Die Künstler

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Friedrich Schiller: Die Künstler (1782)

1
Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
2
Stehst du an des Jahrhunderts Neige,
3
In edler stolzer Männlichkeit,
4
Mit aufgeschloßnem Sinn, mit Geistesfülle,
5
Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille,
6
Der reifste Sohn der Zeit,
7
Frei durch Vernunft, stark durch Gesetze,
8
Durch Sanftmut groß, und reich durch Schätze,
9
Die lange Zeit dein Busen dir verschwieg,
10
Herr der Natur, die deine Fesseln liebet,
11
Die deine Kraft in tausend Kämpfen übet
12
Und prangend unter dir aus der Verwildrung stieg!

13
Berauscht von dem errungnen Sieg,
14
Verlerne nicht, die Hand zu preisen,
15
Die an des Lebens ödem Strand
16
Den weinenden verlaßnen Waisen,
17
Des wilden Zufalls Beute, fand,
18
Die frühe schon der künftgen Geisterwürde
19
Dein junges Herz im stillen zugekehrt,
20
Und die befleckende Begierde
21
Von deinem zarten Busen abgewehrt,
22
Die Gütige, die deine Jugend
23
In hohen Pflichten spielend unterwies,
24
Und das Geheimnis der erhabnen Tugend
25
In leichten Rätseln dich erraten ließ,
26
Die, reifer nur ihn wieder zu empfangen,
27
In fremde Arme ihren Liebling gab,
28
O falle nicht mit ausgeartetem Verlangen
29
Zu ihren niedern Dienerinnen ab!
30
Im Fleiß kann dich die Biene meistern,
31
In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein,
32
Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern,
33
Die

34
Nur durch das Morgentor des Schönen
35
Drangst du in der Erkenntnis Land.
36
An höhern Glanz sich zu gewöhnen,
37
Übt sich am Reize der Verstand.
38
Was bei dem Saitenklang der Musen
39
Mit süßem Beben dich durchdrang,
40
Erzog die Kraft in deinem Busen,
41
Die sich dereinst zum Weltgeist schwang.

42
Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen,
43
Die alternde Vernunft erfand,
44
Lag im Symbol des Schönen und des Großen
45
Voraus geoffenbart dem kindischen Verstand.
46
Ihr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben,
47
Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich gesträubt,
48
Eh noch ein Solon das Gesetz geschrieben,
49
Das matte Blüten langsam treibt.
50
Eh vor des Denkers Geist der kühne
51
Begriff des ewgen Raumes stand,
52
Wer sah hinauf zur Sternenbühne,
53
Der ihn nicht ahndend schon empfand?

54
Die, eine Glorie von Orionen
55
Ums Angesicht, in hehrer Majestät,
56
Nur angeschaut von reineren Dämonen,
57
Verzehrend über Sternen geht,
58
Geflohn auf ihrem Sonnenthrone,
59
Die furchtbar herrliche Urania,
60
Mit abgelegter Feuerkrone
61
Steht sie – als
62
Der Anmut Gürtel umgewunden,
63
Wird sie zum Kind, daß Kinder sie verstehn:
64
Was wir als Schönheit hier empfunden,
65
Wird einst als

66
Als der Erschaffende von seinem Angesichte
67
Den Menschen in die Sterblichkeit verwies
68
Und eine späte Wiederkehr zum Lichte
69
Auf schwerem Sinnenpfad ihn finden hieß,
70
Als alle Himmlischen ihr Antlitz von ihm wandten,
71
Schloß sie, die Menschliche, allein
72
Mit dem verlassenen Verbannten
73
Großmütig in die Sterblichkeit sich ein.
74
Hier schwebt sie, mit gesenktem Fluge,
75
Um ihren Liebling, nah am Sinnenland,
76
Und malt mit lieblichem Betruge
77
Elysium auf seine Kerkerwand.

78
Als in den weichen Armen dieser Amme
79
Die zarte Menschheit noch geruht,
80
Da schürte heilge Mordsucht keine Flamme,
81
Da rauchte kein unschuldig Blut.
82
Das Herz, das sie an sanften Banden lenket,
83
Verschmäht der Pflichten knechtisches Geleit;
84
Ihr Lichtpfad, schöner nur geschlungen, senket
85
Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit.
86
Die ihrem keuschen Dienste leben,
87
Versucht kein niedrer Trieb, bleicht kein Geschick;
88
Wie unter heilige Gewalt gegeben
89
Empfangen sie das reine Geisterleben,
90
Der Freiheit süßes Recht, zurück.

91
Glückselige, die sie – aus Millionen
92
Die reinsten – ihrem Dienst geweiht,
93
In deren Brust sie würdigte zu thronen,
94
Durch deren Mund die Mächtige gebeut,
95
Die sie auf ewig flammenden Altären
96
Erkor, das heilge Feuer ihr zu nähren,
97
Vor deren Aug allein sie hüllenlos erscheint,
98
Die sie in sanftem Bund um sich vereint!
99
Freut euch der ehrenvollen Stufe,
100
Worauf die hohe Ordnung euch gestellt:
101
In die erhabne Geisterwelt
102
Wart ihr der Menschheit erste Stufe.

103
Eh ihr das Gleichmaß in die Welt gebracht,
104
Dem alle Wesen freudig dienen –
105
Ein unermeßner Bau, im schwarzen Flor der Nacht
106
Nächst um ihn her mit mattem Strahle nur beschienen,
107
Ein streitendes Gestaltenheer,
108
Die seinen Sinn in Sklavenbanden hielten
109
Und ungesellig, rauh wie er,
110
Mit tausend Kräften auf ihn zielten,
111
– So stand die Schöpfung vor dem Wilden.
112
Durch der Begierde blinde Fessel nur
113
An die Erscheinungen gebunden,
114
Entfloh ihm, ungenossen, unempfunden,
115
Die schöne Seele der Natur.

116
Und wie sie fliehend jetzt vorüber fuhr,
117
Ergriffet ihr die nachbarlichen Schatten
118
Mit zartem Sinn, mit stiller Hand,
119
Und lerntet in harmonschem Band
120
Gesellig sie zusammengatten.
121
Leichtschwebend fühlte sich der Blick
122
Vom schlanken Wuchs der Zeder aufgezogen;
123
Gefällig strahlte der Kristall der Wogen
124
Die hüpfende Gestalt zurück.
125
Wie konntet ihr des schönen Winks verfehlen,
126
Womit euch die Natur hilfreich entgegen kam?
127
Die Kunst, den Schatten ihr nachahmend abzustehlen,
128
Wies euch das Bild, das auf der Woge schwamm.
129
Von ihrem Wesen abgeschieden,
130
Ihr eignes liebliches Phantom,
131
Warf sie sich in den Silberstrom,
132
Sich ihrem Räuber anzubieten.
133
Die schöne Bildkraft ward in eurem Busen wach.
134
Zu edel schon, nicht müßig zu empfangen,
135
Schuft ihr im Sand – im Ton den holden Schatten nach,
136
Im Umriß ward sein Dasein aufgefangen.
137
Lebendig regte sich des Wirkens süße Lust –
138
Die erste Schöpfung trat aus eurer Brust.

139
Von der Betrachtung angehalten,
140
Von eurem Späheraug umstrickt,
141
Verrieten die vertraulichen Gestalten
142
Den Talisman, wodurch sie euch entzückt.
143
Die wunderwirkenden Gesetze,
144
Des Reizes ausgeforschte Schätze
145
Verknüpfte der erfindende Verstand
146
In leichtem Bund in Werken eurer Hand.
147
Der Obeliske stieg, die Pyramide,
148
Die Herme stand, die Säule sprang empor,
149
Des Waldes Melodie floß aus dem Haberrohr,
150
Und Siegestaten lebten in dem Liede.

151
Die Auswahl einer Blumenflur,
152
Mit weiser Wahl in einen Strauß gebunden,
153
So trat die erste Kunst aus der Natur;
154
Jetzt wurden
155
Und eine zweite höhre Kunst erstand
156
Aus Schöpfungen der Menschenhand.
157
Das Kind der Schönheit, sich allein genug,
158
Vollendet schon aus eurer Hand gegangen,
159
Verliert die Krone, die es trug,
160
Sobald es Wirklichkeit empfangen.
161
Die Säule muß, dem Gleichmaß untertan,
162
An ihre Schwestern nachbarlich sich schließen,
163
Der Held im Heldenheer zerfließen,
164
Des Mäoniden Harfe stimmt voran.

165
Bald drängten sich die staunenden Barbaren
166
Zu diesen neuen Schöpfungen heran.
167
Seht, riefen die erfreuten Scharen,
168
Seht an, das hat der Mensch getan!
169
In lustigen, geselligeren Paaren
170
Riß sie des Sängers Leier nach,
171
Der von Titanen sang und Riesenschlachten,
172
Und Löwentötern, die, so lang der Sänger sprach,
173
Aus seinen Hörern Helden machten.
174
Zum erstenmal genießt der
175
Erquickt von ruhigeren Freuden,
176
Die aus der Ferne nur ihn weiden,
177
Die seine Gier nicht in sein Wesen reißt,
178
Die im Genusse nicht verscheiden.

179
Jetzt wand sich von dem Sinnenschlafe
180
Die freie schöne Seele los,
181
Durch euch entfesselt, sprang der Sklave
182
Der Sorge in der Freude Schoß.
183
Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
184
Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn,
185
Und der erhabne Fremdling, der Gedanke
186
Sprang aus dem staunenden Gehirn.
187
Jetzt
188
Das königliche Angesicht,
189
Schon dankte in erhabnen Fernen
190
Sein sprechend Aug dem Sonnenlicht.
191
Das Lächeln blühte auf der Wange,
192
Der Stimme seelenvolles Spiel
193
Entfaltete sich zum Gesange,
194
Im feuchten Auge schwamm Gefühl,
195
Und Scherz mit Huld in anmutsvollem Bunde
196
Entquollen dem beseelten Munde.

197
Begraben in des Wurmes Triebe,
198
Umschlungen von des Sinnes Lust,
199
Erkanntet ihr in seiner Brust
200
Den edlen Keim der Geisterliebe.
201
Daß von des Sinnes niederm Triebe
202
Der Liebe beßrer Keim sich schied,
203
Dankt er dem ersten Hirtenlied.
204
Geadelt zur Gedankenwürde,
205
Floß die verschämtere Begierde
206
Melodisch aus des Sängers Mund.
207
Sanft glühten die betauten Wangen,
208
Das überlebende Verlangen
209
Verkündigte der Seelen Bund.

210
Der Weisen Weisestes, der Milden Milde,
211
Der Starken Kraft, der Edeln Grazie,
212
Vermähltet ihr in
213
Und stelltet es in eine Glorie.
214
Der Mensch erbebte vor dem Unbekannten,
215
Er liebte seinen Widerschein;
216
Und herrliche Heroen brannten,
217
Dem großen Wesen gleich zu sein.
218
Den ersten Klang vom Urbild alles Schönen,

219
Der Leidenschaften wilden Drang
220
Des Glückes regellose Spiele,
221
Der Pflichten und Instinkte Zwang
222
Stellt ihr mit prüfendem Gefühle,
223
Mit strengem Richtscheit nach dem Ziele.
224
Was die Natur auf ihrem großen Gange
225
In weiten Fernen auseinander zieht,
226
Wird auf dem Schauplatz, im Gesange
227
Der Ordnung leicht gefaßtes Glied.
228
Vom Eumenidenchor geschrecket,
229
Zieht sich der Mord, auch nie entdecket,
230
Das Los des Todes aus dem Lied.
231
Lang, eh die Weisen ihren Ausspruch wagen,
232
Löst eine Ilias des Schicksals Rätselfragen
233
Der jugendlichen Vorwelt auf;
234
Still wandelte von Thespis' Wagen
235
Die Vorsicht in den Weltenlauf.

236
Doch in den großen Weltenlauf
237
Ward euer Ebenmaß zu früh getragen.
238
Als des Geschickes dunkle Hand,
239
Was sie vor eurem Auge schnürte,
240
Vor eurem Aug nicht auseinanderband,
241
Das Leben in die Tiefe schwand,
242
Eh es den schönen Kreis vollführte –
243
Da führtet ihr aus kühner Eigenmacht
244
Den Bogen weiter durch der Zukunft Nacht;
245
Da stürztet ihr euch ohne Beben
246
In des Avernus schwarzen Ozean
247
Und trafet das entflohne Leben
248
Jenseits der Urne wieder an:
249
Da zeigte sich mit umgestürztem Lichte,
250
An Kastor angelehnt, ein blühend Polluxbild:
251
Der Schatten in des Mondes Angesichte,
252
Eh sich der schöne Silberkreis erfüllt.

253
Doch höher stets, zu immer höhern Höhen
254
Schwang sich der schaffende Genie.
255
Schon sieht man Schöpfungen aus Schöpfungen erstehen,
256
Aus Harmonien Harmonie.
257
Was hier allein das trunkne Aug entzückt,
258
Dient unterwürfig dort der höhern Schöne;
259
Der Reiz, der diese Nymphe schmückt,
260
Schmilzt sanft in eine göttliche Athene:
261
Die Kraft, die in des Ringers Muskel schwillt,
262
Muß in des Gottes Schönheit lieblich schweigen;
263
Das Staunen seiner Zeit, das stolze Jovisbild,
264
Im Tempel zu Olympia sich neigen.

265
Die Welt, verwandelt durch den Fleiß,
266
Das Menschenherz, bewegt von neuen Trieben,
267
Die sich in heißen Kämpfen üben,
268
Erweitern euren Schöpfungskreis.
269
Der fortgeschrittne Mensch trägt auf erhobnen Schwingen
270
Dankbar die Kunst mit sich empor,
271
Und neue Schönheitswelten springen
272
Aus der bereicherten Natur hervor.
273
Des Wissens Schranken gehen auf,
274
Der Geist, in euren leichten Siegen
275
Geübt, mit schnell gezeitigtem Vergnügen
276
Ein künstlich All von Reizen zu durcheilen,
277
Stellt der Natur entlegenere Säulen,
278
Ereilet sie auf ihrem dunkeln Lauf.
279
Jetzt wägt er sie mit menschlichen Gewichten,
280
Mißt sie mit
281
Verständlicher in seiner Schönheit Pflichten,
282
Muß sie an seinem Aug vorüberziehn.
283
In selbstgefällger jugendlicher Freude
284
Leiht er den Sphären seine Harmonie,
285
Und preiset er das Weltgebäude,
286
So prangt es durch die Symmetrie.

287
In allem, was ihn jetzt umlebet,
288
Spricht ihn das holde Gleichmaß an.
289
Der Schönheit goldner Gürtel webet
290
Sich mild in seine Lebensbahn;
291
Die selige Vollendung schwebet
292
In euren Werken siegend ihm voran.
293
Wohin die laute Freude eilet,
294
Wohin der stille Kummer flieht,
295
Wo die Betrachtung denkend weilet,
296
Wo er des Elends Tränen sieht,
297
Wo tausend Schrecken auf ihn zielen,
298
Folgt ihm ein Harmonienbach,
299
Sieht er die Huldgöttinnen spielen
300
Und ringt in still verfeinerten Gefühlen
301
Der lieblichen Begleitung nach.
302
Sanft, wie des Reizes Linien sich winden,
303
Wie die Erscheinungen um ihn
304
In weichem Umriß ineinander schwinden,
305
Flieht seines Lebens leichter Hauch dahin.
306
Sein Geist zerrinnt im Harmonienmeere,
307
Das seine Sinne wollustreich umfließt,
308
Und der hinschmelzende Gedanke schließt
309
Sich still an die allgegenwärtige Cythere.
310
Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,
311
Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
312
Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,
313
Mit freundlich dargebotnem Busen
314
Vom sanften Bogen der Notwendigkeit.

315
Vertraute Lieblinge der selgen Harmonie,
316
Erfreuende Begleiter durch das Leben,
317
Das Edelste, das Teuerste, was sie,
318
Die Leben gab, zum Leben uns gegeben!
319
Daß der entjochte Mensch jetzt seine Pflichten denkt,
320
Die Fessel liebet, die ihn lenkt,
321
Kein Zufall mehr mit ehrnem Zepter ihm gebeut,
322
Dies dankt euch – eure Ewigkeit,
323
Und ein erhabner Lohn in eurem Herzen.
324
Daß um den Kelch, worin uns Freiheit rinnt,
325
Der Freude Götter lustig scherzen,
326
Der holde Traum sich lieblich spinnt,
327
Dafür seid liebevoll umfangen!

328
Dem prangenden, dem heitern Geist,
329
Der die Notwendigkeit mit Grazie umzogen,
330
Der seinen Äther, seinen Sternenbogen
331
Mit Anmut uns bedienen heißt,
332
Der, wo er schreckt, noch durch Erhabenheit entzücket,
333
Und zum Verheeren selbst sich schmücket,
334
Wie auf dem spiegelhellen Bach
335
Die bunten Ufer tanzend schweben,
336
Das Abendrot, das Blütenfeld,
337
So schimmert auf dem dürftgen Leben
338
Der Dichtung muntre Schattenwelt.
339
Ihr führet uns im Brautgewande
340
Die fürchterliche Unbekannte,
341
Die unerweichte Parze vor.
342
Wie eure Urnen die Gebeine,
343
Deckt ihr mit holdem Zauberscheine
344
Der Sorgen schauervollen Chor.
345
Jahrtausende hab ich durcheilet,
346
Der Vorwelt unabsehlich Reich:
347
Wie lacht die Menschheit, wo ihr weilet,
348
Wie traurig liegt sie hinter euch!

349
Die einst mit flüchtigem Gefieder
350
Voll Kraft aus euren Schöpferhänden stieg,
351
In eurem Arm fand sie sich wieder,
352
Als durch der Zeiten stillen Sieg
353
Des Lebens Blüte von der Wange,
354
Die Stärke von den Gliedern wich
355
Und traurig, mit entnervtem Gange,
356
Der Greis an seinem Stabe schlich.
357
Da reichtet ihr aus frischer Quelle
358
Dem Lechzenden die Lebenswelle.
359
Zweimal verjüngte sich die Zeit,
360
Zweimal von Samen, die ihr ausgestreut.

361
Vertrieben von Barbarenheeren,
362
Entrisset ihr den letzten Opferbrand
363
Des Orients entheiligten Altären
364
Und brachtet ihn dem Abendland.
365
Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,
366
Der junge Tag, im Westen neu empor,
367
Und auf Hesperiens Gefilden sproßten
368
Verjüngte Blüten Joniens hervor.
369
Die schönere Natur warf in die Seelen
370
Sanft spiegelnd einen schönen Widerschein,
371
Und prangend zog in die geschmückten Seelen
372
Des Lichtes große Göttin ein.
373
Da sah man Millionen Ketten fallen,
374
Und über Sklaven sprach jetzt Menschenrecht,
375
Wie Brüder friedlich miteinander wallen,
376
So mild erwuchs das jüngere Geschlecht.
377
Mit innrer hoher Freudenfülle
378
Genießt ihr das gegebne Glück
379
Und tretet in der Demut Hülle
380
Mit schweigendem Verdienst zurück.

381
Wenn auf des Denkens freigegebnen Bahnen
382
Der Forscher jetzt mit kühnem Glücke schweift
383
Und, trunken von siegrufenden Päanen,
384
Mit rascher Hand schon nach der Krone greift;
385
Wenn er mit niederm Söldnerslohne
386
Den edeln Führer zu entlassen glaubt,
387
Und neben dem geträumten Throne
388
Der Kunst den ersten Sklavenplatz erlaubt:
389
Verzeiht ihm – der Vollendung Krone
390
Schwebt glänzend über eurem Haupt.
391
Mit euch, des Frühlings erster Pflanze,
392
Begann die seelenbildende Natur,
393
Mit euch, dem freudgen Erntekranze,
394
Schließt die vollendende Natur.

395
Die von dem Ton, dem Stein bescheiden aufgestiegen,
396
Die schöpferische Kunst, umschließt mit stillen Siegen
397
Des Geistes unermeßnes Reich;
398
Was in des Wissens Land Entdecker nur ersiegen,
399
Entdecken sie, ersiegen sie für euch.
400
Der Schätze, die der Denker aufgehäufet,
401
Wird er in euren Armen erst sich freun,
402
Wenn seine Wissenschaft, der Schönheit zugereifet,
403
Zum Kunstwerk wird geadelt sein –
404
Wenn er auf einen Hügel mit euch steiget,
405
Und seinem Auge sich, in mildem Abendschein,
406
Das malerische Tal – auf einmal zeiget.

407
Je reicher ihr den schnellen Blick vergnüget,
408
Je höhre, schönre Ordnungen der Geist
409
In
410
In
411
Je weiter sich Gedanken und Gefühle
412
Dem üppigeren Harmonienspiele,
413
Dem reichern Strom der Schönheit aufgetan –
414
Je schönre Glieder aus dem Weltenplan,
415
Die jetzt verstümmelt seine Schöpfung schänden,
416
Sieht er die hohen Formen dann vollenden,
417
Je schönre Rätsel treten aus der Nacht,
418
Je reicher wird die Welt, die
419
Je breiter strömt das Meer, mit dem er fließet,
420
Je schwächer wird des Schicksals blinde Macht,
421
Je höher streben seine Triebe,
422
Je kleiner wird er selbst, je größer seine Liebe.

423
So führt ihn, in verborgnem Lauf,
424
Durch immer reinre Formen, reinre Töne,
425
Durch immer höhre Höhn und immer schönre Schöne
426
Der Dichtung Blumenleiter still hinauf –
427
Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten,
428
Noch eine glückliche Begeisterung,
429
Des jüngsten Menschenalters Dichterschwung,
430
Und – in der

431
Sie selbst, die sanfte Cypria,
432
Umleuchtet von der Feuerkrone
433
Steht dann vor ihrem mündgen Sohne
434
Entschleiert – als Urania;
435
So schneller nur von ihm erhaschet,
436
Je
437
So süß, so selig überraschet
438
Stand einst Ulyssens edler Sohn,
439
Da seiner Jugend himmlischer Gefährte
440
Zu Jovis Tochter sich verklärte.

441
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
442
Bewahret sie!
443
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!
444
Der Dichtung heilige Magie
445
Dient einem weisen Weltenplane,
446
Still lenke sie zum Ozeane
447
Der großen Harmonie!

448
Von ihrer Zeit verstoßen, flüchte
449
Die ernste Wahrheit zum Gedichte
450
Und finde Schutz in der Kamönen Chor.
451
In ihres Glanzes höchster Fülle,
452
Furchtbarer in des Reizes Hülle,
453
Erstehe sie in dem Gesange
454
Und räche sich mit Siegesklange
455
An des Verfolgers feigem Ohr.

456
Der freisten Mutter freie Söhne,
457
Schwingt euch mit festem Angesicht
458
Zum Strahlensitz der höchsten Schöne,
459
Um andre Kronen buhlet nicht.
460
Die Schwester, die euch hier verschwunden,
461
Holt ihr im Schoß der Mutter ein;
462
Was schöne Seelen schön empfunden,
463
Muß trefflich und vollkommen sein.
464
Erhebet euch mit kühnem Flügel
465
Hoch über euren Zeitenlauf;
466
Fern dämmre schon in euerm Spiegel
467
Das kommende Jahrhundert auf.
468
Auf tausendfach verschlungnen Wegen
469
Der reichen Mannigfaltigkeit
470
Kommt dann umarmend euch entgegen
471
Am Thron der hohen Einigkeit.
472
Wie sich in sieben milden Strahlen
473
Der weiße Schimmer lieblich bricht,
474
Wie sieben Regenbogenstrahlen
475
Zerrinnen in das weiße Licht:
476
So spielt in tausendfacher Klarheit
477
Bezaubernd um den trunknen Blick,
478
So fließt in
479
In

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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