Was rennt das Volk, was wälzt sich dort

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Schiller: Was rennt das Volk, was wälzt sich dort Titel entspricht 1. Vers(1782)

1
Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
2
Die langen Gassen brausend fort?
3
Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen?
4
Es rottet sich im Sturm zusammen,
5
Und einen Ritter, hoch zu Roß,
6
Gewahr ich aus dem Menschentroß,
7
Und hinter ihm, welch Abenteuer!
8
Bringt man geschleppt ein Ungeheuer,
9
Ein Drache scheint es von Gestalt,
10
Mit weitem Krokodilesrachen,
11
Und alles blickt verwundert bald
12
Den Ritter an und bald den Drachen.

13
Und tausend Stimmen werden laut:
14
»das ist der Lindwurm, kommt und schaut!
15
Der Hirt und Herden uns verschlungen,
16
Das ist der Held, der ihn bezwungen!
17
Viel andre zogen vor ihm aus,
18
Zu wagen den gewaltgen Strauß,
19
Doch keinen sah man wiederkehren,
20
Den kühnen Ritter soll man ehren!«
21
Und nach dem Kloster geht der Zug,
22
Wo Sankt Johanns des Täufers Orden,
23
Die Ritter des Spitals, im Flug
24
Zu Rate sind versammelt worden.

25
Und vor den edeln Meister tritt
26
Der Jüngling mit bescheidnem Schritt,
27
Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen,
28
Erfüllend des Geländers Stufen.
29
Und jener nimmt das Wort und spricht:
30
»ich hab erfüllt die Ritterpflicht,
31
Der Drache, der das Land verödet,
32
Er liegt von meiner Hand getötet,
33
Frei ist dem Wanderer der Weg,
34
Der Hirte treibe ins Gefilde,
35
Froh walle auf dem Felsensteg
36
Der Pilger zu dem Gnadenbilde.«

37
Doch strenge blickt der Fürst ihn an
38
Und spricht: »Du hast als Held getan,
39
Der Mut ists, der den Ritter ehret,
40
Du hast den kühnen Geist bewähret.
41
Doch sprich! Was ist die erste Pflicht
42
Des Ritters, der für Christum ficht,
43
Sich schmücket mit des Kreuzes Zeichen?«
44
Und alle ringsherum erbleichen.
45
Doch er, mit edelm Anstand, spricht,
46
Indem er sich errötend neiget:
47
»gehorsam ist die erste Pflicht,
48
Die ihn des Schmuckes würdig zeiget.«

49
»und diese Pflicht, mein Sohn«, versetzt
50
Der Meister, »hast du frech verletzt,
51
Den Kampf, den das Gesetz versaget,
52
Hast du mit frevlem Mut gewaget!« –
53
»herr, richte, wenn du alles weißt«,
54
Spricht jener mit gesetztem Geist,
55
»denn des Gesetzes Sinn und Willen
56
Vermeint ich treulich zu erfüllen,
57
Nicht unbedachtsam zog ich hin,
58
Das Ungeheuer zu bekriegen,
59
Durch List und kluggewandten Sinn
60
Versucht ichs, in dem Kampf zu siegen.

61
Fünf unsers Ordens waren schon,
62
Die Zierden der Religion,
63
Des kühnen Mutes Opfer worden,
64
Da wehrtest du den Kampf dem Orden.
65
Doch an dem Herzen nagte mir
66
Der Unmut und die Streitbegier,
67
Ja selbst im Traum der stillen Nächte
68
Fand ich mich keuchend im Gefechte,
69
Und wenn der Morgen dämmernd kam
70
Und Kunde gab von neuen Plagen,
71
Da faßte mich ein wilder Gram,
72
Und ich beschloß, es frisch zu wagen.

73
Und zu mir selber sprach ich dann:
74
Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann,
75
Was leisteten die tapfern Helden,
76
Von denen uns die Lieder melden?
77
Die zu der Götter Glanz und Ruhm
78
Erhub das blinde Heidentum?
79
Sie reinigten von Ungeheuern
80
Die Welt in kühnen Abenteuern,
81
Begegneten im Kampf dem Leun
82
Und rangen mit dem Minotauren,
83
Die armen Opfer zu befrein,
84
Und ließen sich das Blut nicht dauren.

85
Ist nur der Sarazen es wert,
86
Daß ihn bekämpft des Christen Schwert?
87
Bekriegt er nur die falschen Götter?
88
Gesandt ist er der Welt zum Retter,
89
Von jeder Not und jedem Harm
90
Befreien muß sein starker Arm,
91
Doch seinen Mut muß Weisheit leiten,
92
Und List muß mit der Stärke streiten.
93
So sprach ich oft und zog allein,
94
Des Raubtiers Fährte zu erkunden,
95
Da flößte mir der Geist es ein,
96
Froh rief ich aus: Ich habs gefunden!

97
Und trat zu dir und sprach dies Wort:
98
›mich zieht es nach der Heimat fort.‹
99
Du, Herr, willfahrtest meinen Bitten,
100
Und glücklich war das Meer durchschnitten.
101
Kaum stieg ich aus am heimschen Strand,
102
Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand,
103
Getreu den wohlbemerkten Zügen,
104
Ein Drachenbild zusammenfügen.
105
Auf kurzen Füßen wird die Last
106
Des langen Leibes aufgetürmet,
107
Ein schuppigt Panzerhemd umfaßt
108
Den Rücken, den es furchtbar schirmet.

109
Lang strecket sich der Hals hervor,
110
Und gräßlich wie ein Höllentor,
111
Als schnappt' es gierig nach der Beute,
112
Eröffnet sich des Rachens Weite,
113
Und aus dem schwarzen Schlunde dräun
114
Der Zähne stacheligte Reihn,
115
Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze,
116
Die kleinen Augen sprühen Blitze,
117
In einer Schlange endigt sich
118
Des Rückens ungeheure Länge,
119
Rollt um sich selber fürchterlich,
120
Daß es um Mann und Roß sich schlänge.

121
Und alles bild ich nach genau
122
Und kleid es in ein scheußlich Grau,
123
Halb Wurm erschiens, halb Molch und Drache,
124
Gezeuget in der giftgen Lache.
125
Und als das Bild vollendet war,
126
Erwähl ich mir ein Doggenpaar,
127
Gewaltig, schnell, von flinken Läufen,
128
Gewohnt, den wilden Ur zu greifen.
129
Die hetz ich auf den Lindwurm an,
130
Erhitze sie zu wildem Grimme,
131
Zu fassen ihn mit scharfem Zahn,
132
Und lenke sie mit meiner Stimme.

133
Und wo des Bauches weiches Vlies
134
Den scharfen Bissen Blöße ließ,
135
Da reiz ich sie, den Wurm zu packen,
136
Die spitzen Zähne einzuhacken.
137
Ich selbst, bewaffnet mit Geschoß,
138
Besteige mein arabisch Roß,
139
Von adeliger Zucht entstammet,
140
Und als ich seinen Zorn entflammet,
141
Rasch auf den Drachen spreng ichs los
142
Und stachl es mit den scharfen Sporen
143
Und werfe zielend mein Geschoß,
144
Als wollt ich die Gestalt durchbohren.

145
Ob auch das Roß sich grauend bäumt
146
Und knirscht und in den Zügel schäumt,
147
Und meine Doggen ängstlich stöhnen,
148
Nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen.
149
So üb ichs aus mit Emsigkeit,
150
Bis dreimal sich der Mond erneut,
151
Und als sie jedes recht begriffen,
152
Führ ich sie her auf schnellen Schiffen.
153
Der dritte Morgen ist es nun,
154
Daß mirs gelungen, hier zu landen,
155
Den Gliedern gönnt ich kaum zu ruhn,
156
Bis ich das große Werk bestanden.

157
Denn heiß erregte mir das Herz
158
Des Landes frisch erneuter Schmerz,
159
Zerissen fand man jüngst die Hirten,
160
Die nach dem Sumpfe sich verirrten,
161
Und ich beschließe rasch die Tat,
162
Nur von dem Herzen nehm ich Rat.
163
Flugs unterricht ich meine Knappen,
164
Besteige den versuchten Rappen,
165
Und von dem edeln Doggenpaar
166
Begleitet, auf geheimen Wegen,
167
Wo meiner Tat kein Zeuge war,
168
Reit ich dem Feinde frisch entgegen.

169
Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch
170
Auf eines Felsenberges Joch,
171
Der weit die Insel überschauet,
172
Des Meisters kühner Geist erbauet.
173
Verächtlich scheint es, arm und klein,
174
Doch ein Mirakel schließt es ein,
175
Die Mutter mit dem Jesusknaben,
176
Den die drei Könige begaben.
177
Auf dreimal dreißig Stufen steigt
178
Der Pilgrim nach der steilen Höhe,
179
Doch hat er schwindelnd sie erreicht,
180
Erquickt ihn seines Heilands Nähe.

181
Tief in den Fels, auf dem es hängt,
182
Ist eine Grotte eingesprengt,
183
Vom Tau des nahen Moors befeuchtet,
184
Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet,
185
Hier hausete der Wurm und lag,
186
Den Raub erspähend, Nacht und Tag.
187
So hielt er wie der Höllendrache
188
Am Fuß des Gotteshauses Wache,
189
Und kam der Pilgrim hergewallt
190
Und lenkte in die Unglücksstraße,
191
Hervorbrach aus dem Hinterhalt
192
Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.

193
Den Felsen stieg ich jetzt hinan,
194
Eh ich den schweren Strauß begann,
195
Hin kniet ich vor dem Christuskinde
196
Und reinigte mein Herz von Sünde,
197
Drauf gürt ich mir im Heiligtum
198
Den blanken Schmuck der Waffen um,
199
Bewehre mit dem Spieß die Rechte,
200
Und nieder steig ich zum Gefechte.
201
Zurücke bleibt der Knappen Troß,
202
Ich gebe scheidend die Befehle
203
Und schwinge mich behend aufs Roß,
204
Und Gott empfehl ich meine Seele.

205
Kaum seh ich mich im ebnen Plan,
206
Flugs schlagen meine Doggen an,
207
Und bang beginnt das Roß zu keuchen
208
Und bäumet sich und will nicht weichen,
209
Denn nahe liegt, zum Knäul geballt,
210
Des Feindes scheußliche Gestalt
211
Und sonnet sich auf warmem Grunde.
212
Auf jagen ihn die flinken Hunde,
213
Doch wenden sie sich pfeilgeschwind,
214
Als es den Rachen gähnend teilet
215
Und von sich haucht den giftgen Wind
216
Und winselnd wie der Schakal heulet.

217
Doch schnell erfrisch ich ihren Mut,
218
Sie fassen ihren Feind mit Wut,
219
Indem ich nach des Tieres Lende
220
Aus starker Faust den Speer versende,
221
Doch machtlos wie ein dünner Stab
222
Prallt er vom Schuppenpanzer ab,
223
Und eh ich meinen Wurf erneuet,
224
Da bäumet sich mein Roß und scheuet
225
An seinem Basiliskenblick
226
Und seines Atems giftgen Wehen,
227
Und mit Entsetzen springts zurück,
228
Und jetzo wars um mich geschehen –

229
Da schwing ich mich behend vom Roß,
230
Schnell ist des Schwertes Schneide bloß,
231
Doch alle Streiche sind verloren,
232
Den Felsenharnisch zu durchbohren,
233
Und wütend mit des Schweifes Kraft
234
Hat es zur Erde mich gerafft,
235
Schon seh ich seinen Rachen gähnen,
236
Es haut nach mir mit grimmen Zähnen,
237
Als meine Hunde wutentbrannt
238
An seinen Bauch mit grimmgen Bissen
239
Sich warfen, daß es heulend stand,
240
Von ungeheurem Schmerz zerrissen.

241
Und eh es ihren Bissen sich
242
Entwindet, rasch erheb ich mich,
243
Erspähe mir des Feindes Blöße
244
Und stoße tief ihm ins Gekröse
245
Nachbohrend bis ans Heft den Stahl,
246
Schwarzquellend springt des Blutes Strahl,
247
Hin sinkt es und begräbt im Falle
248
Mich mit des Leibes Riesenballe,
249
Daß schnell die Sinne mir vergehn.
250
Und als ich neugestärkt erwache,
251
Seh ich die Knappen um mich stehn,
252
Und tot im Blute liegt der Drache.« –

253
Des Beifalls lang gehemmte Lust
254
Befreit jetzt aller Hörer Brust,
255
Sowie der Ritter dies gesprochen,
256
Und zehnfach am Gewölb gebrochen
257
Wälzt der vermischten Stimmen Schall
258
Sich brausend fort im Widerhall,
259
Laut fodern selbst des Ordens Söhne,
260
Daß man die Heldenstirne kröne,
261
Und dankbar im Triumphgepräng
262
Will ihn das Volk dem Volke zeigen,
263
Da faltet seine Stirne streng
264
Der Meister und gebietet Schweigen.

265
Und spricht: »Den Drachen, der dies Land
266
Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand,
267
Ein Gott bist du dem Volke worden,
268
Ein Feind kommst du zurück dem Orden,
269
Und einen schlimmern Wurm gebar
270
Dein Herz, als dieser Drache war.
271
Die Schlange, die das Herz vergiftet,
272
Die Zwietracht und Verderben stiftet,
273
Das ist der widerspenstge Geist,
274
Der gegen Zucht sich frech empöret,
275
Der Ordnung heilig Band zerreißt,
276
Denn der ists, der die Welt zerstöret.

277
Mut zeiget auch der Mameluck,
278
Gehorsam ist des Christen Schmuck;
279
Denn wo der Herr in seiner Größe
280
Gewandelt hat in Knechtes Blöße,
281
Da stifteten, auf heilgem Grund,
282
Die Väter dieses Ordens Bund,
283
Der Pflichten schwerste zu erfüllen:
284
Zu bändigen den eignen Willen!
285
Dich hat der eitle Ruhm bewegt,
286
Drum wende dich aus meinen Blicken,
287
Denn wer des Herren Joch nicht trägt,
288
Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken.«

289
Da bricht die Menge tobend aus,
290
Gewaltger Sturm bewegt das Haus,
291
Um Gnade flehen alle Brüder,
292
Doch schweigend blickt der Jüngling nieder,
293
Still legt er von sich das Gewand
294
Und küßt des Meisters strenge Hand
295
Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke,
296
Dann ruft er liebend ihn zurücke
297
Und spricht: »Umarme mich, mein Sohn!
298
Dir ist der härtre Kampf gelungen.
299
Nimm dieses Kreuz: es ist der Lohn
300
Der Demut, die sich selbst bezwungen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.