Vorwurf

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Friedrich Schiller: Vorwurf (1782)

1
Mädchen, halt – wohin mit mir, du Lose?
2
Bin ich noch der stolze Mann? der große?
3
Mädchen, war das schön?
4
Sieh! Der Riese schrumpft durch dich zum Zwerge,
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Weggehaucht die aufgewälzten Berge
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Zu des Ruhmes Sonnenhöhn.

7
Abgepflücket hat du meine Blume,
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Hast verblasen all die Glanzphantome,
9
Narrenteidigst in des Helden Raub.
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Meiner Plane stolze Pyramiden
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Trippelst du mit leichten Zephyrtritten
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Schäkernd in den Staub.

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Zu der Gottheit flog ich Adlerpfade,
14
Lächelte Fortunens Gaukelrade,
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Unbesorgt, wie ihre Kugel fiel.
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Jenseits dem Cocytus wollt ich schweben,
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Und empfange sklavisch Tod und Leben,
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Leben, Tod von einem Augenspiel.

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Siegern gleich, die wach von Donnerlanzen
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In des Ruhmes Eisenfluren tanzen,
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Losgerissen von der Phrynen Brust,
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Wallet aus Aurorens Rosenbette
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Gottes Sonne über Fürstenstädte,
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Lacht die junge Welt in Lust!

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Hüpft der Heldin noch dies Herz entgegen?
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Trink ich, Adler, noch den Flammenregen
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Ihres Auges, das vernichtend brennt?
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In den Blicken, die vernichtend blinken,
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Seh ich meine Laura
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Sehs, und weine wie ein Kind.

31
Meine Ruhe, gleich dem Sonnenbilde
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In der Welle, wolkenlos und milde,
33
Mädchen, hast du hingemordt.
34
Schwindelnd schwank ich auf der gähen Höhe,
35
Laura? – wenn mich – wenn mich Laura flöhe?
36
Und hinunter strudelt mich das Wort.

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Hell ertönt das Evoe der Zecher,
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Freuden winken vom bekränzten Becher,
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Scherze springen aus dem goldnen Wein.
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Seit das Mädchen meinen Sinn beschworen,
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Haben mich die Jünglinge verloren,
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Freundlos irr ich und allein.

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Lausch ich noch des Ruhmes Donnerglocken?
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Reizt mich noch der Lorbeer in den Locken?
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Deine Leir, Apollo Cynthius?
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Nimmer, nimmer widerhallt mein Busen,
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Traurig fliehen die beschämten Musen,
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Flieht Apollo Cynthius?

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Will ich gar zum Weibe noch erlahmen?
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Hüpfen noch bei Vaterlandes Namen
51
Meine Pulse lebend aus der Gruft?
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Will ich noch nach Varus' Adler ringen?
53
Wünsch ich noch in Römerblut zu springen,
54
Wenn mein Hermann ruft? –

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Köstlich ists – der Schwindel starrer Augen,
56
Seiner Tempel Weihrauchduft zu saugen,
57
Stolzer, kühner schwillt die Brust. –
58
Kaum erbettelt itzt ein halbes Lächeln,
59
Was in Flammen jeden Sinn zu fächeln,
60
Zu empören jede Kraft gewußt. –

61
Daß mein Ruhm sich zum Orion schmiegte,
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Hoch erhoben sich mein Name wiegte
63
In des Zeitstroms wogendem Gewühl!
64
Daß dereinst an meinem Monumente,
65
Stolzer türmend nach dem Firmamente,
66
Chronos' Sense splitternd niederfiel' –

67
Lächelst du? – Nein! nichts hab ich verloren!
68
Stern und Lorbeer neid ich nicht den Toren,
69
Leichen ihre Marmor nie –
70
Alles hat die Liebe mir errungen,
71
Über Menschen hätt ich mich geschwungen,
72
Itzo

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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