1
Jetzt seh' ich höchst erfreut die Schos des Himmels
offen/
2
Und gehe durch mein Grab zu jenem grossen Licht!
3
O Gnadenreiche Zeit! o seeligstes Verhoffen!
4
Jetzt kan ich erst recht sehn nun mir mein Auge bricht.
5
Nun kalter Todes-Schweiß auff meinen Gliedern klebet/
6
So brennt mein Hertze mehr die Glaubens-Fackel an.
7
Ob die verzehrte Lung’ auch kaum mehr Athem hebet/
8
Führt mich doch GOttes Geist auf einer guten Bahn.
9
Verlangte Finsternüß du kanst mich nicht erschrecken/
10
Jhr Schatten voller Heil/ nehmt hin die Hand-voll Staub/
11
Der Stern ist gar nicht schwer so meinen Leib sol decken/
12
Ist noch was Fleisch an mir das sey der Wür mer Raub.
13
Hier wil ich gantz nicht weg. Aus dieser engen Höle
14
Hoff’ ich ins weite Reich des Himmels einzugehn.
15
Den Vorschmack hat schon längst empfunden meine Seele/
16
Wenn sehnlich sie gewünscht für GOttes Stuhl zu stehn.
17
Ists möglich daß so scharff die Sterbenden noch sehen?
18
Ja/ Glaubens-Augen sind in letzten Zügen klar.
19
Versichert Sterbliche/ daß mein unendlich flehen
20
Nach einem sanfften Tod vor vielen Jahren war.
21
Ich konte mich so sehr nicht in die Welt vergaffen/
22
Daß ich das ewige geschlagen in den Wind/
23
Ich wuste schon den Lohn/ den sie pflegt zu verschaffen/
24
Daß Diener ihrer Pracht verblendte Thoren sind.
25
Und freilich sehen wir den Schau-Platz dieser Erden
26
Mit blödem Angesicht und tuncklen Augen an.
27
Sind Gauckler nach der Zeit/ verstellen die Geberden/
28
Und leben andrer Sinn und Meynung unterthan.
29
Das allerthörichste ist daß wir diß nicht achten/
30
Was uns zum Untergang den ersten Fallstrick legt;
31
Nach Hoheit/ Ehre/ Stand/ und solchen Gütern trachten/
32
Auff die die Eitelkeit ihr Bildnüß doch gepregt.
33
Wir meynen/ unserm Witz steh’ auch der Abgrund offen/
34
Und den Begier den sey noch Ziel noch Mas gesteckt.
35
Und wenn wir nun allhier ein ewig bleiben hoffen/
36
So kommt der blasse Tod der uns in Sarck hinstreckt.
37
Bey solcher Sicherheit denckt niemand an das sterben:
38
Wir hengen Künsten nach die meistens schädlich seyn:
39
Wie vielen dient ihr Witz und Wissen zum Verderben?
40
Die Weißheit dieser Welt ist ein betrüglich Schein.
41
Wir lernen Lufft und See/ und Erd’ und Himmel kennen/
42
Und machen uns den Tod im Leben nicht bekannt/
43
So daß wir gantz bestürtzt den Namen hören nennen/
44
Und für dem Kirchhof fliehn als einem Hecken-Land.
45
Verwirrte Sterblichen! schweigt doch von Künsten stille:
46
Die allerschönste Kunst bleibt ein bereiter Tod.
47
Der Klugheit Inbegrieff/ der Wissenschafften Fülle
48
Ist/ wenn die letzte Fahrt gerichtet ist zu GOtt.
49
Da heist der Weisen Schul ein Marck voll Narretheyen/
50
Es schweigt Pythagoras/ und Plato wird ein Thor;
51
Da kan nichts heilsames der harte Zeno schreyen/
52
Und Seneca geräth zu der verdammten Chor;
53
Was hilfft uns nun die Welt? was hilfft uns dieses Tichten/
54
Das uns zu Wundern hier für Menschen hat gemacht?
55
Was nutzt es daß man sich läst Ehren-Mahl auffrichten/
56
Die offt die Nachwelt schilt und mehr der Neid verlacht?
57
Es schleust den Himmel zu und macht die Höllen offen/
58
Wo nicht auff bessern Grund die Sterbe-Kunst gebaut:
59
Ach nein! mein Sinn ist nie in solchem Wahn ersoffen/
60
Ich sag’ es frey mir hat stets für der Welt gegraut.
61
Und solt ich nicht die Welt den Sünden-Kercker lassen/
62
Den Noth-Stall/ welcher stets hat meinen Leib gekränckt.
63
Und solt’ ich nicht mit Lust des Himmels Schloß umbfassen?
64
Das Heil und Seeligkeit auch mir Verblichnen schenckt.
65
Frolocket doch mit mir:
66
Mein JEsus nimmet mich zum Himmels-Bürger an.
67
Ach gönne mir/ mein Schatz/ den Wechsel/ den ich troffen/
68
Daß ich aus meinem Bett’ in Himmel steigen kan.
69
Ich sehe mich ins Buch des Lebens eingeschrieben/
70
Welch Schreiber auf der Welt schreibt diese Vorschrifft nach:
71
Dem ich bin treu gewest/ der wil mich ewig lieben/
72
Und macht mir ietzt mein Grab zu einem Schlaf-Gemach.