Das Glück

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Friedrich Schiller: Das Glück (1782)

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Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon
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Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt,
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Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset,
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Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt!
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Ein erhabenes Los, ein göttliches, ist ihm gefallen,
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Schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfe bekränzt.
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Ihm ist, eh er es lebte, das volle Leben gerechnet,
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Eh er die Mühe bestand, hat er die Charis erlangt.
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Groß zwar nenn ich den Mann, der, sein eigner Bildner und Schöpfer,
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Durch der Tugend Gewalt selber die Parze bezwingt,
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Aber nicht erzwingt er das Glück, und was ihm die Charis
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Neidisch geweigert, erringt nimmer der strebende Mut.
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Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren,
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Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab.
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Wie die Geliebte dich liebt, so kommen die himmlischen Gaben,
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Oben in Jupiters Reich herrscht wie in Amors die Gunst.
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Neigungen haben die Götter, sie lieben der grünenden Jugend
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Lockigte Scheitel, es zieht Freude die Fröhlichen an.
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Nicht der Sehende wird von ihrer Erscheinung beseligt,
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Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geschaut;
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Gern erwählen sie sich der Einfalt kindliche Seele,
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In das bescheidne Gefäß schließen sie Göttliches ein.
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Ungehofft sind sie da und täuschen die stolze Erwartung,
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Keines Bannes Gewalt zwinget die Freien herab.
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Wem er geneigt, dem sendet der Vater der Menschen und Götter
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Seinen Adler herab, trägt ihn zu himmlischen Höhn,
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Unter die Menge greift er mit Eigenwillen, und welches
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Haupt ihm gefället, um das flicht er mit liebender Hand
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Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrschaftgebende Binde;
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Krönte doch selber den Gott nur das gewogene Glück.
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Vor dem Glücklichen her tritt Phöbus, der pythische Sieger,
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Und der die Herzen bezwingt, Amor, der lächelnde Gott.
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Vor ihm ebnet Poseidon das Meer, sanft gleitet des Schiffes
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Kiel, das den Cäsar führt und sein allmächtiges Glück.
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Ihm zu Füßen legt sich der Leu, das brausende Delphin
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Steigt aus den Tiefen, und fromm beut es den Rücken ihm an.
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Zürne dem Glücklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Götter
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Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entrückt.
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Ihn, den die lächelnde rettet, den Göttergeliebten beneid ich,
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Jenen nicht, dem sie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick.
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War er weniger herrlich, Achilles, weil ihm Hephästos
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Selbst geschmiedet den Schild und das verderbliche Schwert,
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Weil um den sterblichen Mann der große Olymp sich beweget?
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Das verherrlichet ihn, daß ihn die Götter geliebt,
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Daß sie sein Zürnen geehrt und, Ruhm dem Liebling zu geben,
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Hellas' bestes Geschlecht stürzten zum Orkus hinab.
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Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos
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Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk,
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Laß sie die Glückliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte,
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Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.
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Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom Himmel herabkommt,
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Daß der Sänger dir singt, was ihn die Muse gelehrt,
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Weil der Gott ihn beseelt, so wird er dem Hörer zum Gotte,
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Weil er der Glückliche ist, kannst du der Selige sein.
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Auf dem geschäftigen Markt, da führe Themis die Wage,
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Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab;
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Aber die Freude ruft nur ein Gott auf sterbliche Wangen,
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Wo kein Wunder geschieht, ist kein Beglückter zu sehn.
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Alles Menschliche muß erst werden und wachsen und reifen,
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Und von Gestalt zu Gestalt führt es die bildende Zeit,
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Aber das Glückliche siehest du nicht, das Schöne nicht werden,
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Fertig von Ewigkeit her steht es vollendet vor dir.
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Jede irdische Venus ersteht wie die erste des Himmels,
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Eine dunkle Geburt aus dem unendlichen Meer;
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Wie die erste Minerva, so tritt mit der Ägis gerüstet
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Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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