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Wer kan den Wunder-Rath des Höchsten doch ergründē?
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Sein unerforschlich Schluß bleibt heilig und ge-
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Sein’ Allmacht läst sich nicht der Menschen Satzung
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Es wird hier Fleisch und Blut sammt der Vernunfft geschwächt/
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Die milde Vater-Hand ihm einen jungen Sohn/
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Jetzt sieht er seinen Trost und Hoffnung unterbrochen/
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Nun mit dem ältesten zieht alle Lust davon.
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So wechselt Freud und Leid/ so mischen sich zusammen
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Ein Quell von kurtzer Lust/ und Thränen-volles Meer;
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So folgt die schwartze Nacht den hellen Tages Flammen/
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Und Freuden sind gantz leicht/ hergegen Schmertzen schwer.
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Wohin sein Auge blickt/ ist Zunder zu dem Trauren/
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Er siht nur überall ein Bild der Sterbligkeit/
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Denn Sarg und Wiege stehn bey ihm in gleichen Mauren:
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Dort liegt der todte Sohn/ hier dieser weint und schreyt.
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Den einen hat er schon geliefert GOttes Händen/
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Der neugebohrne ist ein eingesetztes Gut;
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Der ältste kan nunmehr in Port des Friedens lenden/
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Da dessen Lebens-Schiff noch schwimmt auff wüster Fluth.
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Und diß Betrübnüß ihm biß an die Seele gehn.
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Vor schlechte Wunden sind Heilpflaster leicht zufinden/
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Nicht wenn sie sich so sperr’n und immer offen stehn.
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Wie wenn der letzte Herbst die Gärten gantz entkleidet
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Den Blumen ihren Rock und Purpur-Mantel nimmt;
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Die Floraferner nicht der Menschen Auge weidet/
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Das Lust-Stück ohne Lust in Reiff’ und Regen schwimmt:
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Der Gärtner sich betrübt/ daß seine Blume welcken/
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Die Lilgen untergehn/ die Rosen sind verblast;
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Es lacht kein Hyacinth/ es riechen keine Nelcken/
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Weil alle Liebligkeit des Winters Sichel fast:
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So glaub’ ich daß auch jetzt der beyden Eltern Seele
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Den schmertzlichen Verlust mit heissen Seufftzen klagt;
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Der hochgeliebte Sohn muß in deß Grabes Höle/
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Die schöne Blume hat des Todes Wurm zernagt.
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Er wuchs von guter Art/ gleich Bäumen an den Bächen/
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Der Jahre Morgenröth erhellte sich in GOtt.
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So bald sein zarter Mund nur deutlich konte sprechen/
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Lernt er des HErren Weg und heilige Gebot;
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Ließ zu der Eltern Lust und tröstlichem Behagen/
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Bald seinen Schulen-Fleiß in vollem Eyfer schaun.
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Man schloß/ daß dieser Zweig würd’ edle Früchte tragen
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Und in deß HErren Haus viel Seelen noch erbaun.
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Die Klau zeigt einen Löw/ den Knaben frische Minen/
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Wie man ihn offentlich mit Anmuth hat gehört.
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Ach daß sein Wachsthum hier nicht länger sollen grünen/
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Und alle Freud und Lust des Todes Arm zerstört/
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Ein wohlgerathen Kind erprest nur bittre Zehren/
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Wie sehr man auch den Schmertz zu übermeistern denckt.
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Welch Zeno will allhier die nassen Augen wehren?
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Diß Leid ist nur zu tieff in Fleisch und Blut gesenckt.
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Aus dieser Trauer-Nacht zu der gestirnten Höh/
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Und denck’ in welchem Glantz und Strahlen-reichen Lichte
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Dem allerliebsten Sohn es ewig wohl ergeh’.
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Er hat die höchste Schul der Weißheit nun erreichet/
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Weis/ ein zwar kleines Kind/ vielmehr als hier ein Greiß.
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Wenn unsre Wissenschafft/ gleich einem Schatten/ weichet/
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Schleust sein Erkenntnüß ein der Ewigkeiten Kreiß.
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Er darff nun weiter nicht die treuen Lehrer hören/
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Und seine Lection wie vormals/ sagen auff:
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Jhm will sein A und O/ der grosse Meister lehren
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Der Erd und Himmel hat vollführt in ihrem Lauff/
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Er ist wol fortgesetzt nach dem Examen worden/
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Das bloß an Fleisch und Blut der bleiche Tod vollbracht/
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Nun sitzt er hocherfreut in einem solchen Orden/
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Wo jeder Engel sich zum Neben-Schüler macht;
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Er wird nichts anders auff als heilig/ heilig/ sagen/
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Wenn wir bey Rauch und Wind uns Redner düncken seyn.
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Es wird sein prächtig Haupt die Sieges-Kronen tragen/
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Wenn Dörner voller Angst sich bey uns flechten ein.
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Er hat dem höchsten GOtt nur allzuwol gefallen/
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Drum eilt’ er mit ihm fort auß dieser Sterbligkeit.
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O seelig wer nicht lang als Pilger hier darff wallen
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Und ruht in GOttes Hand/ voll Freud und Sicherheit!
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Wie scharff es auch zu erst hat Fleisch und Blut gedrückt/
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Und weil er Traurende mit viel bewehrten Proben/
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Und rechtem Himmels-Trost/ nicht ohne Ruhm/ erquickt/
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So woll’ er was er offt Betrübten hat gerathen/
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Zu seiner Linderung ihm heilsam legen bey.
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Des Schöpffers Allmacht übt bey uns doch Wunderthaten/
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Sie schlägt/ und heilet drauf/ sie bind und macht auch frey.
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Gott nimmt ihm einen Sohn/ und giebet einen wieder
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Den schmertzlichen Verlust ersetzt ein gleich Gewinn:
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Sein Obsicht stärck’ an ihm die Knorpel-weichen Glieder/
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Und laß ihn unverletzt zu Trost und Freude blühn.
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Weil selbst in seinem Hertz und Mund der Himmel schwebt/
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Doch wird diß kurtze Wort den langen Schmertz einwiegen:
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Er gehins HErren Haus/ sein liebster Sohn der lebt.