An die Parzen

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Friedrich Schiller: An die Parzen (1782)

1
Nicht ins Gewühl der rauschenden Redouten
2
Wo Stutzerwitz sich wunderherrlich spreißt
3
Und leichter als das Netz der fliegenden Bajouten
4
Die Tugend junger Schönen reißt; –

5
Nicht vor die schmeichlerische Toilette,
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Wovor die Eitelkeit, als ihrem Götzen, kniet,
7
Und oft in wärmere Gebete
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Als zu dem Himmel selbst entglüht;

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Nicht hinter der Gardinen listgen Schleier,
10
Wo heuchlerische Nacht das Aug der Welt betrügt
11
Und Herzen, kalt im Sonnenfeuer,
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In glühende Begierden wiegt,

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Wo wir die Weisheit
14
Die kühnlich Phöbus' Strahlen trinkt,
15
Wo Männer gleich den Knaben diebisch naschen,
16
Und Plato von den Sphären sinkt –

17
Zu dir – zu dir, du einsames Geschwister,
18
Euch Töchtern des Geschickes, flieht
19
Bei meiner Laute leiserem Geflister
20
Schwermütig süß mein Minnelied.

21
Ihr einzigen, für die noch kein Sonett gegirret,
22
Um deren Geld kein Wucherer noch warb,
23
Kein Stutzer noch Klag-Arien geschwirret,
24
Kein Schäfer noch arkadisch starb.

25
Die ihr den Nervenfaden unsers Lebens
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Durch weiche Finger sorgsam treibt,
27
Bis unterm Klang der Schere sich vergebens
28
Die zarte Spinnewebe sträubt.

29
Daß du auch mir den Lebensfaden spinntest,
30
Küß ich, o Klotho, deine Hand; –
31
Daß du noch nicht den jungen Faden trenntest,
32
Nimm, Lachesis, dies Blumenband.

33
Oft hast du Dornen an den Faden,
34
Noch öfter Rosen drangereiht,
35
Für Dorn' und Rosen an dem Faden
36
Sei, Klotho, dir dies Lied geweiht.

37
Oft haben stürmende Affekte
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Den weichen Zwirn herumgezerrt,
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Oft riesenmäßige Projekte
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Des Fadens freien Schwung gesperrt;

41
Oft in wollüstig süßer Stunde
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War mir der Faden fast zu fein,
43
Noch öfter an der Schwermut Schauerschlunde
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Mußt er zu fest gesponnen sein:

45
Dies, Klotho, und noch andre Lügen
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Bitt ich dir itzt mit Tränen ab,
47
Nun soll mir auch fortan genügen,
48
Was mir die weise Klotho gab.

49
Nur laß an Rosen nie die Schere klirren,
50
An Dornen nur – doch wie du willst.
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Laß, wenn du willst, die Totenschere klirren,
52
Wenn du dies

53
Wenn, Göttin, itzt an Laurens Mund beschworen
54
Mein Geist aus seiner Hülse springt,
55
Verraten, ob des Totenreiches Toren
56
Mein junges Leben schwindelnd hängt,

57
Laß ins Unendliche den Faden wallen,
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Er wallet durch ein Paradies,
59
Dann, Göttin, laß die böse Schere fallen!
60
O laß sie fallen, Lachesis!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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