Monument von unsrer Zeiten Schande!

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Friedrich Schiller: Monument von unsrer Zeiten Schande! Titel entspricht 1. Vers(1782)

1
Monument von unsrer Zeiten Schande!
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Ewge Schandschrift deiner Mutterlande!
3
Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir.
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Fried und Ruh den Trümmern deines Lebens!
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Fried und Ruhe suchtest du vergebens,
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Fried und Ruhe fandst du hier.

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Kaum ein Grabmal ist ihm überblieben,
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Den von Reich zu Reich der Neid getrieben,
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Frommer Eifer umgestrudelt hat.
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Ha! Um den einst Ströme Bluts zerfließen,
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Wems gebühr, ihn prahlend Sohn zu grüßen,
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Fand im Leben keine Vaterstadt.

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Und wer sind sie, die den Weisen richten?
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Geisterschlacken, die zur Tiefe flüchten
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Vor dem Silberblicke des Genies;
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Abgesplittert von dem Schöpfungswerke
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Gegen Riesen Rousseau kindsche Zwerge,
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Denen nie Prometheus Feuer blies.

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Brücken vom Instinkte zum Gedanken,
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Angeflicket an der Menschheit Schranken.
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Wo schon gröbre Lüfte wehn.
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In die Kluft der Wesen eingekeilet,
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Wo der Affe aus dem Tierreich geilet,
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Und die Menschheit anhebt abzustehn.

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Neu und einzig – eine Irresonne
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Standest du am Ufer der Garonne
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Meteorisch für Franzosenhirn.
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Schwelgerei und Hunger brüten Seuchen,
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Tollheit rast mavortisch in den Reichen –
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Wer ist schuld – das arme Irrgestirn.

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Deine Parze – hat sie gar geträumet?
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Hat in Fieberhitze sie gereimet
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Die dich an der Seine Strand gesäugt?
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Ha! schon seh ich unsre Enkel staunen,
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Wann beim Klang belebender Posaunen
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Aus Franzosengräbern – Rousseau steigt!

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Wann wird doch die alte Wunde narben?
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Einst wars finster – und die Weisen starben,
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Nun ists lichter – und der Weise stirbt.
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Sokrates ging unter durch Sophisten,
41
Rousseau leidet – Rousseau fällt durch Christen,
42
Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.

43
Ha! mit Jubel, die sich feurig gießen,
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Sei, Religion, von mir gepriesen,
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Himmelstochter, sei geküßt!
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Welten werden durch dich zu Geschwistern,
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Und der Liebe sanfte Odem flistern
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Um die Fluren, die dein Flug begrüßt.

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Aber wehe – Basiliskenpfeile
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Deine Blicke – Krokodilgeheule
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Deiner Stimme sanfte Melodien,
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Menschen bluten unter deinem Zahne,
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Wenn verderbengeifernde Imane
54
Zur Erennys dich verziehn.

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Ja! im acht und zehnten Jubeljahre,
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Seit das Weib den Himmelsohn gebare
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(chroniker, vergeßt es nie),
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Hier erfanden schlauere Perille
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Ein noch musikalischer Gebrülle,
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Als dort aus dem ehrnen Ochsen schrie.

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Mag es, Rousseau! mag das Ungeheuer
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Gegen kühne Reformanten stehn,
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Nacht und Dummheit boshaft sich versammeln,
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Deinem Licht die Pfade zu verrammeln,
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Himmelstürmend dir entgegen gehn.

66
Mag die hundertrachigte Hyäne
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Hungerglühend in die Armut haun,
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Erzumpanzert gegen Waisenträne,
69
Turmumrammelt gegen Jammertöne,
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Goldne Schlösser auf Ruinen baun.

71
Geh, du Opfer dieses Trillingsdrachen,
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Hüpfe freudig in den Todesnachen,
73
Großer Dulder! frank und frei.
74
Geh, erzähl dort in der Geister Kreise,
75
Diesen Traum vom Krieg der Frösch und Mäuse,
76
Dieses Lebens Jahrmarktsdudelei.

77
Nicht für diese Welt warst du – zu bieder
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Warst du ihr, zu hoch – vielleicht zu nieder –
79
Rousseau, doch du warst ein Christ.
80
Mag der Wahnwitz diese Erde gängeln!
81
Geh du heim zu deinen Brüdern Engeln,
82
Denen du entlaufen bist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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