Das Geheimnis der Reminiszenz

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Friedrich Schiller: Das Geheimnis der Reminiszenz (1782)

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Ewig starr an deinem Mund zu hangen,
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Wer enträtselt dieses Wutverlangen?
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Wer die Wollust, deinen Hauch zu trinken,
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In dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
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Sterbend zu versinken?

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Fliehen nicht verräterisch – wie Sklaven,
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Weggeworfen feigen Muts die Waffen, –
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Meine Geister, hin im Augenblicke,
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Stürmend über meines Lebens Brücke,
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Wenn ich dich erblicke?

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Sprich, warum entlaufen sie dem Meister?
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Suchen dort die Heimat meine Geister?
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Oder küssen die getrennten Brüder,
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Losgerafft vom Kettenband der Glieder,
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Dort bei

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Laura? träum ich? ras ich? – die Gedanken
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Überwirbeln des Verstandes Schranken –
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Sieh! der Wahnsinn ist des Rätsels kunder,
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Staune Weisheit auf des Wahnsinns Wunder
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Neidischbleich herunter.

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Waren unsre Wesen schon verflochten?
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War es darum, daß die Herzen pochten?
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Waren wir im Strahl
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In den Tagen lang begrabner Wonnen,
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Schon in

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Ja wir warens – Eins mit deinem Dichter
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Warst du, Laura – warst ein Weltzernichter! –
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Meine Muse sah es auf der trüben
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Tafel der Vergangenheit geschrieben:
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Eins mit deinem Lieben!

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Aber ach! – die selgen Augenblicke
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Weinen leiser in mein Ohr zurücke –
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Könnten Grolls die Gottheit Sünder schelten,
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Laura – den Monarchen aller Welten
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Würd ich

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Aus den Angeln drehten wir Planeten,
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Badeten in lichten Morgenröten,
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In den Locken spielten Edens Düfte,
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Und den Silbergürtel unsrer Hüfte
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Wiegten Maienlüfte.

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Uns entgegen gossen Nektarquellen
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Tausendröhrigt ihre Wollustwellen,
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Unserm Winke sprangen Chaosriegel,
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Zu der Wahrheit lichtem Sonnenhügel
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Schwang sich unser Flügel.

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Unsern Augen riß der Dinge Schleier,
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Unsre Blicke, flammender und freier,
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Sahen in der Schöpfung Labyrinthen,
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Wo die Augen Lyonets verblinden,
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Sich noch Räder winden –

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Tief, o Laura, unter
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Wälzte sich des
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Schweifend durch der Wollust weite Lande
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Warfen wir der Sättgung Ankerbande
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Ewig nie am Strande –

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Weine, Laura – dieser
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Du und
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Und in uns ein unersättlich Drängen
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Das verlorne Wesen einzuschlingen,
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Gottheit zu erschwingen.

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Darum, Laura, dieses Wutverlangen,
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Ewig starr an deinem Mund zu hangen,
63
Und die Wollust, deinen Hauch zu trinken,
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In dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
65
Sterbend zu versinken.

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Darum fliehn, verräterisch, wie Sklaven,
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Weggeworfen feigen Muts die Waffen,
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Meine Geister, hin im Augenblicke!
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Stürmend über meines Lebens Brücke
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Wenn ich Dich erblicke!

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Darum nur entlaufen sie dem Meister,
72
Ihre Heimat suchen meine Geister,
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Losgerafft vom Kettenband der Glieder,
74
Küssen sich die langgetrennten Brüder
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Wiederkennend wieder.

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Töne! Flammen! zitterndes Entzücken!
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Wesen lechzt, an Wesen anzurücken –
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Wie, beim Anblick einer Freundsgaleere,
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Friedensflaggen im Ostindermeere
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Wehen lassen Heere;

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Aufgejagt von froher Pulverwecke,
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Springt das Schiffsvolk freudig aufs Verdecke,
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Hoch im Winde schwingen sie die Hüte,
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Posidaons wogendes Gebiete
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Dröhnt von ihrem Liede. –

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War es nicht dies freudige Entsetzen,
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Als mirs ward, an Lauren mich zu letzen?
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Ha! das Blut, voll wütendem Verlangen,
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Drängte sich mutwillig zu den Wangen,
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Lauren zu empfangen –

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Und auch
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Was verriet der Wangen Morgenröte? – –
93
Flohn wir nicht, als wären wir verwandter,
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Freudig, wie zur Heimat ein Verbannter,
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Brennend aneinander? –

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Sieh, o Laura, deinen Dichter weinen! –
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Wie verlorne Sterne wieder scheinen,
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Flimmen öfters, flüchtig, gleich dem Blitze,
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Traurigmahnend an die Göttersitze,
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Strahlen durch die Ritze –

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Oftmals lispeln der Empfindung Saiten
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Wenn sich schüchtern unsre Augen grüßen,
103
Seh ich träumend in den Paradiesen
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Nektarströme fließen. –

105
Ach, zu oft nur waffn' ich meine Mächte,
106
Zu erobern die verlornen Rechte –
107
Klimme kühner bis zur Nektarquelle,
108
Poche siegend an des Himmels Schwelle, –
109
Taumle rück zur Hölle!

110
Wenn dein Dichter sich an deine süßen
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Lippen klammert mit berauschten Küssen,
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Fremde Töne um die Ohren schwirren,
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Unsre Wesen aus den Fugen irren,
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Strudelnd sich verwirren,

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Und, verkauft vom Meineid der Vasallen,
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Unsre Seelen ihrer Welt entfallen,
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Mit des Staubs Tyrannensteuer prahlen,
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Tod und Leben zu wollüstgen Qualen
119
Gaukeln in den Schalen.

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Und wir beide – näher schon den Göttern –
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Auf der Wonne gähe Spitze klettern,
122
Mit den Leibern sich die Geister zanken,
123
Und der Endlichkeit despotsche Schranken –
124
Sterbend – überschwanken –

125
Waren, Laura, diese Lustsekunden
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Nicht ein Diebstahl jener Götterstunden?
127
Nicht Entzücken, die uns
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Ineinanderzuckender Naturen,
129
Ach! nur matte Spuren?

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Hat dir nicht ein Strahl zurückgeglostet?
131
Hast du nicht den Göttertrank gekostet? –
132
Ach! ich sah den Purpur deiner Wangen! –
133
War es doch der Wesen, die sich schlangen,
134
Eitles Unterfangen! – –

135
Laura – majestätisch anzuschauen,
136
Stand ein Baum in Edens Blumenauen;
137
»seine Frucht vernein ich eurem Gaume,
138
Wißt! der Apfel an dem Wunderbaume
139
Labt – mit

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Laura – weine unsers Glückes Wunde! –
141
Saftig war der Apfel ihrem Munde – – –
142
Bald – als sie sich
143
Sieh! – wie Flammen ihr Gesicht vergold'ten! –
144
– Und die Teufel schmollten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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