Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst

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Friedrich Schiller: Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst Titel entspricht 1. Vers(1782)

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Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
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Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
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Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
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Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
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Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
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Und kaum besänftigte der Hierophant
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Den ungeduldig Strebenden. »Was hab ich,
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Wenn ich nicht alles habe?« sprach der Jüngling.
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»gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
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Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
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Nur eine Summe, die man größer, kleiner
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Besitzen kann und immer doch besitzt?
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Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
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Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
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Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
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Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang
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Das schöne All der Töne fehlt und Farben.«

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Indem sie einst so sprachen, standen sie
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In einer einsamen Rotonde still,
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Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
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Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
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Blickt er den Führer an und spricht: »Was ists,
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Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?«
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»die Wahrheit«, ist die Antwort. – »Wie?« ruft jener,
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»nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
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Gerade ist es, die man mir verhüllt?«

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»das mache mit der Gottheit aus«, versetzt
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Der Hierophant. »Kein Sterblicher, sagt sie,
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Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
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Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand
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Den heiligen, verbotnen früher hebt,
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Der, spricht die Gottheit –« –
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»nun?« – »Der

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»ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
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Du hättest also niemals ihn gehoben?«
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»ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
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Versucht.« – »Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit
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Nur diese dünne Scheidewand mich trennte –«
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»und ein Gesetz«, fällt ihm sein Führer ein.
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»gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
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Ist dieser dünne Flor – für deine Hand
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Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.«

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Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause.
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Ihm raubt des Wissens brennende Begier
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Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager
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Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
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Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
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Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,
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Und mitten in das Innre der Rotonde
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Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

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Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
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Den Einsamen die lebenlose Stille,
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Die nur der Tritte hohler Widerhall
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In den geheimen Grüften unterbricht.
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Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
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Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
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Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott
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Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
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In ihrem langen Schleier die Gestalt.

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Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
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Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
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Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein
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Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
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Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
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In seinem Innern eine treue Stimme.
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Versuchen den Allheiligen willst du?
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Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
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Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
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Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
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Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
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»sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf.«
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(er rufts mit lauter Stimm.) »Ich will sie schauen.« Schauen!
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Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

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Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
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Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
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Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
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So fanden ihn am andern Tag die Priester
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Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
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Was er allda gesehen und erfahren,
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Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
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War seines Lebens Heiterkeit dahin,
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Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
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»weh dem«, dies war sein warnungsvolles Wort,
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Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
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»weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
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Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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