Der Eroberer

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Schiller: Der Eroberer (1782)

1
Dir, Eroberer, dir schwellet mein Busen auf,
2
Dir zu fluchen den Fluch glühenden Rachedursts,
3
Vor dem Auge der Schöpfung,
4
Vor des Ewigen Angesicht!

5
Wenn den horchenden Gang über mir Luna geht,
6
Wenn die Sterne der Nacht lauschend heruntersehn,
7
Träume flattern – umflattern
8
Deine Bilder, o Sieger, mich

9
Und Entsetzen um sie – Fahr ich da wütend auf,
10
Stampfe gegen die Erd, schalle mit Sturmgeheul
11
Deinen Namen, Verworfner,
12
In die Ohren der Mitternacht.

13
Und mit offenem Schlund, welcher Gebirge schluckt,
14
Ihn das Weltmeer mir nach – ihn mir der Orkus nach
15
Durch die Hallen des Todes –
16
Deinen Namen, Eroberer!

17
Ha! dort schreitet er hin – dort, der Abscheuliche,
18
Durch die Schwerter, er ruft (und du, Erhabner, hörsts),
19
Ruft, ruft: Tötet und schont nicht,
20
Und sie töten und schonen nicht.

21
Steigt hoch auf das Geheul – röcheln die Sterbenden
22
Unterm Blutgang des Siegs – Väter, aus Wolken her
23
Schaut zur Schlachtbank der Kinder,
24
Väter, Väter, und fluchet ihm.

25
Stolz auf türmt er sich nun, dampfendes Heldenblut
26
Trieft am Schwert hin, herab schimmerts, wie Meteor,
27
Das zum Weltgericht winket –
28
Erde, fleuch! der Erobrer kommt.

29
Ha! Eroberer, sprich: Was ist dein heißester,
30
Dein gesehntester Wunsch? – Hoch an des Himmels Saum
31
Einen Felsen zu bäumen,
32
Dessen Stirne der Adler scheut,

33
Dann hernieder vom Berg, trunken von Siegeslust,
34
Auf die Trümmer der Welt, auf die Erobrungen
35
Hinzuschwindeln, im Taumel
36
Dieses Anblicks hinweggeschaut.

37
O ihr wißt es noch nicht, welch ein Gefühl es ist,
38
Welch Elysium schon in dem Gedanken blüht,
39
Bleicher Feinde Entsetzen,
40
Schrecken zitternder Welt zu sein,

41
Mit allmächtigem Stoß hoch aus dem Pole, dann
42
Auszustoßen die Welt, fliegenden Schiffen gleich
43
Sternenan sie zu rudern,
44
Auch der Sterne Monarch zu sein.

45
Dann vom obersten Thron, dort wo Jehova stand,
46
Auf der Himmel Ruin, auf die zertrümmerte
47
Sphären niederzutaumeln –
48
O das fühlt der Erobrer nur!

49
Wenn die blühendste Flur, jugendlich Eden gleich,
50
Überschüttet vom Fall stürzender Felsen traurt,
51
Wenn am Himmel die Sterne
52
Blassen, Flammen der Königsstadt

53
Aufgegeißelt vom Sturm gegen die Wolken wehn,
54
Tanzt dein trunkener Blick über die Flammen hin.
55
Ruhm nur hast du gedürstet,
56
Kauf ihn, Welt, – und Unsterblichkeit.

57
Ja, Eroberer, Ja – du wirst unsterblich sein.
58
Röchelnd hofft es der Greis, du wirst unsterblich sein,
59
Und der Wais und die Witwe
60
Hoffen, du wirst unsterblich sein.

61
Schau gen Himmel, Tyrann – wo du der Sämann warst,
62
Dort vom Blutgefild stieg Todeshauch himmelan,
63
Hinzuheulen in tausend
64
Wettern über dein schauendes

65
Haupt! wie bebt es in dir! schauert dein Busen! – Ha!
66
Wär mein Fluch ein Orkan, könnt durch die Nacht einher
67
Rauschen, geißeln die tausend
68
Wetterwolken zusammen, den

69
Furchtbar brausenden Sturm auf dich herunter fliehn,
70
Stürmen machen, im Drang tobender Wolken dich
71
Dem Olympus itzt zeigen,
72
Itzt begraben zum Erebus.

73
Schauer, schauer zurück, Würger, bei jedem Staub,
74
Den dein fliegender Gang wirbelnd gen Himmel weht:
75
Es ist Staub deines Bruders,
76
Staub, der wider dich Rache ruft.

77
Wenn die Donnerposaune Gottes vom Thron itzt her
78
Auferstehung geböt – aufführ im Morgenglanz
79
Seiner Feuer der Tote,
80
Dich dem Richter entgegenriss',

81
Ha! in wolkigter Nacht, wenn er herunterfährt,
82
Wenn des Weltgerichts Waag durch den Olympus schallt,
83
Dich, Verruchter, zu wägen
84
Zwischen Himmel und Erebus,

85
An der furchtbaren Waag aller geopferten
86
Seelen, Rache hineinnickend, vorübergehn
87
Und die schauende Sonne
88
Und der Mond und die horchende

89
Sphären und der Olymp, Seraphim, Cherubim,
90
Erd und Himmel hineinstürzen sich, reißen sie
91
In die Tiefe der Tiefen,
92
Wo dein Thron steigt, Eroberer!

93
Und du da stehst vor Gott, vor dem Olympus da,
94
Nimmer weinen, und nun nimmer Erbarmen flehn,
95
Reuen nimmer, und nimmer
96
Gnade finden, Erobrer, kannst,

97
O dann stürze der Fluch, der aus der glühenden
98
Brust mir schwoll, in die Waag, donnernd wie fallende
99
Himmel – reiße die Waage
100
Tiefer, tiefer zur Höll hinab,

101
Dann, dann ist auch mein Wunsch, ist mein gefluchtester,
102
Wärmster, heißester Fluch ganz dann gesättiget,
103
O dann will ich mit voller
104
Wonn, mit allen Entzückungen

105
Am Altare vor dir, Richter, im Staube mich
106
Wälzen, jauchzend den Tag, wo er gerichtet ward,
107
Durch die Ewigkeit feiren,
108
Will ich nennen den schönen Tag!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Schiller
(17591805)

* 10.11.1759 in Marbach am Neckar, † 09.05.1805 in Weimar

männlich, geb. Schiller

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter, Philosoph und Historiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.