Bey Beerdigung Fr. H. F. g. J. den. 2. Octobr. 1675.

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Heinrich Mühlpfort: Bey Beerdigung Fr. H. F. g. J. den. 2. Octobr. 1675. (1686)

1
Entbrichst du dich der Erden Höle/
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Und suchst das unumschriebne Licht/
3
Du Tugend-Weib/ du edle Seele
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Gefällt dir dieser Nothstall nicht?
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In dem dein Leib hier eingespannet?
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Eilst du des Himmels Freyheit zu/
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Und legst vom Sterben übermannet/
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Die mürben Glieder zu der Ruh?

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Ach ja du weist daß diese Hütten
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Aus schlechtem Leim seyn auffgebaut/
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Daß Zeit und Zufall sie zerrütten/
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Und man daran nichts ewigs schaut;
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Es reisset jeder Tag und Stunde
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Vom Bau des Lebens etwas ein/
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Da gehn wir ärmsten auch zu Grunde/
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So bald wir nur gebohren seyn.

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Der Tod fällt nicht nur graue Jahre/
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Und die beschneiten Häupter an.
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Der Jugend krause locken Haare/
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Und was beheglich heissen kan/
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Der Augen lichtes Sternen-prangen;
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Der Glieder Anmuths-reicher May
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Die Lilg’ und Rosen auff den Wangen/
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Sind nicht von der Verwesung frey.

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Vergebens/ daß ihr Lust gestalten
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Schätzt eure Schönheit sonder gleich;
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Die zarte Haut kan bald sich falten/
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Ein eintzig Fieber macht euch bleich;
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Und wenn ihr bey dem höchsten blühen
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Stecht aller Blumen Zierath hin/
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Wird euch der Tod ein Kleid anziehen/
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Vor dem ihr andern werdet fliehn.

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Es sind doch
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Und Güter auff gar kurtze Zeit/
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Die nicht/ wenn wir von hinnen fahren/
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Wegweiser zu der Ewigkeit.
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Es sey; das Länder angestecket
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Die
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Hat sie der Tod nicht hingestrecket/
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Gleich einem ungestalten Leib?

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Ach nein! ob schon ein solcher Namen
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Dir/
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So sprost’ aus deinem Tugend-Saamen
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Ein Baum der andre Früchte trägt.
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Du hieltest es mit jener Griechen
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Der Helenen/ so von dem Haus
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Des Höchsten niemals ist gewichen
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Und Welt und Wollust nannte Grauß.

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Die Blüthe deiner frischen Jugend
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War nicht mit Uppigkeit erfüllt/
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Dein eintzig Kleinod hies die Tugend/
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Und Demuth die bey GOtt viel gillt.
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Die Eitelkeit der schnöden Lüste
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Hat nie den keuschen Sinn befleckt/
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Du kantest diese Welt/ die Wüste/
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Die keine Freuden-Rosen heckt.

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Die Schönheit/ so Gemüthes Gaben
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Als seltne Schätze bey sich führt/
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Und Zucht wil zur Gefertin haben
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Ein Schmuck der holde Sitten ziert/
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Wieß/ das was pflegt die Welt zu schätzen
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Doch mit der Zeiten Lauff zerrinnt/
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Und die so sich daran ergetzen
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Umbarmen einen leeren Wind.

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Du
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In reiner Andacht GOtt geweyht/
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Und ließt dich seinen Rathschluß leiten/
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Bis zu erwünschter Heyraths Zeit/
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Du hast den Seegen aus der Höhe
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Empfangen von des Schöpffers Hand/
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Den du mit so viel Angst und Wehe
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Verläßt im trüben Wäisen Stand.

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Wer glaubt nicht daß sein Hertz jetzt blutet
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Mein Freund bey solchem Seelen Riß?
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Diß was er nimmermehr vermuthet
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Vollzeucht der Tod nur zu gewiß.
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Eh kaum drey Jahre sind verflossen/
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Ach Liebenden sehr enge Zeit!
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So siht er seinen Ehgenossen/
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In einem weissen Sterbe-Kleid.

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Diß/ was man kurtze Frist besessen/
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Macht nur den schmertzlichsten Verlust:
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Wer kan/ Betrübtster/ recht ermessen
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Die Folter-Angst in seiner Brust?
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Doch wird auch GOtt die Wunden heilen/
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Und weil sie ihm gefallen hat/
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So wolt’ er zeitlich mit ihr eilen
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Zu der erwünschten Friedens-Stadt.

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Jhr minstes Theil ist nur gestorben
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Man legt was irrdisch ist ins Grab/
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Jhr herrlich Lob bleibt unverdorben
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Der Tugend eintzig Gut und Haab.
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Sie hat in einem seel’gen hoffen
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Beschlossen ihren Lebens-Lauff;
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Drumb wird ihr auch ihr Heiland ruffen
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Ich sage/ Helena steh auff.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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