Die flüchtige Anemone/ Bey Absterben Fr. A. E. K. g. H. den 20. April. 1676.

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Heinrich Mühlpfort: Die flüchtige Anemone/ Bey Absterben Fr. A. E. K. g. H. den 20. April. 1676. (1686)

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Adonis/ den man mag der Schönheit Seele nennen/
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Den auch die Venus selbst dem Himmel zoge für/
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Nachdem ohn unterlaß ihr Hertze pflag zubrennen/
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Gieng auff ein hauend Schwein voll muthiger Begier/
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Wird/ weil er zu viel wagt/ biß auff den Tod verletzet.
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Bald läst die Göttin sich von der gestirnten Höh/
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Und findet den erblast/ den sie so hoch geschätzet/
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Siht ihre Lust verkehrt in ein erbärmlich Weh.
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Sie küste tausendmahl die schon erkalten Glieder/
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Und goß den Thränen-Strom auff das geronne Blut/
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Sie rieff: Ach mein Adon/ mein Leben/ kommt nicht wieder!
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Jhr Götter/ daß ihr doch so grausam an mir thut!
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Doch solt du meiner Gunst ein prächtig Denckmal haben/
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Holdseeligster Adon/ dein Blut wird ewig blühn/
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Und andrem Garten-Werck und schönen Frühlings-Gaben/
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An Glantz und Herrligkeit gar weit seyn fürzuziehn.
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Uhrplötzlich sprosten auff die zarten Anemonen/
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Man sah’ den Purpur-Safft auff ihren Blättern stehn
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Zum Zeichen steter Pflicht/ zum Ehren-Mahl Adonen/
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Daß treue Liebe nicht im Grabe kan vergehn.
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Ich weiß/
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Und tieffem Seelen-Leid er seinen Schatz beklagt/
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Daß er ein ewig Grab auffbauet in dem Hertzen/
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Und Leben/ Geist/ und Blut zulieffern nicht versagt.
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Sein An Emone welckt jetzt/ da sonst alles blühet/
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Und ein Smaragden-Kleid der Erdenkreiß legt an/
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Da man der Flora Reich besternt mit Blumen siehet/
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Und ihrer Farben Glantz Rubinen trotzen kan.
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Ist diß nicht Thränen werth? die Blume grüner Jugend/
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Auß der die Schönheit lacht/ und Anmuth hat gespielt/
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Die einen süssen Ruch gab von der edlen Tugend/
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Und diese nur allein zum End-Zweck ihr erziehlt/
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Wird von deß Todes Hand im Wachsthum abgebrochen?
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Deß Ehbetts Morgenröth erblast im ersten Schein/
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Hat in die Finsternüß deß Grabes sich verkrochen/
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Daß nichts mehr übrig kan als Thränen-Regen seyn.
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Doch/ wie ein durstig Feld nach diesen Tropffen lächset/
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Umb ihre Fruchtbarkeit mit dürren Furcheu fleht:
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So glaub er/
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Gantz zur Vollkommenheit auff diesem Trauer-Bäth.
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Es hat fast der Natur die Kunst die Hand geboten/
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Der Anemonen Pracht vielfärbig anzuschau’n/
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Bald funckelt ihr Gewand vom lichten Feuer Rothen/
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Bald sieht es gelb als Gold/ bald fängt es an zu Blau’n/
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Jetzt ist es Purpur-Braun und denn Schneeweiß erschienen/
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Sieht wie die volle Ros’ und wickelt Blat in Blat/
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So daß fürn Blumen wol/ die in den Gärten grünen/
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Der Anemonen
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War seine Liebste nicht dergleichen Anemone/
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Der Purpur keuscher Scham mählt ihrer Wangen Roth/
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Und die Beständigkeit reicht ihr die göldne Krone
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Der unverruckten Treu biß an den blassen Tod
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Sah’ man die
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Wenn gleich der Kranckheit Glut den zarten Leib gebräunt?
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Und ihre Reinligkeit hat in Schnee-weisser Seiden
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Der Sitten holde Krafft mit Demuth stets vereint.
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Die Anemone kan kein Auge so vergnügen/
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Als seine Seele sich an ihr hat abgespeist/
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Wenn süsse Liebligkeit sein Hertz wust einzuwiegen/
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Und in zwey Leibern wohnt ein gleich-gesinnter Geist.
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Der
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Vielfältig/ voll und schön/ in dem Gefässe blühn.

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Auch da sieng neue Lust sein Hertz’ an zu bewohnen/
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Als er sah’ seine Blum ihm eine Pflantz er ziehn.
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Wie herrlich aber nun in Chloris Lust-Gefildern
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Die Anemone sich mit ihren Farben schmückt:

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So ist nichts flüchtigers von allen Lentzen-Bildern/
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Als die ein eintzig Wind zur Erde nieder drückt.
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Ach unsrer Sterbligkeit ein klares Jammer-Zeichen!
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Ein Spiegel der entwirfft der Schönheit

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Wenn sich will Fleisch und Blut den Anemonen gleichen/
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Verkehrts ein Augenblick in Fäulnüß und
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Diß was vor Anmuth hieß muß da zum Scheusal werden/
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Der Augen Sterne sind ein Wasser/ das zerfleust/

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Der Athem nur ein Wind/ die lieblichen Geberden/
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Die Haut so Perlen gleich in ihrer Schöne gleist/
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Nichts als ein schlechter Thon und ein gebrechlich Scherben/
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Das leicht ein eintzig Stoß der Kranckheit schlägt entzwey/

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Corallen/ die vorhin so Lipp-als Wangen färben
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Macht eine böse Lufft zu einem bleichen Bley.
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Was ist nun flüchtiger? Die schnellen Anemonen?
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Nein. Schönheit die ein Raub der kurtzen Zeit verschwind.

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Und wenn wir heute blühn als hohe Käyser-Kronen/
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Glaubts/ daß der Abend drauff erblaste Leichen find.
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Diß zeigt der
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Jhr zartes Alter hat nicht zweymal Zehn erreicht/

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Sie muß das Sterbe-Kleid im höchsten Flor anziehen/
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Da ihre Liebligkeit der Anemone gleicht.
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Ein hitzig Todes-Wind verbrennt die schöne Blume/
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Schafft vor den May der Lust dem Liebsten kaltes Eis/
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Verläst von dem Verlust nichts mehr zum Eigenthume
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Als Thränen/ die gewiß von nasser Wehmuth heiß.
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Und diese will er auch dem Grab unendlich schencken/
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(gleich Tropffen die der Thau bey hell-gestirnter Nacht
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Pflegt Blumen und Gewächs ersprießlich einzusencken/)
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Biß jener Frühling sie lebendig wieder macht.
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Denn/ muß die Anemon in ihrem Purpur sterben/
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Sieht das verjüngte Jahr sie doch in neuer Zier!
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Vielmehr wird seine Liebst’ im Grabe nicht verderben/
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Und in weit grösserm Glantz und Klarheit gehn herfür.
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Man weihte sonst der Grufft Violen und Narcissen;
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Er lege seinem Schatz dergleichen Schönheit zu/
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Die Blume ihrer Zeit/ so hier verwelcken müssen/
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Ist würdig/ daß sie auch nur unter Blumen ruh.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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