Trost-Schreiben/ An Hn. F. K. d. R. in D. über das Absterten seines Sohnes Hn. J. K. den 21. Au- gust. 1676.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Heinrich Mühlpfort: Trost-Schreiben/ An Hn. F. K. d. R. in D. über das Absterten seines Sohnes Hn. J. K. den 21. Au- gust. 1676. (1686)

1
Wje soll/ Woledler Herr/ mein Blat ihn nicht er- schrecken/
2
Das diese Botschafft bringt: der
3
Jedwede Zeile wird nach Gall und Wermuth schmecken/
4
Und meine gantze Schrifft erfüllt nur Ach und Noth
5
So schlägt der Donner nicht mit ungeheuren Krachen
6
Und Schwefel-lichtem Blitz bey Vieh und Menschen ein/
7
Als diese Post sein Hertz itzt wird zu nichte machen/
8
Und ihn fast ohne Geist und Seele heissen seyn.
9
So wirfft ein Augenblick die gantze Hoffnung nieder/
10
Und aller Wünsche Zweck verkehrt des Todes Macht.
11
So sieht er seinen Trost der Jahre nicht mehr wieder/
12
Und deß Geschlechtes Stern sinckt in des
13
Welch Stoicus kan hier die heissen Thränen hemmen/
14
Das Zoll Geld der Natur bey unsrer Sterbligkeit/
15
Und wenn sie Strömen gleich die Augen überschwemmen/
16
So bilden sie nicht ab das innre Seelen-Leid.
17
Timanthes muß verhüllt den Agamemnon mahlen/
18
Wenn seine Tochter wird zum Opffer abgeschlacht.
19
Kein Pinsel gibt an Tag der heissen Liebe Strahlen
20
Die in der Eltern Hertz vor ihre Kinder wacht.
21
Die Güter des Gelücks sind schmertzlich zu verlieren
22
Stand/ Hoheit/ Ehre/ Ruhm schätzt man dem Leben gleich:
23
Doch seynd die Regungen weit hefftiger zu spüren/
24
Wenn unser Fleisch und Blut zertrennt deß Todes Streich.
25
Auf die man hat gebaut/ daß sie deß Stammes Erben/
26
Deß Namens Ewigkeit Fortpflantzer solten seyn/
27
Seh’n in der ersten Blüth/ im Lentz der Jahre sterben/
28
Bringt nur gedoppelt Leid und ungemeine Pein.
29
Und zwar/ Wol-Edler Herr/ was mehr den Schmertz ergrimmet/
30
Daß itzt in frembdem Sand sein Sohn erblassen muß/
31
Daß er abwesende den herben Abschied nimmet/
32
Und nicht auß Liebes-Pflicht ertheilt den letzten Kuß:
33
Daß nicht die Vater-Hand die Augen kan zudrücken/
34
Und biß ins schwartze Grab nachruffen:
35
Gehab dich ewig wol/ mein Hoffen und Erquicken!
36
Ach daß ich/
37
Denn tritt auch die Vernunfft dem Schmertzen an die Seite/
38
Stellt seine Grösse für und zeiget den Verlust/
39
Bemüht sich/ wie sie siegt bey solchem Zweiffel-Streite/
40
Und ob sie Rath und Trost kan reissen auß der Brust.
41
Bevor wenn sie die Lieb als Beystand ihr erwehlet
42
Und deß verblaßten Bild tieff in das Hertze drückt.
43
Wenn sie die süsse Zeit und Freuden-Tag’ erzehlet/
44
Da der geliebte Sohn das gantze Hauß erquickt.
45
Wie er so embsig war der Tugend nachzugehen/
46
Wie er durch Gottesfurcht den Grund darzu gelegt/
47
Und glaubte/ daß der Schatz auß den gestirnten Höhen
48
Unschätzbaren Gewinn die Zeit des Lebens trägt.
49
Wie er von guter Art und angenehmen Sitten/
50
Gleich einem schönen Baum behäglich hat geblüht/
51
Dem Guten nachgelebt/ den Lastern widerstritten/
52
Und in der Handlung sich mit grosser Treu bemüht.
53
Diß sind itzt der Vernunfft sehr scharff-gespitzte Pfeile/
54
Womit sie/ werther Herr/ sein Hertz zu theilen denckt:
55
Hier dient kein Podalier/ der solche Wunden heile/
56
Das beste Pflaster ist/ das uns der Himmel schenckt.
57
Der unverruckte Schluß von Ewigkeit gesprochen
58
Ist:
59
Ob dem die Augen früh/ und jenem spat gebrochen/
60
Wer kan den Schickungen des Höchsten widerstehn?
61
Wir eilen all’ ins Grab gleich Läuffern zu dem Ziele/
62
Ein kleiner Unterscheid kommt aus der Tage Flucht/
63
Wir treten in die Welt als wie zu einem Spiele/
64
Da jeder mit Begier nur bald das Ende sucht.
65
Was hat ein alter Greiß für Vortheil vor den Jungen?
66
Nichts/ als daß seinen Raum erweitert größre Noth;
67
Je mehr er durch die Zahl der Jahre ist gedrungen/
68
Je mehr er Marter fühlt Begleiter in den Tod.
69
Die Lebens Bitterkeit ist Kindern auch zu lange
70
Und seine Flüchtigkeit bejahrten auch zu schnell/
71
Und eh’ der Tod erscheint/ wie offt wird uns nicht bange!
72
Wie lechzet nicht die Seel als wie nach einer Quell!
73
Ja wenn wir alle Noth/ Gefahr und Angst ermessen/
74
So ist das längste Ziel nicht einer Elle breit.
75
Geschweige/ wenn wir recht zu leben gar vergessen/
76
Und selber uns verliehr’n in schnöder Uppigkeit.
77
Er kan
78
Daß er ihm nicht zugleich die bessern Freuden günnt.
79
Er ist ja nur voran auff kurtze Frist gegangen/
80
Er weiß/ daß sie entzweyt/ doch nicht getrennet sind.
81
Dem Allerhöchsten hat sein feiner Geist gefallen/
82
Weil er ihn früh entzeucht der Sünden-vollen Welt/
83
Da auff der Jugend Eyß viel gleiten/ ja wol fallen
84
Und statt der Tugenden seyn Lastern zugesellt.
85
Er darff auff dieser Welt nach Gütern nicht mehr reisen/
86
Nun er die Himmlischen erlangt zum Eigenthum/
87
Wer so den Wechsel schleust/ der ist recht klug zu preisen/
88
Und seine Handelschafft besteht für GOtt mit Ruhm.
89
Und ob die Mutter Stadt nicht sein Gebeine decket/
90
Der abgeseelte Leib ruht wol in jedem Sand.
91
Der Tod hat keinen Platz zum Sterben ausgestecket/
92
Den holt er auff der See/ und jenen auff dem Land’.
93
Es ist uns ja bewust/ daß hier kein ewig Bleiben:
94
Des Himmels Wohnungen sind unsre Vater-Stadt.
95
Da kan der liebste Sohn sich itzt als Bürger schreiben/
96
Da spührt er Uberfluß an Herrligkeit und Gnad.
97
Genug! Wol-Edler Herr/ ich muß mein Schreiben enden.
98
Ach könte doch zugleich der Schmertzen Ende seyn!
99
Er nehme nur getrost von GOttes Vater-Händen
100
Den Creutz Kelch voller Angst/ so er ihm schencket ein.
101
Auch mitten in dem Leid wird Freude sich entspinnen/
102
Wenn dieses Lob erschallt:
103
Gott nahm nach seinem Rath ihn zwar sehr früh von hinnen/
104
Doch trägt er diesen Ruhm zur Grabeschrifft davon.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.