Trost-Elegie An die betrübte Eltern und Groß-Eltern über dem Absterben J. A. C. den 21. April. 1675.

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Heinrich Mühlpfort: Trost-Elegie An die betrübte Eltern und Groß-Eltern über dem Absterben J. A. C. den 21. April. 1675. (1686)

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Die Thränen so jetzund aus euren Augen rinnen/
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Und noch zu guter Nacht die
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Betrübtste/ wird kein Mensch/ als unrecht/ tadeln können
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Er müste den ein Felß und kalter Marmel seyn.
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Hier iockt sie die Natur aus treuen Liebes-Quellen/
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Der Regen trocknet nicht so sich ins Hertz ergeust.
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Zuweilen lassen sich die Zähren noch verstellen/
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Nicht aber/ wenn der Schmertz biß in die Seele reist.
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Zudem ist auch ver gonnt die Seinen zubeklagen/
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Denn Thränen bleiben wol Dolmetscher unser Noth/
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Gesehrten/ so uns erst in dieses Leben tragen/
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Begleiter/ wenn aus dem uns rufft der blasse Tod.
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Doch aber sollen sie den jenen Flüssen gleichen
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Die nie aus ihrem Bett’ und grünen Ufern gehn.
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Ein Weiser wird das Ziel bey seinem Leid erreichen
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Wenn er bedenckt wie nah so Tod als Leben stehn.
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Der Schluß ist längst gemacht/ daß Menschen müssen sterben/
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Wer diß betrauren wil/ der kennt sich selbsten nicht.
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Wie soll nicht dieser Leib/ der Asch und Staub/ verderben/
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Wenn uns bey der Geburt die erste Haut schon bricht?
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Der Anfang führt mit sich sein eintzig Kind das Ende/
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Wie groß der Unterscheid macht uns der Ausgang gleich.
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Auch Kindern ist zuviel die Mänge vom Elende/
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Und für der Jahre Flucht wird ein verlebter bleich.
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Sagt/
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So ihrer Jahre Zahl auff hohe Staffeln bracht.
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Ob sie bey Angst und Noth sich täglich nicht begraben/
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Und saurer Tage Last sie todten ähnlich macht:
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Alsdenn legt auch die Zeit auff gleiche Wage-Schalen/
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Und messet mir den Raum so unser Leben hat.
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Gewiß/ die der Natur früh ihre Schuld bezahlen
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Sind mehr glückseliger als die so Lebens-sat.

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Theils sehen sich zuvor an ihren Kindern sterben/
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Theils gehen stets gebückt/ voll Eckel/ voll Verdruß/
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Und vielen wird der Harm das Leben so erherben/
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Daß nichts als Angst und Noth ihr eintzig Uberfluß.

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Man heist den jenigen erfreuet sonst wilkommen/
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Der seiner Reise Ziel ein kurtzes Ende macht.
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Nun in dem Himmel ist die
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Und zu der Nachbarschafft der Engel hingebracht/

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So klagt/
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Daß eures Lebens Trost und Hoffnung fällt dahin.
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Gedenckt der unser Zeit und Tage führt in Händen
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Hat ihr den frühen Tod gerechnet zum Gewinn.

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Zwar die Behägligkeit/ die freundlichen Geberden/
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Die liebliche Gestalt/ des Leibes Hurtigkeit/
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Und andre Schätze mehr/ so ench entzogen werden/
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Sind Wecker neuer Angst und Auffboth zu dem Leid.

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Allein/ wie kan ein Mensch den innern Rath ausfragen/
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Den GOttes Macht-Gericht’ hat über uns bestimmt?
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Indem der Erden-Kreyß erbebt von vielen Plagen/
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Geschicht nicht denen wol so früh’ GOtt zu sich nimmt?

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Jhr rein und zarter Geist hat nie das Gifft geschmecket/
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So offt die Heiligen auff dieser Welt verführt/
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Und ihre Seele war von Lastern nie beflecket
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Die unser Fleisch und Blut im Alter sonst gebirt.
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Gesetzt: Daß ferner auch der Frühling ihrer Jugend
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In holder Liebligkeit zum schönsten auffgeblüht/
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Und ihr begierig Sinn in ungefärbter Tugend/
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Und wahrer Gottes furcht nur eintzig sich bemüht;
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So wär ihr Stunden-Glaß doch endlich auch zerfallen/
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Es hätte sie der Tod/ als wie an jetzt/ gestreckt:
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Diß Leben bleibet nur ein unablässig Wallen/
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Biß den verblasten Leib die Schoß der Erden deckt.

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Man leide mit Gedult/ was alle müssen leiden/
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Und thu nur unverzagt was doch gethan muß seyn.
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Den Schluß von Ewigkeit/ Antreten und Abscheiden
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Reist keine Ungedult noch kläglich Winseln ein.

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So weit die Cynthia ihr silbern Tauhorn lencket/
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Und Phöbus göldnes Rad den Kreiß der Welt durchfährt/
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Ist nichts als Unbestand der unser Thun umbschrencket/
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Und Kummer der den Kern des Geistes fast verzehrt.

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Ja endlich unser Leib ist nur ein Grab der Seele/
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Ein Kercker wo uns nichts als Nacht und Schrecken rührt/
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Ein arge Folter-Banck und Marter-reiche Höle/
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Die mit stets neuer Noth die schwachen Glieder schnürt.

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Ein Schiffmann jauchtzt und springt/ wenn er den Port erblicket:
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Ist nicht der Tod bey uns ein Port der süssen Ruh?
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Der vor des Lebens Lust die Menschen mehr erquicket/
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Wenn seine Hand zuletzt uns drückt die Augen zu.

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Betrübtste/ weiter wird auch diß noch Trost bereiten.
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Daß die so wol gelebt und seelig scheiden ab/
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Man sol mit Lobgesang zu ihrer Grufft begleiten.
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Die Thür zur Ewigkeit ist frommer Christen Grab.

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Die bittern Schmertzen wird ihr Angedencken stillen/
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Denn die man hochgeliebt/ vergisst man nimmer nicht.
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Muß schon was irrdisch war die Erde wieder füllen
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So schwebt ihr Bildnüß doch euch immer im Gesicht.

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Ja rufft vielmehr Glück zu! der seelgen Catharinen
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Die den April der Welt tauscht mit des Lebens May:
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Bekrönt ihr enges Grab mit frischen Roßmarinen
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Zum Trost/ daß eure Blum’ hierinn verschlossen sey.

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Der Garten eurer Eh’ muß jetzt zwar Anstoß leiden
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Des Todes Witterung raubt Pflantzen bester Art.
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Doch wird das Paradeis mit neuem Glantz sie kleiden/
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Und zu mehr Herrligkeit hat sie das Grab bewahrt.

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Drumb
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Jhr kurtzes Leiden hat erlangt den schönsten Preiß.
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Umbsonst beklagt man sie mit seufftzen-vollem Sehnen.
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Der traurt am Christlichsten/ der Maß zu halten weiß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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