Zu Aachen in seiner Kaiserpracht

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Friedrich Schiller: Zu Aachen in seiner Kaiserpracht Titel entspricht 1. Vers(1782)

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Zu Aachen in seiner Kaiserpracht,
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Im altertümlichen Saale,
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Saß König Rudolfs heilige Macht
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Beim festlichen Krönungsmahle.
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Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
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Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
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Und alle die Wähler, die sieben,
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Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
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Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
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Die Würde des Amtes zu üben.

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Und rings erfüllte den hohen Balkon
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Das Volk in freudgem Gedränge,
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Laut mischte sich in der Posaunen Ton
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Das jauchzende Rufen der Menge.
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Denn geendigt nach langem verderblichen Streit
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War die kaiserlose, die schreckliche Zeit,
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Und ein Richter war wieder auf Erden.
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Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
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Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr,
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Des Mächtigen Beute zu werden.

21
Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal
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Und spricht mit zufriedenen Blicken:
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»wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl,
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Mein königlich Herz zu entzücken;
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Doch den Sänger vermiß ich, den Bringer der Lust,
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Der mit süßem Klang mir bewege die Brust
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Und mit göttlich erhabenen Lehren.
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So hab ichs gehalten von Jugend an,
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Und was ich als Ritter gepflegt und getan,
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Nicht will ichs als Kaiser entbehren.«

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Und sieh! in der Fürsten umgebenden Kreis
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Trat der Sänger im langen Talare,
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Ihm glänzte die Locke silberweiß,
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Gebleicht von der Fülle der Jahre.
35
»süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold,
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Der Sänger singt von der Minne Sold,
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Er preiset das Höchste, das Beste,
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Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt,
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Doch sage, was ist des Kaisers wert
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An seinem herrlichsten Feste?«

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»nicht gebieten werd ich dem Sänger«, spricht
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Der Herrscher mit lächelndem Munde,
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»er steht in des größeren Herren Pflicht,
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Er gehorcht der gebietenden Stunde:
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Wie in den Lüften der Sturmwind saust,
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Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust,
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Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
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So des Sängers Lied aus dem Innern schallt
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Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt,
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Die im Herzen wunderbar schliefen.«

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Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
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Und beginnt sie mächtig zu schlagen:
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»aufs Weidwerk hinaus ritt ein edler Held,
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Den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
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Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoß,
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Und als er auf seinem stattlichen Roß
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In eine Au kommt geritten,
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Ein Glöcklein hört er erklingen fern,
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Ein Priester wars mit dem Leib des Herrn,
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Voran kam der Mesner geschritten.

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Und der Graf zur Erde sich neiget hin,
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Das Haupt mit Demut entblößet,
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Zu verehren mit glaubigem Christensinn,
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Was alle Menschen erlöset.
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Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld,
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Von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,
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Das hemmte der Wanderer Tritte,
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Und beiseit legt jener das Sakrament,
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Von den Füßen zieht er die Schuhe behend,
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Damit er das Bächlein durchschritte.

71
›was schaffst du?‹ redet der Graf ihn an,
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Der ihn verwundert betrachtet.
73
›herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
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Der nach der Himmelskost schmachtet.
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Und da ich mich nahe des Baches Steg,
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Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg
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Im Strudel der Wellen gerissen.
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Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil,
79
So will ich das Wässerlein jetzt in Eil
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Durchwaten mit nackenden Füßen.‹

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Da setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd
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Und reicht ihm die prächtigen Zäume,
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Daß er labe den Kranken, der sein begehrt,
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Und die heilige Pflicht nicht versäume.
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Und er selber auf seines Knappen Tier
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Vergnüget noch weiter des Jagens Begier,
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Der andre die Reise vollführet,
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Und am nächsten Morgen, mit dankendem Blick,
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Da bringt er dem Grafen sein Roß zurück,
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Bescheiden am Zügel geführet.

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›nicht wolle das Gott‹, rief mit Demutsinn
92
Der Graf, ›daß zum Streiten und Jagen
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Das Roß ich beschritte fürderhin,
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Das meinen Schöpfer getragen!
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Und magst dus nicht haben zu eignem Gewinst,
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So bleib es gewidmet dem göttlichen Dienst,
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Denn ich hab es
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Von dem ich Ehre und irdisches Gut
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Zu Lehen trage und Leib und Blut
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Und Seele und Atem und Leben.‹

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›so mög Euch Gott, der allmächtige Hort,
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Der das Flehen der Schwachen erhöret,
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Zu Ehren Euch bringen hier und dort,
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So wie Ihr jetzt ihn geehret.
105
Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt
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Durch ritterlich Walten im Schweizerland,
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Euch blühn sechs liebliche Töchter.
108
So mögen sie‹, rief er begeistert aus,
109
›sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus
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Und glänzen die spätsten Geschlechter!‹«

111
Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da,
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Als dächt er vergangener Zeiten,
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Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah,
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Da ergreift ihn der Worte Bedeuten.
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Die Züge des Priesters erkennt er schnell
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Und verbirgt der Tränen stürzenden Quell
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In des Mantels purpurnen Falten.
118
Und alles blickte den Kaiser an
119
Und erkannte den Grafen, der das getan,
120
Und verehrte das göttliche Walten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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