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So hat des HErren Hand Dich abermal gebücket/
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Daß du must schwartz gekleidt in tieffstem Trauren
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Daß wiederumb dein Schatz muß auff der Bahre stehn?
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Und zwar ein gleicher Tod/ und fast auch gleiche Stunde
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Reist sie im ersten Lentz der besten Jahre hin.
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Wer tadelts/ wenn diß Ach! erschallt aus deinem Munde:
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Ich glaube daß ich gar des Unglücks Wurffball bin:
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Daß Kertzen meiner Lust sind Fackeln blasser Leichen/
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Und Grab und Hochzeit-Bett zusammen stehn gebaut.
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Läst das Verhängnüß denn durch Flehn sich nicht erweichen/
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Daß man mich anders nicht als zweymal Wittber schaut!
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Und zwar eh’ noch ein Jahr hat seinen Kreiß vollzogen/
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Vollziehet schon der Tod den Eisen-harten Schluß.
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Ach daß für Rosen-Safft ich Wermuth nur gesogen!
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Und meine Liebe stets ins Grab verschicken muß!
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Ja was noch kläglicher/ und mich darnieder schläget/
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Der Seegen meiner Eh’ und Hoffnung geht mit ein/
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Die Mutter wird ein Grab des Pfandes/ so sie träget/
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Zwey Hertzen/ die mein Trost/ deckt itzt ein Leichen-Stein.
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So nun solch Angst-Geschrey erthönt von deinen Lippen/
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So steh ich freylich zu: Wir sind nicht Fels’ und Klippen/
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Und ein vernünfftig Weib ist tausend Thränen werth.
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Jedoch dir sind bekant nicht nur der Themis Rechte/
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Du weist auch GOttes Recht das sey unwandelbahr.
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Beym ersten Apffel-Biß starb unser gantz Geschlechte/
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Des Ungehorsams Frucht war Sterben und Gefahr.
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Biß dieses schwartze Recht mit seinem Blut durchstrichen
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Der Mittler unsers Heils und Retter aller Welt.
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Da ist der andre Tod von uns hinweg gewichen/
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Der erste so bewand/ daß er den Leib nur fällt.
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Diß irrdische Gefäß erbaut von schlechter Erden
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Wie leichtlich schlägtes nicht der Schopffer wieder ein?
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Die Hütte/ so von Leim/ muß Koth und Asche werden/
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Der Glieder mürbes Glas kan nicht beständig seyn.
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Befreyt uns nun der Tod von angelegten Banden/
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Führt uns sein dürrer Arm in stille Sicherheit/
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So ist uns mehr als wohl/ daß wir nun überstanden
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Die Reise voller Angst/ den Weg der Sterbligkeit.
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Mein Freund/ es ist voran die Liebste nur geschicket
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Dies’ allgemeine Bahn betreten ich und du.
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Wie sehnlich hat sie nicht von Andacht gantz entzücket
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Jhr jeden Augenblick gewünscht die sanffte Ruh?
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Sie schien im Himmel mehr als auff der Welt zu leben/
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Weil sie der Erden Lust verächtlich von sich stieß/
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Und sich der grösten Kunst/ der
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Als die ihr auch den Zweck zu jenem Leben wieß.
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Nicht Jugend/ Glück und Zeit/ und was wir Menschen achten/
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Hat ihren frommen Sinn in Eitelkeit verhüllt:
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Jhr GOtts-ergebner Geist pflag selig zu betrachten/
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Bloß die Gerechtigkeit/ die dort für GOtte gilt.
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Sie flog wie Monica mit Flügeln des Gemüthes
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Aus diesem Marter-Haus/ und Kercker voller Noth:
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Diß was hat auffgefacht die Funcken des Geblütes/
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War feurige Begier zu sehen ihren GOtt.
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Jhr Wunsch ist auch erfüllt/ ihr Seuffzen ist erhöret/
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Du weist/ was sonst das Recht vom Tod und Sterben lehret/
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Gönn auch in diesem Fall des Himmels Erbtheil ihr.
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Und klagst du ferner noch/ daß sie so bald verschieden/
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Daß eurer Seelen Bund so kurtze Zeit gewehrt/
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So dencke: daß sie ruht in ungekräncktem Frieden
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Und daß sie dermaleins dir wieder wird beschehrt.
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Entbehrst du ihre Pflicht und ewig-treues Lieben?
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Sorgt ihre Häusligkeit/ wie vormals/ nicht vors Hauß?
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Ja ich vernein es nicht/ diß kan den Geist betrüben/
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Doch Christliche Gedult steht alles Ubel aus.
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Befrembdet dich der Fall/ daß du vor Kinder Leichen
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Vor Liebes-Küsse nichts als Seelen-Risse sihst?
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Erwege/ daß es seyn des Höchsten Allmachts-Zeichen/
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Daß unter Dornen du/ auch wie die Rosen blühst.
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Gott wil kein feiges Hertz bey seinem Leib-Fahn haben/
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Der stets mit Winseln folgt/ ist gar ein schlecht Soldat.
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Und wenn die Schmertzen uns biß zu der Seelen graben/
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So sieht man/ wer die Kron der Uberwindung hat.
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Sieh’ in das Alterthum/ wie Christen Blut vergossen/
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Wie ihre Unschuld must in lichten Flammen stehn/
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Wie sie der Heiden Grimm an Pfäler eingeschlossen/
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Und ließ zerlassen Pech auff ihre Leiber gehn.
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Sie trugens mit Gedult/ frolockten untern Wunden/
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Daß die Beständigkeit die Hencker abgeschreckt.
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Wir sind mit gleicher Pflicht zu unserm Creutz verbunden/
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Wie wunderbarlich auch uns GOtt es auffgesteckt.
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Es wird nie das Gemüth dem Himmel näher treten/
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Als wenn die Trübsal sich an unsre Seite legt.
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Gedrucktes Fleisch und Blut wird viel erhitzter beten/
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Als wenn die Wollust es auf ihren Flügeln trägt.
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Gemeine Fälle sind bey nur gemeinen Leuten/
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Ein rechter Helden-Muh kennt Auf- und Untergang.
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Das Hoffen und Gedult besiegt des Jammers Zwang.
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Ach unterwirff dich nur der Sterbligkeit Gesetze!
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Hier ist kein Eigenthum/ kein Bleiben/ keine Statt:
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Und glaube/ daß dein Schatz sich mehr beglücket schätze/
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Nun sie die Eitelkeit der Welt verlassen hat.
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Sie ist als eine Bach ins Todten-Meer geronnen/
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Daß sie Jerusalems Heil-Quellen dort geneust.
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Und schmiltze gleich dein Hertz in einen steten bronnen/
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Du bringst sie nicht zurück/ und kränckst nur deinen Geist.
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Es kan unmöglich seyn/ der Höchste muß dich lieben:
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Zwey Liebsten hohlt er heim/ die ruffen dich hernach.