Die höchste Klugheit die selige Todes-Betrachtung/ Erwogen bey Absterben Hn. G. R. den 28. May 1673.

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Heinrich Mühlpfort: Die höchste Klugheit die selige Todes-Betrachtung/ Erwogen bey Absterben Hn. G. R. den 28. May 1673. (1686)

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Der Mensch/ das klügste Thier/ und Meister aller Sachē/
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So das gevierdt Rund der weiten Welt umschleust/
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Kan sich zum Wunderwerck durch Witz und Tugend
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Und was nur Athem hat/ beherrscht sein kluger Geist.
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Er hat nicht nur allein den Schauplatz dieser Erden
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In Gräntzen abgesteckt/ die Felder angebaut/
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Es haben ihm die Thier’ auch müssen dienstbar werden/
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Und sein Verstand erlernt’ jedweder Blum und Kraut.
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Jhm blieb der Sternen Reyh und Namen unverborgen/
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Er nahm des Meeres Fluth/ der Flüsse Quell gewahr/
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Und endlich must’ er auch für die Verfassung sorgen/
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Daß er und sein Geschlecht sey sicher in Gefahr.
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Den Zwang die Nothdurfft aus Gehorsam und Gesetze/
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Zwey Seulen/ drauffberuht gemeine Policey.
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Ja er wieß sattsam aus durch seiner Klugheit Schätze/
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Daß er des Landes Herr/ der Erden Herrscher sey.
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Nun musten mit Vernunfft die ungezähmten Sinnen
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Der wüsten Sterbligkeit noch werden ausgeziert/
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Damit ihr gantzes Thun/ ihr Leben und Beginnen/
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Würd’ auff den rechten Zweck des Regiments geführt.
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Denn als die Königreich und Völcker sich gebreitet/
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Der Menschen Mänge wuchs in überhäuffter Zahl/
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Hat sein erfahrner Witz die Rechte so geleitet/
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Daß Cron und Scepter stund bey jedes Volckes Wahl.
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Wem nun die Würdigkeit des Reiches auffgetragen/
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Der ging an Treffligkeit und Tugend andern für;
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Des Volckes Richter seyn/ Entschied und Urtheil sagen/
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Und schlichten/ was verwirrt/ dis hieß die höchste Zier.
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Und solche Klugheit hat sich weiter ausgestrecket/
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Biß sie die Monarchie zu vollem Wachstum bracht/
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Denn ward mit ihr zugleich die Staatssucht ausgehecket/
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Die ihrer Eitelkeit Abgötter hat gemacht.
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Es blieb der alte Spruch: Daß weißlich zu regieren
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Die gröste Klugheit sey und wenigen geschenckt.
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Alleine wie man ließ sich die Begierden führen/
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Hat an die Stats-Kunst sich der Laster Schaar gehenckt.
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So daß man jetzt nicht weiß/ ob Thorheit und Gelucke/
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Für Weißheit und Verstand zu unterscheiden seyn.
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Wenn diß nun so bestallt der Klugheit meistes Stücke/
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So geht die Klugheit auch in Wissenschafften ein.
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Das Auge sicht nicht satt/ das Ohr kan nicht satt hören/
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Der Mund redt niemals aus/ des schreibens ist kein Ziel/
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Sehn wir ins Alterthum/ und dessen kluge Lehren/
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Was heissen sie bey uns? Der Sinnen Gauckel-Spiel.
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Wo sind des Griechenlands berühmte Schulen blieben?
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Die Stoa liegt verwüst/ und Epictet verstummt/
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Der Garten ist nur Grauß/ wo Cicero geschrieben/
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In ewig schweigen hat Pithagor sich vermummt.
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Selbst Plato weiß nicht viel/ wenn er wil alles wissen/
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Und was man heute lobt/ wird morgen offt verlacht.
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Was sollen wir denn nun von unsrer Klugheit schliessen/
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Die uns für GOttes Thron zu nichts/ als Thoren macht?
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Mit recht rufft Salomo: Es ist nur eitel Jammer/
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So weit das lichte Rad der göldnen Sonnen geht/
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Angst/ Grämen/ Leid und Qual nagt unsers Hertzens Kammer/
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Daß es zu Tag als Nacht in keiner Ruhe steht.
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Auch den/ so hochberühmt/ muß man zum Todten zehlen/
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Den klug- und thörichten scharrt man in einen Sand.
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Wir werden wol gewiß des rechten Weges fehlen/
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Wo wir auf Lust und Pracht nur baun der Wolfahrt Stand.
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Aus einem andern Geist und Andacht angetrieben/
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Schreyt ein recht gläubig Hertz/ das gleich der Taube girrt.
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Was dort des Höchsten Hand im Psalm uns vorgeschrieben:
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Herr/ damit ja mein Fuß in dieser Welt nicht irrt/
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So lehr uns/ daß wirs wol ohn unterlaß bedencken/
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Daß Zeit und Stunde da/ und daß man sterben muß.
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Diß Dencken wird uns auch die rechte Klugheit schencken/
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Und zu der Seeligkeit den wolgegründten Schluß.
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Denn was ist doch der Mensch/ vom Weib ans Licht gebohren?
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Der Funcken unsrer Red/ ach wie bald lischt er aus!
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Wie bald ists schnauben nicht als wie ein Rauch verlohren!
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Wie flattert nicht der Geist aus unsers Leibes Haus!
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Welch Aberwitz wil nun was ewiges hier hoffen/
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Wenn er wie Graß verwelckt/ wie Blumen schrumpffet ein?
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Wenn der geplagte Leib steht tausend Martern offen/
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Des Lebens Tage nur gleich einer Handbreit seyn?
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Kein Pfeilder eilet so/ kein Strom kan so verschiessen/
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Kein Schatten so vergehn/ als unsre Flüchtigkeit:
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Müh ist das köstlichste/ so wir allhier geniessen/
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Und über achzig Jahr steigt keines Menschen Zeit.
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So weit war auch
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Die Staffeln hatte nun sein müder Fuß berührt/
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Als ihm das Lebens-Licht gemachsam ist verglommen/
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Und ihn des Todes Hand zu den verblichnen führt.
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Doch wie des HErren Furcht bald bey den ersten Jahren
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Sein Anfang ist gewest zur Weißheit und Verstand/
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So hat er derer Frucht im Alter auch erfahren/
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Und GOtt sein gantzes Hertz in Demuth zugewand/
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Desselben Vaterhuld mit tieffstem Danck gepriesen/
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Der ihn gesättiget mit Leben und Gedeyn/
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Der auch zu dessen Ehr sich wieder mild erwiesen/
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Durch Gutthat stets gedacht den Armen zuerfreun/
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Und diese Klugheit nur die seeligste geschätzet/
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So uns die Sterbligkeit im Hertz und Sinnen prägt.
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Hat in dem grösten Schmertz von GOtt niemals gesetzet/
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Als der auch wieder heilt die Wunden/ so er schlägt.
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Was wil/
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Da jetzt ihr Eh-Schatz gleich wie Simeon fährt hin?
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Sie muß nur mit Gedult und solchem Trost sich fassen/
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Daß frommer Christen Tod ein herrlicher Gewinn.
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Wir können nicht mehr Ruhm auff dieser Welt erwerben/
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Mit grösser Wissenschafft und Klugheit seyn geziert/
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Als wenn wir stündlich nur im HErren lernen sterben;
104
Diß ist die beste Kunst/ so uns in Himmel führt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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