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Jst diß die letzte Fahrt von allen deinen Reisen?
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Und schleust du auch zugleich mit der die Augen zu?
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Den so ein sanffter Tod führt zu der langen Ruh.
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Es hat noch nicht viermal das Silber ihrer Wangen
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Der Nächte Königin/ die Cynthia/ entdecket/
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Als dein geliebter Sohn den Weg vorangegangen/
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Und ihn der Parcen Hand hat in den Sarg gestreckt.
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Die Musen klagten selbst/ daß ihres Lentzens Blume
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So zeitlich untergieng. Apollo sprach: Mein Sohn/
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Der mir im Pleiß-Athen gelebt zu sonderm Ruhme/
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Muß/ ach zu strenger Schluß des Himmels! nur davon.
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Daß nie kein frölich Tag dich ferner angeblickt.
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Der klägliche Verlust/ die blassen Todes-Kertzen
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Die haben neues Leid dir stündlich zugeschickt:
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So/ daß die Wanderschafft des Lebens dir recht bitter/
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Das grosse Rund der Welt wie eine Wüste schien:
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Von oben schwärtzet sie ein schreckliches Gewitter/
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Und unten sihet man nur Dorn und Disteln blühn.
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Noch dennoch müssen wir diß Thränen-Thal durchreisen/
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Wo bald ein tieffer Schlund uns in den Abgrund stürtzt/
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Bald auff der Seite laurt ein mörderisches Eisen/
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Bald die vergiffte Lufft das Leben uns verkürtzt.
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Und diß entspringt daher: Wir sind nur frembd’ auff Erden/
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Das Leben ist geliehn/ hier ist kein ewig Hauß;
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Wir müssen Gästen gleich in einer Herbrig werden/
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Die heute ziehen ein und morgen wieder aus.
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Ach! unsre Jahre sind doch nur ein stetes Wallen/
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Wir lauffen in der Welt wie einem Labyrinth/
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Biß daß wir Lebens-satt ermüdet niederfallen/
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Und der gequälte Leib zuletzt noch Ruhe findt.
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Wie früh’ ein Reisemann sich auffden Weg begiebet/
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Des Tages Hitz erträgt/ und sehnt sich nach der Nacht:
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So seufftzen gleichfalls wir/ durchs Creutzes Gluth geübet/
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Daß doch ein seelig Tod den Feyrabend macht.
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Nun diese süsse Rast/ das ungestörte Schlaffen
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Es schreckt dich weiter nicht noch List/ noch Feindes Waffen/
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Und was sonst für Gefahr die Reisenden bestreicht.
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Wir irren hin und her in flüchtigen Gedancken/
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Da dich die Sicherheit mit ihren Flügeln deckt:
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Wir müssen uns offt selbst mit unserm Glücke zancken/
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Den tollen Wünschen ist noch Ziel noch Maß gesteckt.
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Unseelige Begier! das Reisen in die ferne/
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Das Kreutzen durch die See/ das Fahren auff dem Land/
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Gewehrt uns neue Lufft/ und weist uns frembde Sterne/
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Indessen aber seyn wir uns nicht selbst bekand.
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Es such’ ein Geitziger die Gold- und Silber-Kuchen/
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Und fisch’ umb Goa-Strand die runden Perlen aus/
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Beym Abschied wird er sich und seine Müh’ verfluchen/
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Der allenthalben war/ ist nirgends da zu Hauß.
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Es mag noch eine Welt Columbus Witz entdecken:
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Es suche Magellan mehr Strassen in der See:
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Der Menschen Geld-Durst läßt sich keinen Abgrund schrecken
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Daß er durch Gluth und Fluth nicht unerschrocken geh’.
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Ein kluger Wanderer wird niemals sich verweilen/
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Jhn hält kein prächtig Schloß und schöner Garten auf;
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Das vorgesetzte Ziel heist ihn begierig eilen/
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Er weiß daß Ruh und Lust krönt den vollbrachten Lauf.
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Ach wären wir so klug/ und blieben hier nicht kleben!
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Die Flügel der Vernunfft hemmt schnöder Wollust Leim/
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Daß sie zu ihrem GOtt sich selten recht erheben/
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Die Eitelkeit der Welt bleibt nur ihr Honigseim.
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Verkehrte Reiseude! die Laster Tugend heissen
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Und vor die Panace erkiesen das Napell.
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Wer liebet nicht den Grund vor angestrichnes gleissen?
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Ja wer verwechselt doch den Himmel umb die Höll?
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Und nach was reisen wir? nach Schätzen die vermodern/
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Nach Sitten/ die nur offt verstellen Seel’ und Geist.
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Nach Gütern/ die von uns genaue Rechnung fodern/
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Und derer Herrligkeit als wie ein Kleid zerschleust.
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Nein dieses Reisen heist uns stets zu Felde liegen/
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Und der Begierden Heer zum Kampff-Platz führen an:
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Wer ihm denckt dermaleins die Sieges-Cron zu kriegen/
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Der mache sich geschickt zur letzten Reise-Bahn.
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Du legest Ehren voll itzt deinen Handel ein.
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Wie sonst von Reisenden beweglich wird gebeten/
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Daß ihr Gedächtnüß nicht vergessen möchte seyn:
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So soll auch unter uns dein ehrlich Ruhm nicht sterben/
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Der theils in Kindern lebt/ theils deine Baare ziert.
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Wer eyfrig GOtt gedient/ und läst der Nachwelt Erben/
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Versichert/ daß er ihm ein Ehren-Mahl auffführt.
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Und alter Bürger tod’ ist billich klagens werth/
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Weil Treu und Redligkeit ihr Lebens Ziel umbfasset/
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Die itzund Wildpret heist/ und schier von hinnen fährt.
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Doch dir ist wol geschehn. Rom hat den Krantz von Eichen
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Dem/ der gemeinem Heil gedienet/ auffgesetzt:
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Als der gemeinen Nutz sein höchstes Gut geschätzt.
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Es hofft ein Reisender die jenen einst zu schauen/
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Von denen er betrübt den letzten Abschied nimmt:
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Auch du wirst wieder sehn Freund/ Enckel/ Kinder/ Frauen/
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In derer Hertzen noch die Liebes-Flamme gimmt.
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Man pflegt abwesender Gutthaten stets zu preisen:
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Es rühmt dein gantzes Hauß/ wie du so treu gewacht.
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Dreymal beglückter Greiß! den so ein seelig Reisen
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Jtzt in Jerusalem zum Himmels-Bürger macht.
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Elende Sterdlichen! wenn ihr die Welt durchzogen/
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Und das gevierdte Rund vorwitzig angeschaut/
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So hat euch Eitelkeit und Ruhmsucht doch betrogen/
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Wo endlich euch noch selbst vor eurer Hinfahrt graut.
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Wo auf- und Untergang einander sind verwand:
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Biß uns der letzte Zug führt ins