Der Venuswagen

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Friedrich Schiller: Der Venuswagen (1782)

1
Klingklang! Klingklang! kommt von allen Winden,
2
Kommt und wimmelt scharenweis.
3
Klingklang! Klingklang! was ich will verkünden,
4
Höret, Kinder Prometheus'!

5
Welkes Alter – rosenfrische Jugend,
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Warme Jungen mit dem muntern Blut,
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Spröde Damen mit der kalten Tugend,
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Blonde Schönen mit dem leichten Mut!

9
Philosophen – Könige – Matronen,
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Deren Ernst Kupidos Pfeile stumpft,
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Deren Tugend wankt auf schwanken Thronen,
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Die ihr (nur nicht über

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Kommt auch ihr, ihr sehr verdächtgen Weisen,
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Deren Seufzer durch die Tempel schwärmt,
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Stolz prunkieret, und vielleicht den leisen
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Donner des Gewissens überlärmt,

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Die ihr in das Eis der Bonzenträne
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Eures Herzens geile Flammen mummt,
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Pharisäer mit der Janusmiene!
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Tretet näher – und verstummt.

21
Die ihr an des Lebens Blumenschwelle
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In der Unschuld weißem Kleide spielt,
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Noch nicht wilder Leidenschaften Bälle,
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Unbefleckten Herzens feiner fühlt,

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Die ihr schon gereift zu ihren Giften
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Im herkulschen Scheidweg stutzend steht,
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Hier die Göttin in den Ambradüften,
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Dort die ernste Tugend seht,

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Die ihr schon vom Taumelkelch berauschet
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In die Arme des Verderbens springt,
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Kommt zurücke, Jünglinge, und lauschet,
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Was der Weisheit ernste Leier singt.

33
Euch zuletzt noch, Opfer des Gelustes,
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Ewig nimmer eingeholt vom Lied,
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Haltet still, ihr Söhne des Verlustes!
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Zeuget wider die Verklagte mit.

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Klingklang! Klingklang! schimpflich hergetragen
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Von des Pöbels lärmendem Hussah!
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Angejochet an den Hurenwagen
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Bring ich sie, die Metze Zypria.

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Manch Histörchen hat sie aufgespulet,
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Seit die Welt um ihre Spindel treibt,
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Hat sie nicht der Jahrzahl nachgebuhlet,
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Die sich vom verbotnen Baume schreibt?

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Hum! Bis hieher dachtest dus zu sparen?
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Mamsell! Gott genade dich!
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Wiß! so sauber wirst du hier nicht fahren
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Als im Arm von deinem Ludewig.

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Noch so schelmisch mag dein Auge blinzen,
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Noch so lächeln dein verhexter Mund,
51
Diesen Richter kannst du nicht scharwenzen
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Mit gestohlner Mienen Gaukelbund.

53
Ja so heule – Metze, kein Erbarmen!
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Streift ihr keck das seidne Hemdchen auf.
55
Auf den Rücken mit den runden Armen!
56
Frisch! und patschpatsch! mit der Geißel drauf.

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Höret an das Protokoll voll Schanden,
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Wie's die Garstge beim Verhöre glatt
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Weggelogen oder gleich gestanden
60
Auf den Zuspruch dieser Geißel hat.

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Volkbeherrscher, Götter unterm Monde,
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Machtumpanzert zu der Menschen Heil,
63
Hielt die Buhlin mit dem Honigmunde
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Eingemauert im Serail.

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O da lernen Götter – menschlich fühlen,
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Lassen sich fast sehr herab zum – Vieh,
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Mögt ihr nur in Nasos Chronik wühlen,
68
Schnakisch stehts zu lesen hie.

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Wollt ihr Herren nicht skandalisieren,
70
Werft getrost den Purpur in den Kot,
71
Wandelt wie Fürst Jupiter auf vieren,
72
So erspart ihr ein verschämtes Rot.

73
Nebenbei hat diese Viehmaskierung
74
Manchem Zeus zum Wunder angepaßt,
75
Heil dabei der weisen Volksregierung,
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Wenn der Herrscher auf der Weide grast!

77
Dem Erbarmen dorren ihre Herzen
78
(o auf Erden das Elysium),
79
Durch die Nerven bohren Höllenschmerzen,
80
Kehren sie zu wilden Tigern um.

81
Lose Buben mäkeln mit dem Fürstensiegel,
82
Kreaturen vom gekrönten Tier,
83
Leihen dienstbar seiner Wollust Flügel
84
Und ermauscheln Kron und Reich dafür.

85
Ja die Hure (laßts ins Ohr euch flistern)
86
Bleibt auch selbst im Kabinett nicht stumm,
87
In dem Uhrwerk der Regierung nistern
88
Öfters Venusfinger um.

89
Blinden Fürsten dienet sie zum Stocke,
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Blöden Fürsten ist sie Bibelbuch.
91
Kam nicht auch aus einem Weiberrocke
92
Einst zu Delphos Götterspruch?

93
Mordet! Raubet! Lästert, ja verübet,
94
Was nur greulich sich verüben läßt –
95
Wenn ihr Lady Pythia betrübet,
96
O so haltet eure Köpfe fest!

97
Ha! wie manchen warf sie von der Höhe!
98
Von dem Rumpf wie manchen Biederkopf!
99
Und wie manchen hub die geile Fee,
100
Fragt warum? – Um einen dicken Zopf.

101
Dessen Siegesgeiz die Erde schrumpfte,
102
Dessen tolle Diademenwut
103
Gegen Mond und Sirius triumphte,
104
Hoch gehoben von der Sklaven Blut,

105
Dem am Markstein dieser Welt entsunken
106
Jene seltne Träne war,
107
Vom Saturnus noch nicht aufgetrunken,
108
Nie vergossen, seit die Nacht gebar,

109
Jenen Jüngling, der mit Riesenspanne
110
Die bekannte Welt umgriff,
111
Hielte sie zu Babylon im Banne,
112
Und das – Weltpopanz entschlief.

113
Manchen hat ins Elend sie gestrudelt,
114
Eingetrillert mit Sirenensang,
115
Dem im Herzen warme Kraft gesprudelt
116
Und des Ruhms Posaune göttlich klang.

117
An des Lebens Vesten leckt die Schlange,
118
Geifert Gift ins hüpfende Geblüt,
119
Knochen dräuen aus der gelben Wange,
120
Die nun aller Purpur flieht.

121
Hohl und hager, wandelnde Gerippe,
122
Keuchen sie in des Cocytus Boot.
123
Gebt den Armen Stundenglas und Hippe,
124
Huh! – und vor euch steht der Tod.

125
Jünglinge, o schwöret ein Gelübde,
126
Grabet es mit goldnen Ziffern ein:
127
Fliehet vor der rosigten Charybde,
128
Und ihr werdet Helden sein.

129
Tugend stirbet in der Phrynen Schoße,
130
Mit der Keuschheit fliegt der Geist davon,
131
Wie der Balsam aus zerknickter Rose,
132
Wie aus rißnen Saiten Silberton.

133
Venus' Finger bricht des Geistes Stärke,
134
Spielet gottlos, rückt und rückt
135
An des Herzens feinem Räderwerke,
136
Bis der Seiger des Gewissens – lügt.

137
Eitel ringt, und wenn es Schöpfung sprühte,
138
Eitel ringt das göttlichste Genie,
139
Martert sich an schlappen Saiten müde,
140
Wohlklang fließt aus toten Trümmern nie. –

141
Manchen Greisen, an der Krücke wankend,
142
Schon hinunter mit erstarrtem Fuß
143
In den Abgrund des Avernus schwankend,
144
Neckte sie mit tödlich süßem Gruß.

145
Quälte noch die abgestumpften Nerven
146
Zum erstorbnen Schwung der Wollust auf,
147
Drängte ihn, die träge Kraft zu schärfen,
148
Frisch zu spornen zäher Säfte Lauf.

149
Seine Augen sprühn erborgte Strahlen,
150
Tödlich munter springt das schwere Blut,
151
Und die aufgejagten Muskeln prahlen
152
Mit des Herzens letzlichem Tribut.

153
Neuverjüngt beginnt er aufzuwarmen,
154
All sein Wesen zuckt in
155
Aber husch! entspringt sie seinen Armen,
156
Spottet ob dem matten Kämpfer hin.

157
Was für Unfug in geweihten Zellen
158
Hat die Hexe nicht schon angericht'?
159
Laßt des Doms Gewölbe Rede stellen,
160
Das den leisen Seufzer lauter spricht.

161
Manche Träne – aus Pandoras Büchse –
162
Sieht man dort am Rosenkranze glühn,
163
Manchen Seufzer vor dem Kruzifixe
164
Wie die Taube vor dem Stößer fliehn.

165
Durch des Schleiers vorgeschobne Riegel
166
Malt die Welt sich schöner, wie ihr wißt,
167
Phantasie leiht ihren Taschenspiegel,
168
Wenn das Kind das Paternoster küßt.

169
Siebenmal des Tages muß der gute
170
Michael dem starken Moloch stehn,
171
Beide prahlen mit gleich edlem Blute,
172
Jeder, wißt ihr, heißt den andern gehn.

173
Puh! da splittert Molochs schwächres Eisen!
174
(armes Kind! wie bleich wirst du!)
175
In der Angst (wer kann es Vorsatz heißen?)
176
Wirft sie ihm die Zitternadel zu.

177
Junge Witwen – vierzigjährge Zofen
178
Feuriger Komplexion,
179
Die schon lange auf – Erlösung hoffen,
180
Allzufrüh der schönen Welt entflohn,

181
Braune Damen – rabenschwarzen Haares,
182
Schwergeplagt mit einem siechen Mann,
183
Fassen oft – die Hörner des Altares,
184
Weil der Mensch nicht helfen kann.

185
Fromme Wut begünstigt heiße Triebe,
186
Gibt dem Blute freien Schwung und Lauf –
187
Ach zu oft nur drückt der Gottesliebe
188
Aphrodite ihren Stempel auf.

189
Nymphomanisch schwärmet ihr Gebete
190
(fragt Herrn Doktor Zimmermann),
191
Ihren Himmel – sagt! was gilt die Wette? –
192
Malt zum Küssen euch ein Tizian! –

193
Selbst im Rathaus hat sies angesponnen,
194
Blauen Dunst Asträen vorgemacht,
195
Die geschwornen Richter halb gewonnen,
196
Ihres Ernstes Falten weggelacht.

197
Inquisitin ließ das Halstuch fallen,
198
Jeder meinte, sei von ohngefähr!
199
Potz! da liegts wie Alpen schwer auf allen,
200
Närrisch spukts um unsern Amtmann her.

201
Sprechet selbst – was war dem Mann zu raten?
202
Dies verändert doch den Statum sehr. –
203
»inquisitin muß man morgen laden,
204
Heute geb ich

205
Und – wär nicht Frau Amtmännin gekommen
206
(unserm Amtmann krachts im sechsten Sinn),
207
Wär der Balg ins Trockne fortgeschwommen,
208
Dank seis der Frau Amtmännin!

209
Auch den Klerus (denkt doch nur, die Lose),
210
Selbst den Klerus hat sie kalumniert.
211
Aber gelt! – mit einem derben Stoße
212
Hat man dir dein Lügenmaul pitschiert.

213
Damen, die den Bettelsack nun tragen,
214
Ungeschickt zu weiterem Gewinst,
215
Matte Ritter, die Schamade schlagen,
216
Invaliden in dem langen Dienst,

217
Setzt sie (wie's auch große Herren wissen)
218
Mit beschnittner Pension zur Ruh,
219
Oder schickt wohl gar die Leckerbissen
220
Ihrer Feindin – Weisheit zu.

221
(weine, Weisheit, über die Rekruten,
222
Die dir Venus Aphrodite schickt,
223
Sie verhüllen unter frommen Kutten
224
Nur den Mangel, der sie heimlich drückt.

225
Würde Amors Talisman sie rühren,
226
Nur ein Hauch von Zypern um sie wehn –
227
O sie würden hurtig desertieren
228
Und zur alten Fahne übergehn.) –

229
Sehet, und der Lüstlingin genüget
230
Auch nicht an des Torus geiler Brunst,
231
Selbst die Schranken des Geschlechts besieget
232
Unnatürlich ihre Schlangenkunst.

233
Denket – doch ob dieser Schandenliste
234
Reißt die Saite, und die Zunge stockt;
235
Fort mit ihr aufs schimpfliche Gerüste,
236
Wo das Aas den fernen Adler lockt.

237
Dorten soll mit Feuergriffel schreiben
238
Auf ihr Buhlinangesicht das Wort:
239
Durch die Welt die Erzbetrügrin fort.

240
So gebot der weise Venusrichter.
241
Wie der weise Venusrichter hieß?
242
Wo er wohnte? Wünscht ihr von dem Dichter
243
Zu vernehmen – so vernehmet dies:

244
Wo noch kein Europersegel brauste,
245
Kein Kolumb noch steuerte, noch kein
246
Cortez siegte, kein Pizarro hauste,
247
Wohnt auf einem Eiland – Er allein.

248
Dichter forschten lange nach dem Namen –
249
Vorgebirg des Wunsches nannten sies,
250
Die Gedanken, die bis dahin schwammen,
251
Nanntens – das verlorne Paradies.

252
Als vom ersten Weibe sich betrügen
253
Ließ der Männer erster, kam ein Wasserstoß,
254
Riß, wenn Sagen Helikons nicht lügen,
255
Von vier Welten diese Insel los.

256
Einsam schwimmt sie im Atlantschen Meere,
257
Manches Schiff begrüßte schon das Land,
258
Aber ach – die scheiternde Galeere
259
Ließ den Schiffer tot am Strand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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