Totenfeier am Grabe

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Friedrich Schiller: Totenfeier am Grabe (1782)

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Noch zermalmt der Schrecken unsre Glieder –
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Rieger tot!
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Noch in unsern Ohren heult der Donner wider –
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Rieger, Rieger tot!
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Wie ein Blitz, im Niedergang entzündet,

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Schon im Aufgang schwindet,
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Flog der Held zu Gott!

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Sollen Klagen um die Leiche hallen,
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Klagen um den großen Mann?
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Oder dörfen warme Tränen fallen,
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Tränen um den guten, lieben Mann?

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Dörfen wir mit Riegers Söhnen weinen?
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Mit den Patrioten uns vereinen?

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O so feire weinender Gesang
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Einer Sonne Untergang!

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Groß, o Rieger, groß war deine Stufe,
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Groß dein Geist zu Seinem großen Rufe,

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Größer war – dein Herz!

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Engelhuld und göttliches Erbarmen
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Rief den Freund zu deinen offnen Armen;

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Froher unschuldsvoller Scherz

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Lachte noch im silbergrauen Weisen,
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Jugendfeuer brannte noch im Greisen,

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In dem Krieger betete – der Christ.

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Höher als das Lächeln deines Fürsten,
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(ach! wornach so manche geizig dürsten!)

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Höher war dir der, der ewig ist.

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Nicht um Erdengötter klein zu kriechen,
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Fürstengunst mit Untertanenflüchen

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Zu erwuchern, war dein Trachten nie.

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Elende beim Fürsten zu vertreten,
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Für die Unschuld an dem Thron zu beten,

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War dein Stolz auf Erden hie.

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Rang und Macht, die lächerlichen Flitter,
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Fallen ab am Tage des Gerichts,
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Fallen ab wie Blätter im Gewitter,
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Und der Pomp – ist Nichts! – –

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Krieger KARLS! erlaubt mir, hier zu halten,
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Tretet her, ihr lorbeervollen Alten!

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(das Gewissen brenne flammenrot)

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Dumpfig hohl aus eures Riegers Bahre
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Spricht zu euch, ihr Söhne vieler Jahre,

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Spricht zu euch – der Tod:

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»erdengötter! – glaubt ihr ungerochen

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Mit der Größe kindischkleinem Stolz
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(alles faßt der schmale Raum von Holz)

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Gegen mich zu pochen?
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Hilft euch des Monarchen Gunst,
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Die oft nur am Rittersterne funkelt,
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Hilft des Höflings Schlangenkunst,
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Wenn sich brechend euer Aug verdunkelt?
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Erdengötter, redet doch,
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Wenn der Götterdunst zerstiebet,
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Redet denn, was wärt ihr noch,

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Wenn ihr – schlechte Menschen bliebet?
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Trotzt ihr mir mit euren stolzen Ahnen,

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Daß von euch – zwei Tropfen Blut

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In den Adern alter Helden rannen?
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Pocht ihr auf geerbtes Gut?
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Wird man dort nach Riegers Range fragen?
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Folgt ihm wohl KARLS Gnade bis dahin?
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Wird er höher von dem Ritterkreuz getragen,
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Als vom Jubel Seiner Segnenden?
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Wann der Richter in dem Schuldbuch blättert,
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Fragt er, ob der große Tote hier

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Zu dem Tempel des Triumphs geklettert?
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Fragt man dort, wie man ihn hier vergöttert?

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Richtet Gott – – wie wir?«

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Aber Heil dir! Seliger! Verklärter,
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Nimm zufrieden deinen Sonnenflug!
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Deinem Herzen war die Menschheit werter
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Als der Größe prangender Betrug!
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Schöne Taten waren deine Schätze,
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Aufgehäuft für eine schöne Welt,
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Glücklich gingst du durch die goldne Netze,
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Wo die Ehrsucht ihre Sklaven fällt.
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Wenn die Riesenrüstung stolzer Größe
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Manches große Heldenherz zerdrückt,
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Flohst du frei, entschwungen dem Getöse
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Dieser Welt, und bist – beglückt.

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Dort, wo du bei ewgen Morgenröten
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Einen Lorbeer, der nie welket, pflückst,
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Und auf diesen traurenden Planeten
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Sanften Mitleids niederblickst,
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Dort, wo du an reine Seraphinen
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Dich in ewigem Umarmen schmiegst
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Und bei jubelvollen Harfentönen
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Kühne Flügel durch den Himmel wiegst,
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Dort, wo Rieger unter Edens Wonne
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Dieses Lebens Folterbank verträumt
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Und die Wahrheit, leuchtend wie die Sonne,
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Ihm aus tausend Röhren schäumt,

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Dorten sehn wir – Jauchzet, Brüder –
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Dorten unsern Rieger wieder!!!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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