Die Winternacht

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Friedrich Schiller: Die Winternacht (1782)

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Ade! Die liebe Herrgottssonne gehet,
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Grad über tritt der Mond!
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Ade! Mit schwarzem Rabenflügel wehet
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Die stumme Nacht ums Erdenrund.

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Nichts hör ich mehr durchs winternde Gefilde
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Als tief im Felsenloch
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Die Murmelquell, und aus dem Wald das wilde
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Geheul des Uhus hör ich noch.

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Im Wasserbette ruhen alle Fische,
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Die Schnecke kriecht ins Dach,
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Das Hündchen schlummert sicher unterm Tische,
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Mein Weibchen nickt im Schlafgemach.

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Euch Brüderchen von meinen Bubentagen,
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Mein herzliches Willkomm!
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Ihr sitzt vielleicht mit traulichem Behagen
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Um einen teutschen Krug herum.

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Im hochgefüllten Deckelglase malet
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Sich purpurfarb die Welt,
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Und aus dem goldnen Traubenschaume strahlet
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Vergnügen, das kein Neid vergällt.

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Im Hintergrund vergangner Jahre findet
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Nur Rosen euer Blick,
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Leicht, wie die blaue Knasterwolke, schwindet
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Der trübe Gram von euch zurück.

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Vom Schaukelgaul bis gar zum Doktorhute
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Stört ihr im Zeitbuch um
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Und zählt nunmehr mit federleichtem Mute
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Schweißtropfen im Gymnasium.

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Wie manchen Fluch – noch mögen unterm Boden
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Sich seine Knochen drehn –
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Terenz erpreßt, trotz Herrn Minellis Noten,
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Wie manch verzogen Maul gesehn,

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Wie ungestüm dem grimmen Landexamen
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Des Buben Herz geklopft;
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Wie ihm, sprach itzt der Rektor seinen Namen,
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Der helle Schweiß aufs Buch getropft. –

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Wohl redt man auch von einer – e – gewissen –
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Die sich als
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Und mancher will der Lecker baß nun wissen,
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Was doch ihr

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Nun liegt dies all im Nebel hinterm Rücken,
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Und Bube heißt nun Mann,
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Und Friedrich schweigt der weiseren Perücken,
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Was einst der kleine Fritz getan –

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Man ist – Potz gar! – zum Doktor ausgesprochen,
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Wohl gar – beim Regiment!
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Und hat vielleicht – doch nicht zu früh, gerochen,
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Daß Plane – Seifenblasen sind.

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Hauch immer zu – und laß die Blasen springen;
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Bleibt nur dies Herz noch ganz!
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Und bleibt mir nur – errungen mit Gesängen –
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Zum Lohn ein teutscher Lorbeerkranz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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