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Welch Ungewitter hat den Garten so verheeret?
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Der vor ein Paradieß der schönsten Blumen war/
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Da die Ergötzligkeit stets neue Lust gebahr/
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Und den die Liebe selbst mit ihrem Thau ernehret.
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Wie! irr ich/ oder deckt ein Nebel mein Gesicht?
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Daß ich den werthen Ort schau ohne Glantz und Licht.
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Ach ja! ich sehe nichts als blasse Wermuth-Sträuche/
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Die Bäthe sonder Lust/ die Felder sonder Zier/
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Der Eppich sprost allein/ das Todten-Kraut/ herfür/
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Und öde Wüsteney wohnt in der Chloris Reiche:
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Die Lufft wird von dem Stral der Sonnen nie beblickt
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Noch durch den süssen Hauch der Westen einst erquickt.
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Man hört die Vögel nicht erfreute Lieder singen.
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Als Echo nur allein erthönt ein kläglich Ach!
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Die Bäche lauffen dem mit trüben Fusse nach/
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Und dicke Finst ernüß will auch den Tag verdringen/
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Die Nacht so nichts als Furcht und Schrecken in sich führt/
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Wird durch die göldne Glut der Sterne nie geziert.
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Ist diß der Platz der Noth? Sind diß die Trauer-Felder
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Wo bleiche Kümmernüß ihr Lager schläget auf?
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Wo innig Seelen-Leid und Jammer kömmt zuhauff?
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Ach welch Verhängnüß zeigt mir die Cypressen-Wälder!
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Ein mehr als menschlich Zug läst mich nicht weiter gehn
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Ich fühle meinen Fuß bey kalten Leichen stehn/
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Hilff Himmel! welch ein Volck von den verblasten Schaaren
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Nimmt mich auch wider Wunsch zum Reißgeferten an.
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Ja/ Morta/ tröstet mich/ wo diese trösten kan/
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Es solte mir kein Leid noch übel wiederfahren.
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Sie wolte mir geheim als Herrscherin der Zeit
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Vertrauen ihrer Burg verschloßne Herrligkeit.
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Mir brachten nichts als Furcht die schlotternde
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Als ihr verwester Arm die Schlösser stieß entzwey/
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Und wie die Thüren nun von Band und Ketten frey
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Sprach sie: Betrachte hier die sterbliche
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So viel man noch von Asch und leeren Särchen sieht
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Das ist der Uber-Rest von denen die geblüht.
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Hier schläffet Feind und Freund einander an der Seiten/
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Und die gekrönte Macht ruht bey geringem Stand/
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Den Scyth und Indian bedeckt ein gleicher Sand
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Haß/ Liebe/ Neid und Ruhm/ Furcht/ Jammer/ Krieg und Strei-
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Und was vor Sorgen mehr der Menschen Hertz gequält/
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Sind der Vergessenheit nun gäntzlich zugezehlt.
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Doch daß du gleichwol siehst/ wie Tugend nicht ersterbe/
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Getreuer Liebe Licht brenn' auf deß Grabes-Nacht/
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Wie ihr Gedächtnüß noch sich Ehren-Tempel macht
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Und nur den blossen Leib den Würmen gibt zum Erbe/
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So folg: und alsobald nimmt ein Gewölb
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Von dessen Leichen-Schmuck ich nicht wol melden kan.
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Ich sah’ umb eine Baar vier Klage-Weiber stehen/
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Der Zweygeschloßne Händ’ hub mit der Spitz empor.
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Das sie auf dem Altar deß Hertzens stets aufbließ/
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Nimm/ sagte Morta mir/ diß Traurspiel wol in acht/
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Göttinnen haben sich umb diesen Sarg gemacht.
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Der Abgestorbnen Ruhm und Tugend zu erheben.
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Und wo dein Auge nicht in den
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So mercke wessen Tod die dunckle Deutung zeugt:
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Die Wort’ erweckten mir noch immer mehr Begierden/
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Als an der nächsten Wand ein Sinnen-Bild erschien/
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Der Monde so verblast/ mit Beyschrifft: Es ist hin
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Deß Hauses heller Glantz samt aller Stralen Zierden.
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Nicht unweit stand ein Baum auff dessen dürren Ast
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Mit Thränen geh ich auf/ mit Thränen geh ich ein/
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Mit Thränen muß ich auch im Tode fruchtbar seyn.
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Die lagen gantz entzwey/ die Seiten sprungen ab
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Der Wahlspruch drüber war:
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Durch dessen Mittel-Punct ein spitzig
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Die Uberschrifft kam so:
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Und bittres Thränen-Saltz ist jetzt mein höchstes
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Ich eilte furchtsam fort mehr Sprüche nachzulesen/
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Als meine Führerin den Vorsatz unterbrach/
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Und rieff: Ach sinne doch den Sachen tieffer nach
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Versteh/ durch meine Gunst wer diese sey gewesen/
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Und die die gantze Stadt deß Lebens würdig schätzt.
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Es hat die Sonne noch den Thier-Kreiß nicht durchrennet/
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Des Himmels Meisterstück/ der Freundligkeit Saphier
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Durch das hochheilge Band der Eh sich ihm vermählt
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Und nichts als Freud und Lust in diesem Stand gezehlt.
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Ach aber ach! wie spielt das himmlische
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Und mischt die Aloe deß Lebens-Zucker ein!
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Und sich sein Silber-Glantz verkehrt in Leichen-Blicke!
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Sinckt/ ach unendlich Leid! ins Grabes schwartze Nacht.
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Die Turteltaube flieht von ihrem liebsten Gatten.
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Man mit Verwunderung sah in dem Garten stehn/
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Muß von deß Todes Hitz und Brennen gantz ermatten;
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Wer sieht nicht/ wie ihr Haupt/ eh’ es zur Erden sinckt
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Mit einem Liebes-Blick noch nach
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Die Blume/ die so viel Ergetzligkeit gegeben
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Und einen gantzen May der Anmuth fürgestellt/
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Zu der die Morgen-Röth im Purpur sich gesellt/
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Umb die die Liebe pflag als Nachbarin zu schweben/
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Macht seinen Port der Lust zu einer Thränen-See.
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Der wolgestimmte Klang von gleich-gesinnten
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Verstimmt deß Todes Hand/ so daß die Harmonie
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Mit lauterm Winseln schleust: Die
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Den Eh, Schatz an sich zog/ bringt desto mehr Verlust/
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Weil für den Seelen-Rieß kein Pflaster ist bewust.
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Das Trauren wandelt ihn fast
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Umb welch ohn unterlaß die Jammer-Welle schlägt.
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Ich den mein Auge noch mehr wahrzunehmen trägt/
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Leß’ eine neue Schrifft:
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Worunter eine Kron mit Sieges-Zweigen lag/
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Der sich gantz Morgenland an Werth nicht gleichen mag.
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Mehr sah’ ich einen Baum voll herrlicher Granaten
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Die schönste borst’ entzwey:
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Auf daß nur meine Frucht zum Leben möge
blühn.
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Und wie ich embsig bin diß Rätzel zuerrathen/
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Sagt Libitina mir: Der Außgang zeuge frey
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So muß der Seiden-Wurm sein eigen
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So flöst der Pelican sein Blut den Jungen ein.
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Ja/ Hochbekümmerter/ der müst ein Marmel seyn/
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Der hier auß Beyleid nicht die Thränen liesse rinnen.
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Sein Kind ist Mutterloß/ er sieht sich ohne Schatz:
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Heist dieser Zustand nicht der Schmertzen Sammel-Platz?
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Jedoch/ was will er sich dem Leiden überlassen/
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Geneust dort in der Höh der Ewigkeiten May/
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Und sieht die Engel sich mit Wonn und Lust umbfassen;
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Lernt wie die Blumen-Lust so hier ihr Garten wieß/
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Nur sey ein Schattenwerck für jenem Paradieß.
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Der immer-grüne Buchs/ die dunckelen Cypressen/
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Der Cedern ewig Haar/ und was sonst Gräber schmückt
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Ist unnoth/ weil sein Hertz in sich ihr Bildnüß drückt/
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Betrübtster/ und der Ruhm der Tugend unvergessen.
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Vergebens daß man will das Grab mit Schmuck umbziehn,
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Macht doch deß HErren Wort die Todten-Beine
grün.