Ist ein weit schwerer Werck als ein Olympisch Spiel.
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Es bringe Griechenland sein Rennen gantz zu hauffen/
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Sein Schweiß/ sein Staub und Müh/ sind nichts für diesem
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Der arge Neid weiß sonst dies’ Arbeit stets zu tadeln/
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Die er aus Zärtligkeit doch nicht verrichten kan.
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Hingegen wil GOtt so das Ampt und Lehrer adeln/
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Daß sie sind Sternen gleich/ mit Klarheit angethan.
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Du Seelger Lehrer du/ den Creutz und Noth bewehret/
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Schlaff in der Erden-Schoß/ du hast genung gewacht.
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Du fühlst nicht mehr den Schmertz der deinen Leib verzehret/
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Du sihst nicht mehr die Angst so dir offt heiß gemacht.
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Dein Leben schien wol recht ein Meer voll Bitterkeiten/
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Als in des Wassers-Fluth der ältste Sohn ertranck/
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Den andern kurtz hernach der Tod dich hieß begleiten:
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Wer sah nicht wie dein Geist im trauren da versanck!
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Und was erwehn ich viel die Jammer-vollen Fälle?
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Ich schätze dich beglückt/ der du hast obgesigt/
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Dein Schulen-Ampt vertauscht mit einer bessern Stelle/
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Und Trübsal/ Angst und Noth/ zugleich begraben ligt.
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Kein Tagelöhner kan so nach dem Abend ruffen/
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Da seiner Arbeits Last gewünschtes Ende nimmt/
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Als du von deinem GOtt mit beten/ seufftzen/ hoffen/
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Dein Stündlein hast begehrt/ so über dich bestimmt.
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Du bist wie Simeon in Frieden hingefahren/
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Von Kräfften abgeschwächt/ des sauren Lebens satt;
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Nun schweben umb dich rumb der Cherubinen Schaaren/
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Da deine Herrligkeit kein Ziel noch Ende hat.
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Mein Lehrer/ ich wil nicht dein ruhig Grab entweyhen/
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Und schreibe weit entfernt von aller Heucheley:
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Mir wird gemeine Stadt den Beyfall gern verleyhen/
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Daß so ein Schulen-Mann ein edles Kleinod sey.