So willst du treulos von mir scheiden

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Friedrich Schiller: So willst du treulos von mir scheiden Titel entspricht 1. Vers(1782)

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So willst du treulos von mir scheiden
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Mit deinen holden Phantasien,
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Mit deinen Schmerzen, deinen Freuden,
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Mit allen unerbittlich fliehn?
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Kann nichts dich, Fliehende, verweilen,
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O! meines Lebens goldne Zeit?
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Vergebens, deine Wellen eilen
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Hinab ins Meer der Ewigkeit.

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Erloschen sind die heitern Sonnen,
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Die meiner Jugend Pfad erhellt,
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Die Ideale sind zerronnen,
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Die einst das trunkne Herz geschwellt,
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Er ist dahin, der süße Glaube
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An Wesen, die mein Traum gebar,
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Der rauhen Wirklichkeit zum Raube,
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Was einst so schön, so göttlich war.

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Wie einst mit flehendem Verlangen
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Pygmalion den Stein umschloß,
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Bis in des Marmors kalte Wangen
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Empfindung glühend sich ergoß,
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So schlang ich mich mit Liebesarmen
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Um die Natur, mit Jugendlust,
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Bis sie zu atmen, zu erwarmen
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Begann an meiner Dichterbrust,

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Und, teilend meine Flammentriebe,
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Die Stumme eine Sprache fand,
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Mir wiedergab den Kuß der Liebe
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Und meines Herzens Klang verstand;
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Da lebte mir der Baum, die Rose,
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Mir sang der Quellen Silberfall,
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Es fühlte selbst das Seelenlose
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Von meines Lebens Widerhall.

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Es dehnte mit allmächtgem Streben
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Die enge Brust ein kreisend All,
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Herauszutreten in das Leben
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In Tat und Wort, in Bild und Schall.
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Wie groß war diese Welt gestaltet,
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Solang die Knospe sie noch barg,
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Wie wenig, ach! hat sich entfaltet,
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Dies wenige, wie klein und karg!

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Wie sprang, von kühnem Mut beflügelt,
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Beglückt in seines Traumes Wahn,
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Von keiner Sorge noch gezügelt,
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Der Jüngling in des Lebens Bahn.
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Bis an des Äthers bleichste Sterne
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Erhob ihn der Entwürfe Flug,
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Nichts war so hoch und nichts so ferne,
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Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.

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Wie leicht ward er dahingetragen,
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Was war dem Glücklichen zu schwer!
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Wie tanzte vor des Lebens Wagen
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Die luftige Begleitung her!
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Die Liebe mit dem süßen Lohne,
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Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
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Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
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Die Wahrheit in der Sonne Glanz!

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Doch, ach! schon auf des Weges Mitte
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Verloren die Begleiter sich,
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Sie wandten treulos ihre Schritte,
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Und einer nach dem andern wich.
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Leichtfüßig war das Glück entflogen,
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Des Wissens Durst blieb ungestillt,
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Des Zweifels finstre Wetter zogen
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Sich um der Wahrheit Sonnenbild.

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Ich sah des Ruhmes heilge Kränze
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Auf der gemeinen Stirn entweiht.
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Ach, allzuschnell nach kurzem Lenze,
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Entfloh die schöne Liebeszeit.
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Und immer stiller wards und immer
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Verlaßner auf dem rauhen Steg,
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Kaum warf noch einen bleichen Schimmer
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Die Hoffnung auf den finstern Weg.

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Von all dem rauschenden Geleite,
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Wer harrte liebend bei mir aus?
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Wer steht mir tröstend noch zur Seite
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Und folgt mir bis zum finstern Haus?
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Du, die du alle Wunden heilest,
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Der Freundschaft leise, zarte Hand,
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Des Lebens Bürden liebend teilest,
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Du, die ich frühe sucht' und fand,

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Und du, die gern sich mit ihr gattet,
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Wie sie der Seele Sturm beschwört,
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Beschäftigung, die nie ermattet,
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Die langsam schafft, doch nie zerstört,
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Die zu dem Bau der Ewigkeiten
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Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
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Doch von der großen Schuld der Zeiten
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Minuten, Tage, Jahre streicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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