Der Tod der beste Apothecker Bey Beerdigung Fr. R. S. g. G. den 19. Febr. 1673.

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Heinrich Mühlpfort: Der Tod der beste Apothecker Bey Beerdigung Fr. R. S. g. G. den 19. Febr. 1673. (1686)

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So kan/ geehrter Freund/ beym Schnee der grauē Haare
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Die lang’ Erfahrenheit und wolbewehrte Kunst
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Den Eh-Schatz nicht entziehn/ dem Sterben Grufft und
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Verraucht der Artzney Geist? ist alle Hülff umbsonst?
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Ach ja! wie gütig sich auch die Natur erwiesen/
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Und zu des Menschen Heil viel Mittel auffgebracht/
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Wie hoch der Künstler Fleiß und Forschen wird gepriesen/
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Hat die Unsterbligkeit doch keiner nicht erdacht.
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Es ist ein süsser Traum/ worinn die Perser stecken/
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Und der Sineser Witz der Sinnen Lust-Spiel treibt;
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Den einmal todten Leib wird wol kein Tranck erwecken/
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Noch daß der Geist zurück im Cörper wieder bleibt.
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Alleine diß mag wol ein rechtes Wunder heissen/
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Daß Gluth/ daß Fluth/ daß Lufft/ daß Erd’ uns zinßbar seyn/
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Daß wir die Seelen selbst von Elementen reissen/
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Und vor dem Hintritt uns offt lange Zeit befreyn.
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Ja daß die Sterne gar mit würcken uns zu heilen/
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Indem die Sonn aus Gold den Purpur-Saffran zeigt/
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Der Mond’ uns Silber wil/ das trinckbar ist/ ertheilen/
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Mars in Blutrothem Safft aus Stahl und Eisen steigt.
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Das Ertz und Blumen gibt/ Bley/ Zucker/ durchs Gestirne
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Erregt, und denn durch Kunst im Tiegel ausgekreischt.
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Mehr/ daß erfunden hat ein hochgelahrt Gehirne/
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Wie man dem Mensch zu nutz jedwedes Glied zerfleischt.
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Daß uns der Schwefel Milch/ die Steine Balsam geben/
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Daß Oel aus Vitriol und zwar recht süsses quillt/
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Das Spießglaß/ wenns durch Kunst wird Butter/ bringt das Lebē
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Gereinigt Salmiac viel in den Fiebern gilt:
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Daß ein jedwedes Kraut sein eigne Kräffte habe/
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Daß Wurtzel/ Blüth und Blat zu heilen tüchtig ist/
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Daß in der Bäume Rind und Kern ein edle Gabe;
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Daß Agtstein/ Gumm’ und Hartz zur Artzney wird erkiest:
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Daß auch der Thiere Bein/ Blut/ Unßlit/ Harn/ muß dienen
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Draus Pflaster/ Pulver/ Safft und Salbe wird bereit/
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Daß statt der Aertzte seyn die Jungfer-reinen Bienen
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Und manch verachter Wurm hilfft auff der Päßligkeit:
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Daß uns der Natterstich biß auff den Tod verletzet/
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Hingegen auch ihr Saltz vor Pest und Gifft beschützt/
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Gleich einer Panace sich Seuchen wiedersetzet/
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Die sonst unheilbar seyn/ und da kein Artzt nichts nützt:
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Diß und noch anders mehr/ was ich nicht deutsch kan nennen/
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Was die gelehrte Welt nicht ohne Entzückung schaut;
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Wornach ein Himmlisch Sinn für Eyfer pflegt zu brennen/
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Worauff sich die Natur als wie auff Pfeiler baut/
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Beschlossen/
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Das Zeug Haus/ so den Tod mit tausend Waffen pocht/
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Der Libitinen Trotz/ die Burg der matten Krancken/
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Das Rath-Haus/ wo der Siech’ offt heilsam Rath gesucht.
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Zudem blieb ihm bekand Metallen auffzulösen/
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Zu mercken was verpufft und was verjoren war/
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Wie auffzuheitern sey das klare von dem bösen/
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Ob der Alembic recht/ die Colben ohn Gefahr.
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Wieviel hat seine Hand von Pulvern nicht gemischet/
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Von Säfften ausgeprest/ von Salben auffgeschmirt/
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Essenzen zugericht/ Tincturen angefrischet/
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Und so das Feldpanier fürs Leben stets geführt?
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Es wird jedweder Gran ihm hier ein Zeugnuß leisten/
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Wie sehr der blasse Tod die Doses hat gescheut/
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Wenn Scrupel ja wol Untz die Parcen rückwarts weis’ten/
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Und der Hygeen Sieg die Menschen höchst erfreut.
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Diß alles aber kan/
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Die Liebste sol und muß den Weg des Fleisches gehn.
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Kein Stärck-Tranck/ kein Condit von edler Früchte schelffen
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Noch Lebens-Balsam mag dem Sterben wiederstehn.
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Der allgemeine Tod verachtet die Capellen/
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Schlägt Colb und Vorlag ein/ bricht Mörsel und Phiol/
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Läst weiter nicht den Rost noch die Retorten stellen/
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So bald nach GOttes Schluß der Mensch abscheiden sol.
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Artzt/ Apothecker wird als wie ihr Werck zu Aschen.
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Doch wie wir aus der Asch’ auch Blumen sehen blühn/
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So wird was man allhier mit Thränen abgewaschen/
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Mit Thränen eingesarcht/ dort neuer Glantz umbziehn.
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Es stirbt die
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Und heiligt ihr Gebein/ und Asche GOttes Hand.
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Der Artzt des Lebens hat den Himmel ihr versprochen/
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Dem sie mit Seel und Hertz auff Erden zugewand.
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Er muß/
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Es heischt es die Natur/ es foderts Schuld und Pflicht;
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Des müden Alters Trost wird durch sie hingetragen/
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Nun seine Pflege stirbt/ des Hauses Ruhm und Licht.
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Jedoch wenn er bedenckt/ wie treu sie ihn geliebet/
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Weil ihre Seele stets an seiner Seelen hing:
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Wie in den Tugenden ihr Leben sie geübet/
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Mit was vor Andacht sie ins Hauß des HErren ging:
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Wie sie ihr Christenthum nicht nur mit Worten zeigte/
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Es musten Wercke da der Worte Siegel seyn/
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Wenn sie ihr gantzes Hertz zum lieben Armuth neigte/
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Nahm Arm’ und Hungrige/ wie Gäste GOttes ein.
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Es wird manch Hospital noch ihr Gedächtnüß ehren/
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Das sie mit milder Hand erfreulich hat verpflegt/
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So sollen Thränen nicht der
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Sie hat was irrdisch war/ nur in das Grab gelegt.
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Jhr wahres Ebenbild lebt in der Tochter Sitten/
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Die sie statt ihrer nun zur Wartung hinterläst/
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Die zu beglückter Eh nach Will und Wunsch geschritten/
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Und Lieb und Thränen voll verscharrt den Aschen-Rest.
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So viel scheint menschlichem Betrachten jetzt zu sterben/
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So viel scheint die Artzney zu würcken ohne Krafft.
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Wiewol der Artzt/ der Tod/ ob dem wir uns entfärben/
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Giebt durch sein Elixir den wahren Lebens-Safft.
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Der kocht und schäumt uns ab zu grössern Herrligkeiten/
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Daß wir vor Gottes Thron ein riechend Balsam seyn/
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Was Artzt und Apotheck auf dieser Welt bereiten/
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Bleibt wieder auf der Welt/ der führt uns Himmel ein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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