Das Sterbe-Kleid/ Bey Beerdigung Fr. E. P. g. W. betrachtet/ den 17. Julii 1675.

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Heinrich Mühlpfort: Das Sterbe-Kleid/ Bey Beerdigung Fr. E. P. g. W. betrachtet/ den 17. Julii 1675. (1686)

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Jst diß der letzte Schmuck/ du wertheste der Frauen/
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Der deinen kalten Leib nunmehr bekleiden soll?
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Ich weiter
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Gefällt ein Leinen Tuch für andern dir so wol?
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Und wünscht du eintzig nur diß Kleid bald anzulegen/
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Hingegen Fleisch und Blut die Hülle wegzuthun?
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So sag ich diese Tracht bringt dir mehr Nutz zu wegen/
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Als wenn du sonst auf Sammt und Purpur würdest ruhn.
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Diß ist nicht ungemein daß bey verstrichnen Zeiten
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Sich schon die alte Welt zum Sterben hat geschickt/
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Daß sie ihr Grufft und Sarg ließ herrlich zubereiten/
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Ja hat gleich einer Braut zur Heimfarth sich geschmückt.
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Die/ so gemeines Heil mit Sorgen unterstützet/
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Verlangten in dem Rock der Ehren zu vergehn.
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Die/ so ihr Helden-Blut fürs Vaterland verspritzet/
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Begehrten in der Pracht der Helden gleich zu stehn.
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Und Männer nicht allein hat dieser Wahn besessen/
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Daß Zier und Herrligkeit den Tod versüssen kan/
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Nein! kluger Frauen-Witz hat gleiches Ziel ermessen/
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Und legt die Sterbenden mit schönen Kleidern an.
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So lieff Olympias den Feinden in die Hände/
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Alceste gieng geschmückt auß Lieb und Treu in Tod.
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Man weiß Cleopatrens ihr wurder-prächtig Ende/
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Wenn sie die Schlangen fühlt/ doch nicht der Römer Noth.
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Allein ein falscher Traum von thörichten Gedancken
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Hat nur ein Sterbe-Kleid dem blinden Volck gewebt/
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Als daß niemals erkand der Eitelkeiten Schrancken/
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Und an der Erden nur mit Hertz und Sinn geklebt.
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Ach so ein Laster-Rock/ er sey von edlen Steinen
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Als Sternen angefüllt/ von Gold und Silber schwer/
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Wird für dem Richter-Stuhl deß Höchsten gar nicht scheinen
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Wenn die entblöste Seel von aller Tugend leer
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Was Indien gewürckt/ was Persien gesponnen;
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Und was das Morgen-Land von seidnen Schätzen weist/
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Dient zwar zu Schmuck und Pracht den edlen Schöuheits-Sonnen
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Doch weil der Faden eh’ als noch ihr Leben reist.
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Sind es der Nichtigkeit gespannte Spinne-Weben/
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Darinn der Menschen Hertz sich leicht verwickeln kan/
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Daß wenn oft Perl und Gold von aussen ziert das Leben
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Ein Sünden-volles Mahl brennt das Gewissen an.
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Verblaste
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Das nie die Uppigkeit und Hoffart hat erdacht/
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Dazu die Tugend selbst geliefert reine Seide/
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Hast du den kurtzen Lauff der Jahre hingebracht.
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Dein Himmel-blauer Schmuck war Gottesfurcht im Hertzen/
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Dein kostbar Silber-Stück ein unbefleckter Sinn/
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Dein grünes Sommer-Kleid ein unverfälschtes Schertzen/
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Und deine Redligkeit warff Farb und Schmincke hin.
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So hat dich
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Apollens klugem Sohn deß Vaterlandes Zier/
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Dem Kunst und Wissenschafft ein ewig Denckmahl bauet/
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Und dem die Nachwelt trägt deß Ruhmes Lorbern für.
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Da schien dein Hochzeit-Kleid vom Himmel zubereitet.
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Als nach verfloßnem Jahr dich Boy und Schleyr verhüllt/
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Und dein verwittibt Haupt mit Aschen ist bespreitet/
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In dem der theure Mann die Schoß der Erden füllt.
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Doch
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Und gleichet den Verlust mit neuem Segen aus.
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Du sollst zum andern mal in Breßlau Hochzeit machen/
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Herr Pohl gibt dir sein Hertz und Breßlau Hof und Hauß.
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Jhr sehet euren Tisch gleich einem Weinstock grünen/
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Und Blumen euer Eh in schönem Wachsthum stehn.
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Da deine Häußligkeit ist embsig wie die Bienen/
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Und weiß mit Rath und That der Nahrung nach zugehn.
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Es kan des Mannes Hertz in allem sich verlassen/
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Und dein vernünfftig Thun bringt reichen Nutzen ein.
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Du/ als Abigail weist so den Schluß zu fassen/
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Daß Seegen und Gelück euch stets Gefehrten seyn.
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Ach aber/ daß doch nichts beständiges auf Erden
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Daß Liebes-Rosen nur bey Dorn und Stacheln blühn!
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Wie offt hieß/
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Dich einen Marter-Rock fürs Freuden-Kleid anziehn?
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Der siechen Tage Zahl/ deß Leibes stete Schmertzen/
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So zwar die Hurtigkeit des Geistes nie gefällt/
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Erklärten was die Welt/ und ihr vergänglich Schertzen/
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Und wie sie Noth und Tod in ihrem Busen hält.
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Wie Schönheit als ein Kleid muß schliessen und veralten/
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Der Jugend frische Krafft als glattes Eiß zerbricht.
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Der Adern fenrig Brunn im Tode müß’ erkalten/
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Und für den letzten Stoß hilfft auch die Tugend nicht.
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Drumb hast du
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Jhr prächtig Schatten-Werck verächtlich angeschaut.
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Weil ihre Herrligkeit ein solcher Regenbogen/
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Den nur ein Gegenstrahl vons Glückes Sonn erbaut.
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Auch denen/ so sich hoch in ihre Pracht verliebet/
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Abgötter ihrer Zier sich jederzeit genennt.
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Sieht man/ was sie zuletzt für schlechte Lohnung giebet/
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Wenn es ans Scheiden kommt und Leib und Seel sich trennt.
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Nackt treten wir hervor/ nackt müssen wir von hinnen/
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Man nimmt ja weder Kron noch Zepter in das
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Witz/ Weißheit und Verstand/ so uns sonst leiten können/
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Sind bey der letzten Reiß ein schlechter Wander-Stab.
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Du/ werthste Seelige/ hast JEsum dir erwehlet
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Der auch im Finsternüß kan Weg und Leuchte seyn/
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Mit diesem hast du dich in Ewigkeit vermählet
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Er ruffte dich als Braut in seine Wohnung ein.
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Drauf kontest du getrost dein Sterbe-Hembde küssen/
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Dein allerliebstes Kleid mit Freuden legen an/
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Und sahest Glaubens voll den Himmel den aufschliessen
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Der für das Heil der Welt längst hat genug gethan.
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Wie aber/
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Ich lob es/ daß sich frey der Augen-Brunn ergeust.
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Gemüthern/ was sie groß geschätzt und hoch begehren/
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Ist Weinen eine Lust/ wie starck der Strom auch fleust.
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Die Schmertzen können sich in solcher Fluth verlauffen/
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Biß Gottes Hand zuletzt die Augen wieder wischt/
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Und wenn der krancke Geist in Trübsal will ersauffen/
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Jhn seine Güttigkeit mit Krafft und Trost erfrischt.
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Derselbe richt’ ihn auf und heile seine Wunden/
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Daß dieser Seelen-Riß noch zu ertragen sey!
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Denn wenn bey Menschen Rach und Rettung ist verschwunden/
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Trägt seiner Allmacht Krafft die beste Hülffe bey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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