Klagende Gratien/ Uber dem Absterben Fr. M. v. G. g. K. den 4. Novembr. 1674. Sonnet An den hochbetrübten Herrn Wittiber

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Heinrich Mühlpfort: Klagende Gratien/ Uber dem Absterben Fr. M. v. G. g. K. den 4. Novembr. 1674. Sonnet An den hochbetrübten Herrn Wittiber (1686)

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Wer schilt/ hochwerther Freund/ die Wehmuths- vollen Zähren/
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Womit er noch das Grab der Treu-geliebten netzt?
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Hat die Euridice der Orpheus werth geschätzt/
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Daß er von Göttern darff nur diesen Wunsch begehren;
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Sie solten ihm das Bild der Liebsten noch gewehren/
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Und ob sie allbereit in Plutons Reich versetzt:
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So ehrt er die mit recht/ die ihn so hoch ergetzt/
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Wenn er der blassen Leich’ auch will die Pflicht erklären.
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Ob ihre Klugheit zwar und himmlischer Verstand
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Sie auff der Erden noch erhoben zu den Göttern/
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Ob ihre Lieb’ und Treu in seinem Hertzen strahlt/
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Und ihre Tugend sie in seiner Seel abmahlt;
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So les’ er doch/ wenn sich der Schmertzen was gewand/
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Das Lied der Gratien auf diesen Trauer-Blättern.
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Die Blumen-Königin die Flora saß betrübet/
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Der Garten ihrer Lust schien eine Wüsteney/
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Die Blumen/ die sie vor als ihre Zucht geliebet/
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Trat der bestürtzte Fuß als Unmuth fast entzwey.
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Was/ rief sie/ müh’ ich mich mein Königreich zu mehren?
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Nun mir der kalte Nord den besten Schmuck geraubt:
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Nun Regen/ Wind nnd Lufft die Pflantzen mir versehren/
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Und hart-gefrorner Reiff stürmt auff mein gölden Haupt.
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Ich seh’ der Nelcken-Kleid/ das wol auf hundert Arten
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Bald voller Feuer glamm/ bald voller Schnee erschlen/
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Bald bund/ bald striemig war zum Wunderwerck im Garten/
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Jtzt wie ein altes Tuch sich in die Falten ziehn:
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Mein Amar anth verbleicht/ die Liebsten Anemonen
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Sind flüchtig/ es ver geht der Tuberosen Pracht/
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Ich Aermste mag nicht mehr in meinem Lust-Haus wohnen/
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Es sey mein Aufenthalt dort jener Höle Nacht.
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Da soll ein Buchsbaum mir zum Lust-Gefilde dienen/
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Und ein Cypressenstr auch/ den man sonst Gräbern schenckt/
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Da soll zu Ehren mir die blasse Wermut grünen.
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Der Himmel weiß allein/ was meine Seele kränckt!
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Drauff eilte sie verwirrt zu der erkohrnen Hecken/
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Und suchte Ranm und Ruh in tieffster Einsamkeit.
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Allein die Höle/ so die Flora soll bedecken
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Hat durch ein Traur-Gesicht verdoppelt Harm und Leid.
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Sie merckt da einen Sarch/ umb den viel Ampeln brennen/
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Und hört ein kläglich Ach! ziehn durch die stille Lufft:
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Ja wie die Schatten ihr auch geben zu erkennen/
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Verspürt sie/ daß ein Volck der
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Der Anblick macht sie kühn zu forschen das Beginnen/
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Und die Erkäntnüß macht sie von dem Zweiffel srey.
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Es redt ihr traurig zu die Mutter der Holdinnen
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Eunomie/ und sagt’ was ihre Pflicht hier sey:
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Wie durch deß Himmels-Schluß/ und unerforschten Willen/
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Die
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Der Freundligkeiten Bild/ die Grube müssen füllen/
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Wie sie als Gratien abstatten die Gebühr.
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Und/ sprach Eunomie: Wilt du noch weiter wissen/
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Warumb der Leichen-Dienst uns Vieren auffgelegt?
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Der Frauen/ die wir itzt Wehklagende vermissen/
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War unser Contrafey in Seel und Geist geprägt.
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Und ob mein himmlisch Leib Göttinnen nur getragen
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Und die Vollkommenheit auf meine Töchter stammt/
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Ist doch die Seelige so zart uns nachgeschlagen/
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Daß fast ein gleicher Witz auß ihrer Brust geflammt.
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Ist als die Richterin der angebohrnen Sitten
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Hab’ in der Kindheit Wachs der Tugend Gold gedrückt/
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Und als sie in dem May der Jahre fort geschritten/
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Hat meiner Töchter Gunst und Liebe sie beglückt.
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Was meine Gratien vor Anmuth bey sich haben/
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Die Frauen-Zimmer hier auf Erden Englisch macht/
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Tieffsinnigen Verstand/ Zucht/ Klugheit/ andre Gaben
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Schien wie in einem Ring bey ihr zusammen bracht.
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Man sagt/ die Pallas sey aus Jovis Hirn entsprossen:
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In unser
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Wie der war mit dem Quell der Castalis begossen/
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Wie die Beredsamkeit die späte Nachwelt preist/
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So hatt’ ihr feurig Sinn dergleichen Zug bekommen/
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Der von gestirnter Höh nur edle Seelen rührt.
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Nun dieses Tugend-Licht/ ach leider! ist verglommen.
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Ich thräne/ daß der Tod so einen Schatz entführt.
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Der Schmertz hemmt meinen Mund: Gespielen ihrer Jugend/
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Holdseel’ge
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Ehrt/ wie ihr wißt und könnt auch in dem Sarch die Tugend
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Denn ihre Herrligkeit hat Lob zum Eigenthum.
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Ach rieff Euphrosine! Ach Mutter holder Sitten!
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Nun unsre Freundin tod/ so sind wir mit erblast.
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Ach daß die Parcen uns den Faden abgeschnitten
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Eh’ uns
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Es hat mir die Natur die Anmuth angebohren/
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Daß Lust und Freundligkeit auf meinen Wangen spielt;
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Daß bey mir Zucht und Scham die Hofestadt erkohren;
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Auch unsre
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Es kan die Rose nicht im Frühling schöner gläntzen/
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Und keine Lilie zieht weissern Atlas an/
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Als ihre Jugend sich wies in der Jahre Lentzen/
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So daß ihr Liebster sie vor allen lieb gewan.
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Penelope mag viel von ihrer Keuschheit sagen/
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Creusa in die Flucht mit dem Aeneas gehn:
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Mit mehr Ergötzligkeit/ und freundlicherm Behagen
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Sah’ man sie treu vermählt bey ihrem Eh-Schatz stehn.
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So gar/ daß Beyder Hertz und Mund-Art war vereinet/
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Der Sprache Reinligkeit so rein als Meissens fiel.
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Verdenckt mich nun der Neid/ wenn itzt mein Auge weinet/
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Und wo der Todes-Fall verstimmt mein Flöten-Spiel?
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Doch/ Freundin/ diesen Schleyr benetzt mit heissen Zähren/
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Und denn ein traurig Weh’ so meine Flöth erthönt/
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Will ich dir/ Meisteriu/ aus Lieb und Pflicht gewähren/
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Es sey mit dem Jesmin zuletzt dein Grab bekröhnt.
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Ich liefre dir ihn weiß/ ein Bild der reinen Sinnen/
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Ein Bild der reinen Treu/ und unbefleckten Gunst/
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Womit dein Ruhm sich schwingt biß an des Himmels Zinnen/
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Und legt dir Zengnüß ab von Witz/ Verstand und Kunst.
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Aglaja unterbrach mit kurtzgefaßten Worten
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Den Nach ruff halb entzückt. Wie/ Schwestern/ kan es seyn?
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Der Leib ist zwar erkalt; ihr Ruhm lebt aller Orten.
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Solt ich Saumseelige zu späth mich stellen ein?
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Nein/ der Jeßminen
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Dieweil ihr göldner Mund von lauter Nectar ran.
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Und wo Redseeligkeit die Hertzen kan regieren/
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So stund es ihr noch mehr als Frauen-Zimmer an?
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Jtzt liegst du nun verstummt/ erquickende S
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Davor manch nettes Lied von deinen Lippen floß.
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Doch schlaf itzt ungestört/ entgeisterte Camene/
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Apollo macht dich selbst mit seinen Musen groß.
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Thalia ließ sie nicht mehr Klage-Worte sprechen/
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Sie sprach: mein Schmertzen ist dem Himmel bloß bekand/
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Duedle Gutsmuthsin/ ich will Jesminen brechen/
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So von den Farben auch sind Himmelblau genant.
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Dieweil du nunmehr hast der Erden Rund verlassen/
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Und in des Himmels Sitz itzt deine Laute schlägst/
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So kan ich schöner nicht dir deinen Lob-Spruch fassen/
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Als den du allbereit von klugen Frauenträgst.
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Du warst des Mannes Trost/ des Hauses Wolfarths-Sonne
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Des Gartens ander May/ des Gutes Zuversicht.
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Ja schrie die Flora drein: Weicht meiner Gräntze Wonne?
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Was Wunder/ so der Tod mein Garten-Werck zernicht!
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Sie rieß ihr fliegend Haar in mehr als tansend Stücken/
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Und sprach: Mein Königreich verfällt in Asch und Grauß.
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Wie soll nicht Wind und Frost die Blumen niederdrücken
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Nun mich nicht mehr bescheint die Sonne von dem Hauß?
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Ich will/ mein tieffes Leid we hmüthig zu bezeigen/
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Verwandeln meinen Rock in einen Trauer-Schnee:
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Nicht eine Blume/ die der Thau bethränt/ soll schweigen/
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Daß ihr nicht der Verlust biß an die Wurtzel geh’.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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