Trauer-Gedancken/ Bey Beerdigung Hn. G. F. L. den 11. Decembr. 1672.

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Heinrich Mühlpfort: Trauer-Gedancken/ Bey Beerdigung Hn. G. F. L. den 11. Decembr. 1672. (1686)

1
Jjr Hochbekümmerten/ die sieden-heisse Thränen/
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Womit ihr jetzt den Sarch des liebsten Vaters netzt/
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Die Seufftzer voller Angst/ das marterreiche Sehnen/
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Sind Zeugen welch ein Leid den matten Geist verletzt.
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Eur Alles liegt verblast/ eur Hoffen ist verschwunden/
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Eur Helffer/ Rath und Schutz steht euch nicht ferner bey.
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Ach kläglicher Verlust! Ach tieffe Seelen-Wunden!
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Sagt ob was schmertzlichers noch zu erfinden sey?
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Wenn sich das Licht der Welt/ der Sonnen güldne Kertze
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In Finsternüß verhüllt/ erschricket Feld und Land:
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Wie vielmehr wird ein Kind/ wenn ihm sein Vater-Hertze/
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Des Lebens-Sonn entweicht/ gesetzt in Trauerstand.
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Wir ehren einen Baum/ der Schatten uns gegeben/
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Der uns so offt erfrischt mit seiner grünen Nacht/
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Mehr noch die jenigen/ so uns zu erst ans Leben/
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Und dann mit Fleiß und Müh’ auch auf die Beine bracht.
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Ein gantzer Wald erbebt/ wenn hohe Cedern fallen/
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Die lange Tanne heult/ die schlancke Birck erblast/
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Und solt ein Angst-Geschrey bey Kindern nicht erschallen/
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Wann ihres Vatern Haupt des Todes Sichel fast?
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Ja freylich/
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Der Mensch ist nicht von Stahl und Marmel-Stein gebaut.
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Doch aber muß auch hier des Höchsten Wille gelten/
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Und daß bey solcher Angst man diesem sich vertraut.
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Legt Schmertzen und Vernunfft auf gleiche Wage-Schalen/
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Und hengt den Lauff der Zeit zu einem Ausschlag dran.
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Ists mit den jenigen so die Natur bezahlen/
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Und zu der Ruhe gehn/ nicht recht und wohl gethan?
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Denn was erwarten wir? Wol schwerlich güldne Zeiten/
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Daß die Gerechtigkeit vom Himmel wieder kömmt/
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Daß Tugend/ Zucht und Treu einander stets begleiten/
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Daß weder
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Und was er werben wir mit einem langen Leben?
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Stets neues Hertzeleid/ gehäuffter Kranckheit Noth/
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Bekümmern uns so sehr den Athem aufzugeben/
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Da doch in Fleisch und
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Ein Tagelöhner seufftzt nach seiner Arbeit Ende/
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Wir aber fliehn das Ziel/ das uns doch
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Es folgt der hellen Sonn’ ihr Kind die Sonnemvende:
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Wir nicht dem höchsten Glantz/ der uns vom Tod erweckt.
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So gar verzaubern uns des Lebens Lust-Sirenen/
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Die Frucht vom Lotos-Baum schmeckt jedem Weltling wol.
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Man sucht auch die Begier so künstlich zu beschönen/
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Daß einer ohne Schnee von hier nicht wandern soll.
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Zwar es ist ein Geschenck von GOttes Hand verliehen/
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Wer seiner Jahre Reyh auf hohe Staffeln bringt/
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Und dessen Scheitel kan voll Ehren-Lilgen blühen/
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Vor dem die Enckel-Schaar in mildem Segen springt.
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Doch nach des Mosis Spruch/ wie köstlich es gewesen/
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So hat nur Müh und Noth das meiste Theil verzehrt/
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Man hat mehr Disteln hier als Rosen eingelesen/
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Selbst von dem Alterthum als einer Last beschwert.
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Denn wenn der Berg voll Schnee/ die Seiten gantz bereiffet/
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Der Müller müssig steht/ die Fenster finster seyn/
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Der Starcke nach dem Stab sich anzulehnen greiffet/
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Der Eimer gar zulechst/ das Rad am Born geht ein/
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So können uns alsdenn die Tage nicht gefallen/
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Und wer recht klug seyn will/ lernt daß er sterben muß.
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Die eintzige Begier/ das Wünschen unter allen/
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Ist aufgelöst zu seyn von dieser Welt Verdruß.
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Der Mensch wird wolgemuth des Leibes dürre Schalen/
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Der mürben Glieder Rest der Erden anvertraun/
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Dieweil er gantz befreyt von angestrengten Qualen/
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Gott seinen Schöpffer kan in höchster Wonne schaun.
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O selig/ wer entgeht dem rauhen Sturm der Zeiten/
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Dem schöden Labyrinth der Laster-vollen Welt!
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Wer nechst den Vätern kan ihm einen Raum bereiten/
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Der biß auf jenen Tag ihn in der Kammer hält!
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Betrübtste/ sinnet nach und mindert eure Schmertzen/
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Es hat der
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Was soll ein ewig Leid Hertz und Gedancken schwärtzen?
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Der Vater ist nunmehr den Engeln zugezehlt.
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Er hat recht Lebens-satt das grosse Rund verlassen/
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Und Trost- und Glaubens-voll geeilt dem Himmel zu/
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Wo er Jerusalems gewünschte Friedens-Gassen/
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Nunmehr betreten kan in ungekränckter Ruh.
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Wie bitter war es nicht/ als binnen zweyen Jahren/
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Er ließ sein halbes Hertz verscharren in dem Sand?
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Nun muß der Vater auch die Todes-Strasse fahren/
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Und doppeltschweres Leid klemmt euren Waisen-Stand.
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Jedoch/
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Auch wieder heilen kan/ sein Arm ist unverkürtzt/
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Und daß des Creutzes Last/ womit ihr seyd beleget/
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Noch wird erträglich seyn/ und euch nicht nieder stürtzt.
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Ist gleich der Vater tod/ der Richter aller Sachen/
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Den Erd und Himmel ehrt/ trit an deß Vaters statt/
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Und wird vor euer Heil und Wolergehen wachen/
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Weil seine Vater-Treu noch Ziel noch Gräntzen hat.
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Die Thränen werden nicht den Todten balsamiren/
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Ehrt euers Vatern Grab in Kinds-verbundner Pflicht/
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Weil er sich hat bemüht sein Leben so zu führen/
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Daß/ ob er schon erblast/ gläntzt seiner Tugend Licht.
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Des Glaubens Lauterkeit wird unsern
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Der Eyfer für das Wort zeigt noch den Anherrn an/
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Und wie er weiter noch sich wollen so erweisen/
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Daß ihn die Bürgerschafft glauhwürdig rühmen kan.
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Er hat der Fürsten Gnad/ deß Nechsten Gunst behalten/
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Und stellt sein gut Gerücht euch zum Exempel für.
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So ein bejahrter Greiß kan nimmermehr veralten/
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Er lebt im Nachruhm theils/ und theils in Kindern hier.
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Betrübtste traurt nicht mehr/ daß bey den Winter-Tagen
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Und kalten Todes-Schweiß der Vater gehet ein/
103
Wenn jener Freuden-Lentz wird Schnee und Frost verjagen/
104
Soll umb den

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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