Trauer-Gedancken Bey Beerdigung F. M. W. g. H. den 25. May 1674.

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Heinrich Mühlpfort: Trauer-Gedancken Bey Beerdigung F. M. W. g. H. den 25. May 1674. (1686)

1
Ich solte/ Werthster Freund/ mit tieffgesinnten Rei- men/
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Und Reden-voller Zier besänfftigen sein Leid:
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Was nur erquickend ist von Pindus Lorberbäumen/
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Von Flüssen Castalis/ das solt’ ihm seyn geweyht;
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Denn es schreckt unser Ohr/ wenn man von Gräbern saget/
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Und daß der arme Mensch so bald verfaulen muß/
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Und wer bey Traurenden nicht auch mitleidend klaget/
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Vergrössert nur das Leid/ erweckt nichts als Verdruß.
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Allein/ ich wil allhier der Aertzte Kunst-Grief brauchen
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Die aus dem ärgsten Gifft/ die heilsamst Artzney ziehn.
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Wir werden wenn der Dampff des Blutes wird verrauchen/
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Auch mitten aus dem Grad sehn unser Leben blühn.
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Es hängt an einem Punct der Anfang und das Ende/
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In einem Zirckel seyn
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Vergebens/ daß der Mensch Fleiß/ Wünsche/ Klag’ einwende:
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Dem ewigen Gesetz kan niemand wiederstehn.
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Es mahlt uns die Natur an jeden Blum’ und Zweigen/
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Den Auff- und
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Man sieht der Sonnen-Rad bald auff-bald abwerts steigen/
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Wie offt deckt Finsternüß des Mondes Silber-Zier?
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Wie ändern nicht den Lauff die feurigen Cometen?
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Wie schnell zerfleust die Lufft in Regen/ Wolck’ und Wind?
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Es wird eiu Purpur-Glantz die Demmerung erröthen/
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Wenn auff den Mittag gleich die schwartzen Wetter sind.
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Der lebende Crystall der Brunnen muß offt sterben/
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Wenn dort ein rauschend Strom die Ufer überschwemmt:
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Den grossen Ocean wird Eol so erherben/
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Daß den erbosten Schaum noch Kunst noch Macht mehr
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Wie ungeheur die Fluth/ so wird sie endlich schwinden/
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So daß man schliessen muß/ daß nichts beständig sey.
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Sehn wir die Erden an! sie lehrt mit tausend Gründen/
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Daß sie nicht feste steh’/ und vor Zerrüttung frey.

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Bald bebt vor zittern ihr das innerste Geweide/
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Bald schluckt das wilde Meer die schönsten Inseln ein/
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Dort finckt ein hoher Berg/ hier wächst in Wellen Seide/
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Es werden Dörffer auff Neptunus Rücken seyn.

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So diese Cörper nun abnehmeu und vergehen/
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Die man vor ewig doch in unsern Augen schaut:
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Wie können Königreich und Länder doch bestehen/
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Die so gebrechlich seyn/ als der/ so sie erbaut:

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Wer kennet jetzt Corinth und Thebens stoltze Mauren?
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Wo ist Numantia? der Künste Sitz Athen?
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Wo Rom/ die Herrscherin/ die immer wolte tauren?
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Durch wie viel Tode must ihr Glantz nicht untergehn?

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Was wil der spröde Thon der Mensch für Rechnung machen?
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Die besten Redner sind in Griechenland verstummt:
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Die klügsten Köpffe führt des Charons stiller Nachen/
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Schönheiten hat die Hand der Atropos vermummt.

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Beherrschern/ so der Welt ihr meistes Theil besessen/
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Hat eine Hand-voll Sand zu ihrem Grab gefehlt/
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Und die/ so hochberühmt/ die liegen ietzt vergessen/
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Daß auch die Nach-Welt nicht mehr ihre Namen zehlt.

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Diß predigt uns den Tod mit mehr als hundert Zungen/
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Ja unser eigen Leib legt stündlich Zeugnüß ab/
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Wie allenthalben uns die freye Lufft umbrungen;
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So hält von Anbegin uns auch umbringt das Grab.

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Und mehr/
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So stellt sein Kirchen-Ampt ihm klar Beweißthum für.
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Wir setzen unsern Fuß auch in der Kirch auff Leichen:
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Der Glocken ihr Geläut rufft: Morgen gilt es dir.

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Jtzt wird des Priesters Mund für Schwach’ und Krancke beten/
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Drauff kommt ein naher Freund/ und bitts Begräbnüß aus:
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Wir werden kaum zurück von dem Verscharrten treten/
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So grüst ein anderer umb gleichen Dienst sein Hauß.

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So gar hat ihm der Tod für Augen wollen schweben/
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Damit sein Christenthum durch die Gedult geschmückt;
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Sich GOttes Willen nun kan willig untergeben/
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Da ihm die Liebste wird von seiner Seit entrückt.

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Zwar/ diß vernein ich nicht/ daß Myrrhen-bitter Schmertzen
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Beängstigen den Geist/ nun ihm sein Schatz entfällt:
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Daß wenn der Tod zertrennt zwey gleich gesinnte Hertzen/
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Dadurch die längre Lust zu leben wird vergällt.

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Jedoch/ wenn er bedenckt/ daß sie hat müssen sterben/
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Daß unser Leben Wind/ Dampff/ Wasser/ Graß und Heu/
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Daß weil wir lebend seyn/ der Leib muß schon verderben/
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Und jede Stunde was schlägt an dem Bau entzwey/

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Ja daß sie numehr ruht und schläfft in ihrer Kammer/
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Ist für viel Ungelück und Trübsal weggerafft:
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So wird der edle Tausch was mindern seinen Jammer
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Und der Verblichnen Ruhm ihm geben Trost und Krafft.

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Es war die Gottesfurcht ihr gleichsam angebohren/
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Als die aus
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Und was sonst Frauen ziert zum Kleinod ihr erkohren
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Ein gantzes Tugend Chor/ Witz/ Demuth/ Zucht und Scham.

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Die ungefärbte Treu/ das embsige Bemühen/
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Für seines Hauses Heil rühmt noch gemeine Stadt:
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Die Söhne/ so er siht des Stammes Säulen blühen/
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Sind statt der Mutter jetzt im Kummer Trost und Rath.

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Wer so/ wie sie gelebt/ der fährt mit Lust von hinnen
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Und läst das Sünden-Hauß/ den Leib/ den Kercker stehn/
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Kan durch den kurtzen Tod den Himmel ihm gewinnen
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Und in des Vatern Reich mit Sieges-Kronen gehn.

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Man sol der Frommen Tod glückwünschende begleiten/
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Als der den Jammer endt/ der Freuden Anfang macht.
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Sie haben obgesiegt/ wir liegen noch im streiten/
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Sie schmückt der Klarheit Glantz/ uns deckt Egyptens Nacht.

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Ich weiß/
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Der Vater alles Trosts steh ihm genädig bey/
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Und woll’ ihn durch und durch mit Krafft und Heil erfüllen/
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Daß er noch lange Zeit der Kirchen Vater sey/

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Und rühmlich/ wie bißher/ gemeinem besten diene.
102
Die späte Nach-Welt nennt darvor sich Schuldnerin.
103
Vernünfft’ger Leute Ruhm bleibt nach dem Tode grüne/
104
Wenn man die andern sonst vergessen trägt dahin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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