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Was kan/ O Nachbarin/ ich krancker Nachbar schrei-
ben?
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Der Tod sieht weder Freund-noch Nachbarschafft
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Doch mein Versprechen soll auch nicht zurücke bleiben/
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Ich halte noch mein Wort so viel ich immer kan.
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Zwar wer Ergetzligkeit und schöne
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Der lese nicht das Blat/ das Wermuth nur bedeckt.
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Die Feder so vor längst bey Leichen außgeübet
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Sucht nicht der Redner Zier/ der Dichter ihr Confect.
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Wer gönnt Verlebten nicht die höchst verlangte Ruh?
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Es störte nur mein Reim dein eisriges Begehren/
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Das dieses in sich hält: Man ruffe mir Glück zu!
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Und solches schrey ich nach: Glück zu! zum überwinden;
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Wo noch deß Nachbars Mund dein leichter Schatten hört.
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Glück zu/ daß du den Port deß Friedens können finden
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Und dich kein Unglücks-Sturm noch Jammer-Welle stört.
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Du hast genug gelebt/ du hast genug erfahren/
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Wie Leben und der Tod verknüpffte Nachbarn seyn!
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Jtzt geh’ stu Lehens-satt bey den beschneyten Haaren
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Als Himmels-Bürger in die Ehren-Pforten ein.
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Hier grübelt die Vernunfft: Ob bey der ersten Wiegen
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Den Tod ein Sterblicher auch Nachbar nennen mag?
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Ob stehn/ und unter gehn sich so zusammen fügen
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Das nichts verhindern kan Zeit/ Monat/ Jahr und Tag?
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Nein/ weil der Mutter-Leib den Menschen hält umbfangen
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Baut Furcht und Schrecken offt demselben eine Bahr:
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Und wie viel sind dahin unangeschaut gegangen
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Wenn ein verleschtes Licht der Frucht Erstickung war?
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Ja treten wir heran: Die erste Stund ist Weinen
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Wenn viertzig Tag hernach ein wenig Lächeln kömmt/
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Wir sind Gefangnen gleich eh’ als wirs können meinen/
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Wenn uns ein harter Druck des Nachts den Athem nimmt.
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Und wie viel sterben so? Ist nicht bey unserm Schreiten
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Nur die Gebrechligkeit so uns die Füsse führt?
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Nenn ich der Jugend Eiß? Wo tausend Seelen gleiten
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Wo jede Stunde sich der Tod als Nachbar rührt.
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Viel stürtzt Verwegenheit zu den verblasten Schaaren/
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Viel läst der selbst-Betrug deß Todes Garn nicht schaun.
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Theils sind in ihrer Lust/ theils in dem Zorn gefahren/
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Den Meisten muß oft selbst vor ihrem Leben graun.
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Verklärt sich der Verstand? so werden doch Begierden
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In einem vollen Heer mit uns zn Felde ziehn.
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Pracht/ Hoheit/ Mißgunst Geitz/ Frucht/ Ehrsucht/ Lieb und
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Sind Nesseln/ die niemals das Leben lassen blühn.
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Es rücket unvermerckt der Tod an unsre Seite/
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Wacht mit den Wachenden/ schläfft mit den Müden ein.
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Denckt/ wie er uns ein Garn so künstlich zubereite
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Daß bey der Sicherheit wir erst bestricket seyn.
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So ist und bleibt der Tod nur Nachbar wider willen/
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Biß ihn deß Alters Last uns angenehmer macht.
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Denn wenn die Regungen sich des Gemüthes stillen/
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Wird seine Nutzbarkeit und Wolthat erst bedacht.
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Ob mancher schon nicht denckt/ daß man des Todes Muhmen/
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Auffbothen zu dem Grab/ Wegweiser zu der Fahrt
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Die grauen Haare nennt/ des Kirchhoffs schönste Blumen/
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Und für der letzten Frist sich so viel möglich spart.
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So lehrt der Ausgang doch/ daß wie der Schnee muß schwinden
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Bey auffgewachter Sonn/ der weisse Reiff vergeht/
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Auch unsres Lebens Ziel sein Ende müsse finden/
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Und daß uns Tag und Nacht der Tod zur Seiten steht.
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Hergegen wer verwirfft des Fleisches faule Brillen/
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Siht durch des Glaubens Glaß die Herrligkeiten an:
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Glaubt das/ und kan auch so sein Hertz mit Trost bestillen.
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Kein treuer Nachbar nicht als nur der Tod seyn kan.
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Wie offt sind Nachbarn nicht auf Erden schlimme Feinde/
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Ja gönnen vielmals kaum einander frische Lufft?
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Nein/ der getrene Tod führt uns zum Seelen-Freunde
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Auf den diß matte Hertz in letzten Zügen hofft.
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Viel Nachbarn wünschen sich der Seythen ihre Hütten/
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Daß nach Belieben sie dieselben rücken fort.
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Wie heilsam ist der Tod! der aus des Satans Wüthen/
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Und aus der Angst der Welt die Christen führt zum Port.
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O seel’ ge Nachbarschafft! wer hie den Tod wol kennet
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Und ihn die Lebens-Zeit für einen Gleits-Mann hält/
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Wird/ wenn sich der maleinst die Seel vom Leibe trennet
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Zuletzt den Engeln noch als Nachbarn beygesellt.
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Nachdem dein Auge nun die grossen Freuden schaut.
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Du hast auff den gegründt dein unbeweglich Hoffen
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Der dieses gantze Rund der weiten Welt erbaut.
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Schlaf’ in der Erden Schoß! kein Nachbar wird dich stören
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Ob Nord/ Ost/ Sud und West die Nachbarschafft nicht hält.
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Man kan noch deinen Ruhm auf vieler Zungen hören
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Wie du gewesen bist ein Bild der alten Welt.
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Dein Tugend-eyfrig Geist hat/
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Die Wollust dieser Zeit aus Haus und Hertz verdammt.
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Zucht/ Ehr und Redligkeit war deiner Scheitel Krone
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Und diese bleibt auch noch den Kindern eingestammt.
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Die Mode von der Welt hieß eine Schanden-Decke;
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So Laster nur allein nicht Tugend sichtbar macht.
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Und Uberfluß und Pracht so eine Sünden-Hecke
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Die viel an Bettel-Stab und ins Verderben bracht.
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Der ersten Schlesier genau und sparsam Leben
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Wieß deine Häußligkeit in einem Spiegel für.
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Was Rom für Zeugnüß den Sabinern können geben
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Das gibt man ja mit Recht/
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Dein langer Witben-Stand war nur ein embsig Beten/
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Und GOttes Willen must in allen Richtsch nur seyn.
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Biß dich hat Lebens-satt der blasse Tod betreten
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Und den entseelten Leib beschleust der schwartze Schrein.
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Noch mehr: Du stirbst erfreut in deiner Kinder Hände
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Und ihre Liebes-Pflicht drückt dir die Augen zu.
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Ist wol ein beßrer Tod? ist wol ein seelgers Ende?
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Als wenn die Unsrigen uns bringen zu der Ruh?
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Was aber setz’ ich dir/ ein Nachbar/ für Cypressen?
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O Seelge/ weil die auch/ wie wir vergänglich seyn/
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So wil dich dieses nur ohn unterlaß ermessen/
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Der Tod als Nachbar steigt bey mir zum Fenster ein.