Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich

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Friedrich Schiller: Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Titel entspricht 1. Vers(1782)

1
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
2
Möros, den Dolch im Gewande;
3
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
4
»was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«
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Entgegnet ihm finster der Wüterich.
6
»die Stadt vom Tyrannen befreien!«
7
»das sollst du am Kreuze bereuen.«

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»ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
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Und bitte nicht um mein Leben,
10
Doch willst du Gnade mir geben,
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Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
12
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
13
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
14
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.«

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Da lächelt der König mit arger List
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Und spricht nach kurzem Bedenken:
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»drei Tage will ich dir schenken.
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Doch wisse! Wenn sie verstrichen, die Frist,
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Eh du zurück mir gegeben bist,
20
So muß er statt deiner erblassen,
21
Doch dir ist die Strafe erlassen.«

22
Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
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Daß ich am Kreuz mit dem Leben
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Bezahle das frevelnde Streben,
25
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
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Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
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So bleib du dem König zum Pfande,
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Bis ich komme, zu lösen die Bande.«

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Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
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Und liefert sich aus dem Tyrannen,
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Der andere ziehet von dannen.
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Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
33
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
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Eilt heim mit sorgender Seele,
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Damit er die Frist nicht verfehle.

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Da gießt unendlicher Regen herab,
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Von den Bergen stürzen die Quellen,
38
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
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Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
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Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
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Und donnernd sprengen die Wogen
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Des Gewölbes krachenden Bogen.

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Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
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Wie weit er auch spähet und blicket
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Und die Stimme, die rufende, schicket,
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Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
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Der ihn setze an das gewünschte Land,
48
Kein Schiffer lenket die Fähre,
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Und der wilde Strom wird zum Meere.

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Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
51
Die Hände zum Zeus erhoben:
52
»o hemme des Stromes Toben!
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Es eilen die Stunden, im Mittag steht
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Die Sonne, und wenn sie niedergeht
55
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
56
So muß der Freund mir erbleichen.«

57
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
58
Und Welle auf Welle zerrinnet,
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Und Stunde an Stunde entrinnet.
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Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
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Und wirft sich hinein in die brausende Flut
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Und teilt mit gewaltigen Armen
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Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

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Und gewinnt das Ufer und eilet fort
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Und danket dem rettenden Gotte,
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Da stürzet die raubende Rotte
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Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
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Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
69
Und hemmet des Wanderers Eile
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Mit drohend geschwungener Keule.

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»was wollt ihr?« ruft er, für Schrecken bleich,
72
»ich habe nichts als mein Leben,
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Das muß ich dem Könige geben!«
74
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
75
»um des Freundes willen erbarmet euch!«
76
Und drei mit gewaltigen Streichen
77
Erlegt er, die andern entweichen.

78
Und die Sonne versendet glühenden Brand,
79
Und von der unendlichen Mühe
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Ermattet sinken die Kniee.
81
»o hast du mich gnädig aus Räubershand,
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Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
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Und soll hier verschmachtend verderben,
84
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

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Und horch! da sprudelt es silberhell,
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Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
87
Und stille hält er, zu lauschen,
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Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
89
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
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Und freudig bückt er sich nieder
91
Und erfrischet die brennenden Glieder.

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Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
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Und malt auf den glänzenden Matten
94
Der Bäume gigantische Schatten;
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Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
96
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
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Da hört er die Worte sie sagen:
98
»jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

99
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
100
Ihn jagen der Sorge Qualen,
101
Da schimmern in Abendrots Strahlen
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Von ferne die Zinnen von Syrakus,
103
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
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Des Hauses redlicher Hüter,
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Der erkennet entsetzt den Gebieter:

106
»zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
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So rette das eigene Leben!
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Den Tod erleidet er eben.
109
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
110
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
111
Ihm konnte den mutigen Glauben
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Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«

113
»und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
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Ein Retter willkommen erscheinen,
115
So soll mich der Tod ihm vereinen.
116
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
117
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
118
Er schlachte der Opfer zweie
119
Und glaube an Liebe und Treue.«

120
Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
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Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
122
Das die Menge gaffend umstehet,
123
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
124
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
125
»mich, Henker!« ruft er, »erwürget!
126
Da bin ich, für den er gebürget!«

127
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
128
In den Armen liegen sich beide
129
Und weinen für Schmerzen und Freude.
130
Da sieht man kein Auge tränenleer,
131
Und zum Könige bringt man die Wundermär,
132
Der fühlt ein menschliches Rühren,
133
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

134
Und blicket sie lange verwundert an.
135
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
136
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
137
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
138
So nehmet auch mich zum Genossen an,
139
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
140
In eurem Bunde der Dritte.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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