Trost-Schxeiben An Hn. M. P. bey Beerdigung seiner Toch- ter J. E. den 22. Jan. 1673.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Heinrich Mühlpfort: Trost-Schxeiben An Hn. M. P. bey Beerdigung seiner Toch- ter J. E. den 22. Jan. 1673. (1686)

1
Als ich/ geehrter Freund/ sein Schreiben nur erblicket/
2
Sah ich das schwartze Wachs/ den Boten grosser Pein/
3
Und wie ich weiter noch im lesen fortgerücket/
4
Traff mein Gedencken auch mit dem Verhängnüß ein.
5
Des Briefes Inhalt war: Mein Leitstern ist verblichen/
6
Der Eltern liebster Trost und Hoffnung fällt dahin/
7
Nun unser Tochter Treu aus unsrem Haus entwichen/
8
Wird mit des Traurens Nacht umbzogen Hertz und Sinn.
9
Der Schmertz saugt Safft und Krafft aus Adern und Gebeinen/
10
Daß ich vor Leid ihr kaum die letzte Pflicht kan thun;
11
Ich bitte mir mit Trost gewierig zu erscheinen/
12
Der meinen Jammer stillt/ und heist die Thränen ruhn.
13
Ja freilich
14
Von einem solchen Brunn der aus dem Hertzen quillt/
15
Die nicht allein den Leib die Seele selbst beschweren/
16
Die auch kein Barbar nicht/ wie hart er sonsten/ schillt.
17
Denn/ seiner Kinder Tod mit trocknen Augen schauen/
18
Und umb derselben Bahr’ ohn’ ein’ ge Regung stehn/
19
Ist fast der Menschligkeit unmöglich zuzutrauen/
20
Es würde der Natur nur stracks zu wieder gehn.
21
Hingegen nutzt auch nicht ein unauffhörlich Weinen/
22
Noch daß man vor der Zeit im Kummer sich vergräbt;
23
Hier muß das Christenthum vor allem Leid erscheinen/
24
So uns versichert macht/ daß einst der Todte lebt.
25
Man pflegt mit höchstem Fleiß was schätzbar zu verwahren.
26
Wie sicher hebt der Tod die mürben
27
Wir leben hier umschrenckt mit Aengsten und Gefahren/
28
Der/ in der Erde ruht/ fühlt nicht der Zeiten Lauff.
29
Und täglich sehen wir von Kräfften was verschwinden/
30
Gleichwie ein altes Kleid der Wurm und Moder frist/
31
Bald mangelts uns am Blut/ bald ists zu viel zu finden/
32
Bald wird am Haupte Stärck’/ umbs Hertze Lufft vermist.
33
Und diß nicht nur allein. Ach wie viel tausend Fällen
34
Muß hier der arme Mensch stets unterworffen seyn!
35
Der stirbt in Feuers-Noth/ ein ander in den Wellen/
36
Und mit dem Athem zeucht man offt den Tod auch ein.
37
Die Weysen mühen sich das Leben abzubilden/
38
Der Varro stelt es uns in Wasser-Blasen für.
39
Viel durch die Hiacinth in lustigen Gefilden
40
Wie schön er immer blüht/ so flüchtig ist die Zier.
41
Es nennets Epictet ein Licht vom Wind umbgeben/
42
Der kluge Seneca des Glückes Gauckel-Spiel/
43
Ein Werck das sich nicht kan durch eigne Hülff’ erheben/
44
Ja alles Ungelücks und alles Neides Ziel.
45
Noch kan der leere Traum/ das blosse Nichts uns blenden
46
Daß wenn die Stunde schlägt/ der Tod uns bitter scheint/
47
Daß man die jenigen so wir voran absenden/
48
Fast ohne Maaß und Ziel als wie Verlust beweint.
49
Nein: Ob es ungereimt in menschlichen Gedancken/
50
Das offt der Jugend Blum in bester Zier erblast.
51
So kennen wir doch wol des Todes enge Schrancken/
52
Der grüner Jahre Lentz/ als Schnee und Winter/ fast.
53
Es ist die
54
Sie hebt ein neues Jahr mit grössern Freuden an/
55
Jhr reiner Jungfer-Mund wird jetzt die Engel küssen/
56
Sie träget einen Krantz der Sternen trotzen kan.
57
Unwiedertreiblich ists/ daß die GOtt eyfrig lieben
58
Jm Glauben und Gebet auff seinen Wegen gehn/
59
Er sie nicht wiederumb von allem Weltbetrüben/
60
Bey zeiten zu sich rufft in die gestirnte Höh’n.
61
Es ist der Lilie Jhr Leben gleich gewesen.
62
Die keusche Reinligkeit für ihren Schmuck geacht;
63
Die sich als Himmels-Braut durch beten und durch lesen/
64
Schon in der Sterbligkeit den Engeln gleich gemacht.
65
Der Lilie Geruch ergetzet Hertz und Sinnen/
66
Auch ihr Gehorsam gab den Eltern höchste Lust/
67
Die Sorge für das Haus/ das nahrsame Beginnen/
68
Und was die Wirthschafft heischt/ war ihrem Fleißbewust.
69
Doch wie die Lilie in besten Sommer-Tagen/
70
Durch Regen oder Sturm sich länger nicht erhält:
71
So wird/ ihr
72
Die werthe
73
Hingegen ist der Trost/ daß bey verjüngtem Lentzen/
74
Wenn Frost und Hagel weg/ und sich der Himmel klärt/
75
Die schönen Lilien von neuem wieder gläntzen/
76
Und der begrünte Stock den Silberschein gewehrt;
77
In gar weit herrlicherm und ungemeinem Schimmern/
78
Wird die verblichne Blum auch dermaleinsten blühn;
79
Wenn von des Bräutgams Hand in jenen Freuden-Zimmern/
80
Sie wird das Lilgen Kleid der Höchsten Wonn’ anziehn.
81
Betrübtste klaget nicht/ wie schmertzlich es mag kommen/
82
Jhr habt die Tochter wol und über wol verthan.
83
Sie ist aus Dorn und Heck ins Rosen-Land genommen/
84
Da uns Mühseelige stets neue Noth ficht an.
85
Wie scheinbar sich das Glück auff dieser Welt mag weisen/
86
So ist es Sardisch Graß das uns im lachen sterbt.
87
Nein/ unsre
88
Und hat das höchste Gut/ den Himmel selbst/ ererbt.
89
Ich weiß/ geneigter
90
In seinem Hertzen nicht/ er rühmt noch ihre Treu/
91
Weil keinen grössern Schatz GOtt kan den Eltern schencken/
92
Als daß stets ihrem Wort ein Kind gehorsam sey.
93
Der unverwelckte Ruhm/ sol umb ihr Grab noch wohnen/
94
Und ob der Winter uns nicht läst zu Blumen gehn/
95
So tilgt kein Wetter doch der Tugend Anemonen/
96
Die in der schönsten Blüth umb ihre Baare stehn.
97
Mehr Worte brauch ich nicht/ die Zeit wil mir verfliessen;
98
Ich schliesse meinen Brieff/ so gut er ist gelückt/
99
Und wünsche das sein Leid sich gleichfalls möge schliessen/
100
Man trage mit Gedult/ was uns der Himmel schickt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.