Die Hemerocallis oder Lilie von Calvarien Bey Absterben Hn. J. H. D. z. E. jüngsten Töchterlein den 23. Decembr. 1674.

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Heinrich Mühlpfort: Die Hemerocallis oder Lilie von Calvarien Bey Absterben Hn. J. H. D. z. E. jüngsten Töchterlein den 23. Decembr. 1674. (1686)

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Seh' ich dich auff die Schädel-stäte/
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Du zartes Kind/ schon hingelegt/
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Und wie dein Tauff- und Leich
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Fast einerley Bedeutung trägt!
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Das Wester-Hembde war ein Zeichen/
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Daß du numehr von Sünden rein;
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Die letzte Kleidung deiner Leichen
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Wird auch ein gleicher Zeuge seyn.

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So muß ich dich vor Lilgen halten/
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Die auff den Schädel-stäten stehn/
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In einem Tage blühn und alten/
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Und mit der Sonnen untergehn:
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Jhr’ Anmuth straalt im höchsten prangen/
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Wenn früh’ der göldne Tag erwacht;
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Und Schmuck und Blume sind vergangen/
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So bäld sich bräunt die schwartze Nacht.

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Doch wie die schönen Farben mahlen
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Der edlen Blumen Treffligkeit/
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So fünckelt mit nicht mindern Stralen/
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Verblastes Kind/ dein Sterbe-Kleid;
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Die Lilgen sind erst Weis zuschauen/
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Du auch/ nachdem das heil’ge Bad
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Mit dem gesegneten Bethauen
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Von Sünden dich gewaschen hat.

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Da bist du schon ein Mit-Glied worden
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Des Heilands/ der dich hertzlich liebt/
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Und vor des Teuffels List und Morden
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Sein Erbtheil dir den Himmel giebt/
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Ja dich zu GOttes Tempel machet/
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Ins Buch des Lebens schreibet ein/
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Daß wenn gleich Erd’ und Himmel krachet/
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Du kanst des Himmels Erbin seyn.

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Es gläntzen auch berühmt Lilgen
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In einer rothen Purpur-Gluth.
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Was konte deine Flecken tilgen/
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Als CHristus roth-vergoßnes Blut?
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Durch diß bist du so rein gewaschen/
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Als wol ein unbetretner Schnee.
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Diß führt dich/ nun der Leib ist Aschen/
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Auch zu der Licht-gestirnten Höh’.

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Zuweilen lassen sich im Golde
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Die Deutungs-volle Lilgen sehn.
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Wer lebt und schwebt in GOttes Holde/
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Wie wol ist diesem doch geschehn!
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Du zartes Kind/ GOtt wil dich läutern/
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Und machen/ wie ein Gold bewehrt/
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Daß wenn die Welt gleich geht zu scheitern/
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Dein Leib wird herrlich seyn verklährt.

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Der Spanier nennt die Lilgen bitter;
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Ach freylich nichts als Bitterkeit/
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Und Tage voller Ungewitter
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Beschliessen unsre Lebens-Zeit.
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Wer wünscht ihm nicht die Welt zu lassen/
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Den Kärcker aller Angst und Noth/
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Und dort in Salems Frieden-Gassen
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Zu siegen über Zeit und Tod?

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Es hat der Höchste mit den Seinen
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Doch allzeit was besonders für.
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O seelig/ wer mit solchen Kleinen
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Eingehen kan zur Lebens-Thür!
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Eh’ ihn die Welt noch mehr beschmitzet/
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Die sich in lauter Unflat wäscht/
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Und von dem Ehrgeitz angehitzet/
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Den Durst mit eignem Blute lescht.

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Verblichnes Kind/ du reine Seele/
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Verbirg dich in dein Schlaf-Gemach!
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Und ruh’ in deines Grabes-Höle!
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Das Unglück so uns folget nach/
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Das wird dich weiter nicht berühren/
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Die Schädel-stäte sind befreyt/
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Denn JEsus wolte da vollführen
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Das Werck der hohen Seeligkeit.

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Betrübtste Eltern/ die versencket
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Jetzt in die tieffste Wehmuth seyn/
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Bevorauß/ wenn ihr Hertz bedencket/
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Wie sie die Dritte büssen ein
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Von ihren hochgeliebten Töchtern/
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Sie gönnen dieser auch die Ruh;
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Indem sie Engel hat zu Wächtern/
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Und GOttes Finger deckt sie zu.

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Ich mag nicht von Parnassus Höhen
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Und Pindus-Hügeln Blumen streun.
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Man lasse hin die Heyden gehen/
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Uns Christen kan es mehr erfreun/
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Wenn zu der heil’ gen Schädel-stäte
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Wir in entflammter Andacht ziehn/
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Und als auff einem Blumen-Bette
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Noch unsre Lilge sehen blühn.

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Sie blüht den Blumen beygesetzet/
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So aus dem Garten eurer Eh’
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Zu Himmels-Blumen werth geschätzet
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Der Herrscher der gestirnten Höh’.
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Sie ist verschwestert mit den Engeln/
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Und küsset jetzt das Heil der Welt.
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Glückseelge Lilge die von Stengeln
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In einen solchen Reiffthum fällt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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