Die Götter Griechenlands

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Schiller: Die Götter Griechenlands (1782)

1
Da ihr noch die schöne Welt regieret,
2
An der Freude leichtem Gängelband
3
Selige Geschlechter noch geführet,
4
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
5
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
6
Wie ganz anders, anders war es da!
7
Da man deine Tempel noch bekränzte,
8
Venus Amathusia!

9
Da der Dichtung zauberische Hülle
10
Sich noch lieblich um die Wahrheit wand –
11
Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,
12
Und was nie empfinden wird, empfand.
13
An der Liebe Busen sie zu drücken,
14
Gab man höhern Adel der Natur,
15
Alles wies den eingeweihten Blicken,
16
Alles eines Gottes Spur.

17
Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen,
18
Seelenlos ein Feuerball sich dreht,
19
Lenkte damals seinen goldnen Wagen
20
Helios in stiller Majestät.
21
Diese Höhen füllten Oreaden,
22
Eine Dryas lebt' in jenem Baum,
23
Aus den Urnen lieblicher Najaden
24
Sprang der Ströme Silberschaum.

25
Jener Lorbeer wand sich einst um Hilfe,
26
Tantals Tochter schweigt in diesem Stein,
27
Syrinx' Klage tönt' aus jenem Schilfe,
28
Philomelas Schmerz aus diesem Hain.
29
Jener Bach empfing Demeters Zähre,
30
Die sie um Persephonen geweint,
31
Und von diesem Hügel rief Cythere,
32
Ach umsonst! dem schönen Freund.

33
Zu Deukalions Geschlechte stiegen
34
Damals noch die Himmlischen herab,
35
Pyrrhas schöne Töchter zu besiegen,
36
Nahm der Leto Sohn den Hirtenstab.
37
Zwischen Menschen, Göttern und Heroen
38
Knüpfte Amor einen schönen Bund,
39
Sterbliche mit Göttern und Heroen
40
Huldigten in Amathunt.

41
Finstrer Ernst und trauriges Entsagen
42
War aus eurem heitern Dienst verbannt,
43
Glücklich sollten alle Herzen schlagen,
44
Denn euch war der Glückliche verwandt.
45
Damals war nichts heilig als das Schöne,
46
Keiner Freude schämte sich der Gott,
47
Wo die keusch errötende Kamöne,
48
Wo die Grazie gebot.

49
Eure Tempel lachten gleich Palästen,
50
Euch verherrlichte das Heldenspiel
51
An des Isthmus kronenreichen Festen,
52
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
53
Schön geschlungne seelenvolle Tänze
54
Kreisten um den prangenden Altar,
55
Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,
56
Kronen euer duftend Haar.

57
Das Evoë muntrer Thyrsusschwinger
58
Und der Panther prächtiges Gespann
59
Meldeten den großen Freudebringer,
60
Faun und Satyr taumeln ihm voran,
61
Um ihn springen rasende Mänaden,
62
Ihre Tänze loben seinen Wein,
63
Und des Wirtes braune Wangen laden
64
Lustig zu dem Becher ein.

65
Damals trat kein gräßliches Gerippe
66
Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß
67
Nahm das letzte Leben von der Lippe,
68
Seine Fackel senkt' ein Genius.
69
Selbst des Orkus strenge Richterwaage
70
Hielt der Enkel einer Sterblichen,
71
Und des Thrakers seelenvolle Klage
72
Rührte die Erinnyen.

73
Seine Freuden traf der frohe Schatten
74
In Elysiens Hainen wieder an,
75
Treue Liebe fand den treuen Gatten
76
Und der Wagenlenker seine Bahn,
77
Linus' Spiel tönt die gewohnten Lieder,
78
In Alcestens Arme sinkt Admet,
79
Seinen Freund erkennt Orestes wieder,
80
Seine Pfeile Philoktet.

81
Höhre Preise stärkten da den Ringer
82
Auf der Tugend arbeitvoller Bahn,
83
Großer Taten herrliche Vollbringer
84
Klimmten zu den Seligen hinan.
85
Vor dem Wiederfoderer der Toten
86
Neigte sich der Götter stille Schar;
87
Durch die Fluten leuchtet dem Piloten
88
Vom Olymp das Zwillingspaar.

89
Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,
90
Holdes Blütenalter der Natur!
91
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
92
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
93
Ausgestorben trauert das Gefilde,
94
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
95
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
96
Blieb der Schatten nur zurück.

97
Alle jene Blüten sind gefallen
98
Von des Nordes schauerlichem Wehn,
99
Mußte diese Götterwelt vergehn.
100
Traurig such ich an dem Sternenbogen,
101
Dich, Selene, find ich dort nicht mehr,
102
Durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen,
103
Ach, sie widerhallen leer!

104
Unbewußt der Freuden, die sie schenket,
105
Nie entzückt von ihrer Herrlichkeit,
106
Nie gewahr des Geistes, der sie lenket,
107
Selger nie durch meine Seligkeit,
108
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
109
Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr,
110
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
111
Die entgötterte Natur.

112
Morgen wieder neu sich zu entbinden,
113
Wühlt sie heute sich ihr eignes Grab,
114
Und an ewig gleicher Spindel winden
115
Sich von selbst die Monde auf und ab.
116
Müßig kehrten zu dem Dichterlande
117
Heim die Götter, unnütz einer Welt,
118
Die, entwachsen ihrem Gängelbande,
119
Sich durch eignes Schweben hält.

120
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,
121
Alles Hohe nahmen sie mit fort,
122
Alle Farben, alle Lebenstöne,
123
Und uns blieb nur das entseelte Wort.
124
Aus der Zeitflut weggerissen, schweben
125
Sie gerettet auf des Pindus Höhn,
126
Was unsterblich im Gesang soll leben,
127
Muß im Leben untergehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.