Trauer-Ode/ Bey Absterben Fr. E. C. g. R. den 22. Decembr. 1674.

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Heinrich Mühlpfort: Trauer-Ode/ Bey Absterben Fr. E. C. g. R. den 22. Decembr. 1674. (1686)

1
Wohl-Edler Herr/ Pirenens Quellen/
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Der Hippocrenen Silber-fluth/
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Des Pindus Lorber-reiche Stellen/
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Der Mufen heil’ge Dichter-gluth/
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Apollo selbst/ mit Harff und Lauten/
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Die würden ihm zu Dienste stehn/
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Wenn unter seiner Trauer-Rauten
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Parnassus Blum-Werck könt’ aufgehn.

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Und solten sie nicht diesen ehren/
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Der längst zu ihrem hohen Ruhm/
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So schöne Lieder lassen hören/
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Die Pallas nennt ihr Eigenthum?
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Der längst ins Buch der Ewigkeiten
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Durch kluges Schreiben sich gepregt/
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Dem opfferten sie Klang und Seiten.
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Ach würde so sein Leid gelegt!

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Allein wenn zwey vermählte Hertzen
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Des Todes eisern Arm zerbricht.
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So wird durch so ergrimmte Schmertzen
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Fast Geist und Seele hingericht.
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Wenn dieses
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Das unaufflößlich schien zu seyn;
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So bleibet auch kein Held nicht stehen/
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Er lässt sich Trauren nehmen ein.

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Wohl-Edler Herr/ er muß ja klagen
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Nun bey der Jahre grauem Schnee
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Die Liebste wird dahin getragen;
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Nun nach so Seegen-voller Eh/
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Er sol in öden Einsamkeiten/
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Beschliessen seines Lebens Rest.
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Schmertz/ der die Seele kan bestreiten/
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Und aller Hoffnung Licht ausbläst!

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Bevor/ wenn er zurück gedencket/
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Wie bey verkehrter Läuffte Zeit/
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Da Krieg und Brand das Land gekräncket/
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Die Pest die Menschen abgemeyt/
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Die Theurung alles auffgerieben;
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Sie in beständigster Gedult
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Des Ehristenthumes treu geblieben/
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Und ihn erquickt mit Lieb’ und Huld.

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Ja wie sie auch zwo Stammes-Säulen
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Beglückt gebohren an das Licht/
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So von der Parcer Mörder-Pfeilen
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Jm ersten blüh’n zwar hingericht/
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Und wie vor zweymahl vieren Jahren
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Der schönen Tochter Anmuths-May/
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Den längst-erblasten Leichen-Schaaren/
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Wurd’ ebenfalls gesellet bey.

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Da eckelt ihm fort mehr zu leben/
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Weil seiner Augen Lust dahin/
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Und was ihm konnt’ Ergetzung geben/
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Den Sterbe-Kittel must’ anziehn.
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Wenn nicht der Liebsten Trost und Pflegen/
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Der Schmertzen Bitterkeit zertheilt/
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Und mit erseufftztem Himmels-Seegen
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Die tieffen Wunden zugeheilt.

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Nun aber so viel edler Gaben
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Der müden Jahre bester Rath/
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Jhm wird entzogen und begraben/
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Klagt/ wer nicht Stahl im Hertzen hat/
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Mit ihm/ sein gantz verlaßnes Leben/
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Wohl-Edler Herr/ daß Einsamkeit
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Jetzt soll sein Trauer-Hauß umbgeben/
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Und aller Trost fällt von der Seit.

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Jedoch ihm ist der Bau der Erden/
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Und unser Hingang wol bekand.
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Muß Erd’ und Himmel Asche werden/
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Was hat denn ewigen Bestand?
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Sein unerschrocknes Hertz und Sinnen/
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In Noth und Unfall höchst bewehrt/
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Die werden hier auch schliessen können/
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Daß bloß der Tod den Leib verzehrt.

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Sein Leid wird auch die Zeit verbinden
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Gedult legt alle Schmertzen hin.
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So wird er auch im Pindus finden
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Was tröstet den betrübten Sinn:
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Er kan mit den gelehrten Büchern/
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Darauff die Nach-Welt sehnlich hofft/
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Sich eines steten Ruhms versichern/
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Und trotzen Libitinens Grufft.

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Er hat so vielen längst gegeben
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Das Kleinod der Unsterbligkeit.
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Und wo nur ewig bleibet leben
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Was der Poeten Feder schreibt;
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So wird er mehr als Orpheus preisen
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Der Abgelebten Tugend-Lauff/
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Und/ seine Liebe zu erweisen/
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Jhr ein Gedächtnüß setzen auff.

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Mnemosyne und das Geschwister
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Der drey-gedritten Musen-Schaar/
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Setzt ihren Ruhm ins Zeit-Register/
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Apollo krönt die schwartze Bahr
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Mit unverwelckten Leid-Cypressen/
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Und setzet dieses Zeugnüß bey/
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Daß ihre Tugend nicht vergessen/
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Noch/ wie der Leib/ begraben sey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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