An einen Moralisten

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Friedrich Schiller: An einen Moralisten (1782)

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Betagter Renegat der lächelnden Dione!
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Du lehrst, daß
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Blickst von des Alters Winterwolkenthrone
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Und schmälest auf den goldnen Mai.

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Erkennt Natur auch Schreibepultgesetze?
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Für eine warme Welt – taugt ein erfrorner Sinn?
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Die Armut ist, nach dem Aesop, der Schätze
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Verdächtige Verächterin.

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Einst, als du noch das Nymphenvolk bekriegtest,
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Ein Fürst des Karnevals den teutschen Wirbel flogst,
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Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest,
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Und Nektarduft von Mädchenlippen zogst?

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Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen
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Gewichen wär so Erd- als Sonnenball,
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In Wirbelschwung mit Julien verwachsen,
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Du hättest überhört den Fall,

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Und wenn nach manchen fehlgesprengten Minen
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Ihr eignes Blut, von wilder Lust geglüht,
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Die stolze Tugend deiner Schönen
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Zuletzt an deine Brust verriet?

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Wie? oder wenn romantisch im Gehölze
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Ein leiser Laut zu deinen Ohren drang,
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Und in der Wellen silbernem Gewälze
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Ein Mädchen Sammetglieder schwang?

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Wie schlug dein Herz! wie stürmete! wie kochte
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Aufrührerisch das scharfgejagte Blut!
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Zuckt jede Senn – und jeder Muskel pochte
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Wollüstig in die Flut!

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Wenn dann gewahr des Diebs, der sie belauschte,
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Purpurisch angehaucht von jüngferlicher Scham,
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Ins blaue Bett die Schöne niederrauschte,
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Und hintennach mein strenger Zeno – schwamm,

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Ja hintennach – und seis auch nur zu baden!
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Mit Rock und Kamisol und Strumpf –
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– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

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– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
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Leis flöteten die lüsternen Najaden
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Der Grazien Triumph!

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O denk zurück nach
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Und lerne, die Philosophie
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Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen,
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Zu Göttern schaffst du Menschen nie.

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Wohl! wenn ins Eis des klügelnden Verstandes
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Das warme Blut ein bißchen muntrer springt!
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Laß den Bewohnern eines
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Was ewig nie dem

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Zwingt doch der tierische Gefährte
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Den gottgebornen Geist in Sklavenmauren ein –
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Er wehrt mir, daß ich
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Ich will ihm folgen,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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