Der unsterbliche Fönix die Seele/ Bey Beerdigung Hn. G. v. S. entworffen/ den 10. Octobr. 1672.

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Heinrich Mühlpfort: Der unsterbliche Fönix die Seele/ Bey Beerdigung Hn. G. v. S. entworffen/ den 10. Octobr. 1672. (1686)

1
Wo sich das Morgen-Licht in ersten Rosen weiset/
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Weit hinter Indien blüht ein geheiligt Wald/
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Das schöne Wunder-Thier so man den Fönix preiset/
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Hat hier sein Vaterland und steten Aufenthalt.
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Er wohnet hochbeglückt als Nachbar bey den Sternen/
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Weil ihm verjüngte Krafft ein ewig Leben gibt/
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Kennt keinen Hunger nicht/ wird sich vom Trauck entfernen/
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Indem ihm eintzig nur der Sonnen-Glantz beliebt.
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Der Augen glüend Blitz streut gleichsam lichte Funcken/
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Es spitzt sich als ein Stern der Kamm auf seinem Haupt/
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Die Beine scheinen wie vom Blut der Schnecken truncken/
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Die Federn Himmel-blau mit Golde reich belaubt.
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Ein güldner Zirckel flicht sich umb deß Halses Gräntzen/
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Des Rückens stoltze Pracht sticht auch den Purpur hin/
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Ja was mehr wunderns werth/ er kan sich seibst ergäntzen/
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Und wird auß eigner Asch am schönsten wieder blühn.
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Der/ wenn nun tausend Jahr in ihrem Lauff verflossen/
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Nimmt gleich dem Monden ab an Kräfften und Gestalt/
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Der Augen hell Crystall starrt als vom Frost geschlossen/
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Es wanckt der gantze Leib wie Fichten die sehr alt.
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Denn denckt er auf sein Grab/ und wieder neue Wiegen/
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Er baut ihm selbst die Baar von Zimmet-Stauden auf/
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Er trägt/ in solchem Nest bequem und wol zu liegen
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Amom und Narden zu/ und streut viel Kräuter drauff.
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Denn rufft er mit Gesang der Sonnen heisse Stralen/
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Sich und auch seinen Sarch zu stecken in den Brand/
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Wirfft so sein Alter weg/ deß Leibes dürre Schalen/
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Sucht mitten in dem Tod deß Lebens neuen Stand.
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Hier müht sich die Natur/ daß nicht ihr Schatz verderbe/
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Sie mahnt die Flammen an/ daß sie nicht schädlich seyn/
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Daß nicht ihr Trost und Ruhm der edle Vogel sterbe/
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So geust sie neue Krafft den zarten Gliedern ein.
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Die Asche fängt sich an wie lebendig zu rühren/
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Das Grab weicht der Geburt/ was vor gestorben/ lebt.
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Es ist nach kurtzer Zeit der Fönix neu zu spüren/
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Den gleicher Farbe Glantz und Herrligkeit erhebt.
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Bild der Unsterbligkeit! Und Abriß unsrer Seele!
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So sich dem Fönix gleich in vielen Stücken zeigt/
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Die/ ob sie zwar umbringt noch in des Leibes Höle/
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Doch ihrem Ursprung nach siets zu dem Himmel steigt.
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Der Plato wird entzückt/ wenn er ihr heilig Wesen/
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Unendlich/ ewig/ klug/ allwissend/ göttlich/ nennt.
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Man kan den Seneca in seinem Schreiben lesen/
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Der sie vor einen Gott noch in dem Leib erkennt.
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Alleine was ist das für jenem grossen Lichte/
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Fürm Glantz der Ewigkeit/ wo sie einst wohnen soll/
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Der Fönix wendet stets zur Sonnen sein Gesichte:
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Sie muß auf Christum sehn/ so thut sie recht und wol/
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Er der Gerechtigkeit/ und auch des Lebens Sonne/
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Wird seine werthe Braut/ die er so theur erlöst/
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Mit Stralen voller Huld mit Blicken höchster Wonn/
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Entzünden daß sie sich im Tod deß Lebenströst/
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Und weiß/ wie sie durch ihn zum Leben neu gebohren/
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Daß sie dem Fönix gleich durchs Sterben sich verneut/
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Daß weder Haut noch Bein von unserm Fleisch verlohren/
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Und daß es nur verwest zu größrer Herrligkeit.
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Der Fönix lebt gantz rein/ holt Balsam aus Jdumen/
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Sucht Würtz und Kräuter zu/ ist ohne Raub und List/
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Erhält sein Leben nur von dem Geruch der Blumen/
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Indem auß Mässigkeit er weder trinckt noch ißt.
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Die Seele hasset auch der Sünden schwartze Flecken/
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Und will ein gut
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Wird für der Laster-Schaar als ihrem Feind erschrecken/
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Und hält den Uberfluß für seine Straff und Pein.
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Der Fönix wenn er matt und krafft los ist an Gliedern/
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Fleht an umb seinen Tod/ die Fackel dieser Welt
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Weiß/ daß ihm solcher Brand das Leben kan erwiedern/
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Daß diß was ihn verzehrt/ auch gleiches Falls erhällt:
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Nichts anders machts die Seel in ihres Kerckers Schrancken/
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Wo sie der Glieder Last fast zu der Erden drückt.
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Wo sie sich stündlich muß mit den Begierden zancken/
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Und sie bald hier bald dort des Feindes Garn berückt.
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Sie wünschet frey zu seyn/ ihr eintziges Verlangen/
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Ist vor des Höchsten Thron und Majestät zu stehn/
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Sie wird mit grosser Lust den blassen Tod empfangen/
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Der sie vom Leben auß heist in den Himmel gehn.
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Dahin ist auch nach Wunsch
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So Eckel und Verdruß vom Leben nur empfieng/
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Denn als der beste Theil der Jahre war verglommen/
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Und der geschwächte Leib zu seinem Ende gieng:
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Hat diß was irrdisch war ihn weiter nicht ergetzet/
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Er schwang nach Fönix Art sich zu der Sternen Höh:
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Hat alle Zuversicht auf seinen GOtt gesetzet/
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Und mit Gedult bekämpfft der Schmertzen langes Weh.
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Mehr/ weil der Menschen Ziel so gar genau verschrencket/
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Der Tage schnelle Flucht als wie ein Schatten weicht/
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So war sein fromm Gemüth und Thun dahin gelencket/
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Daß Krafft der Tugend er ein ewig Lob erreicht.
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Wo diese Rednerin ein Grabmal uns bereitet/
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Ist vieler Wörter Pracht und Zierath gantz umbsonst:
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Der allerschönste Klang/ der uns zu Grabe leitet/
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Verbleibt ein gut Gerücht/ und frommer Menschen Gunst:
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Die hochgeschätzte Kunst/ die offt die Grüffte zieret/
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Veraltet mit der Zeit/ und sinckt in ihrer Nacht.
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Der/ wem der Tugend Hand ein Ehren-Mahl auffsühret/
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Hält niegesuchten Ruhm für seine beste Pracht.
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Herr Schmettau lebt noch hier in Kindern und Gemüthern/
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Sein minster Theil verdirbt/ und wird der Würme Raub/
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Und seine Seele schwebt jetzt bey des Himmels Gütern/
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Indem der murbe Leib wird Asche/ Koth und Staub.
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Doch soll aus dieser Asch auch noch ein Fönix werden/
102
Und in verjüngter Krafft zum Leben aufferstehn/
103
Wir trauen unsern Leib der Mutter-Schoß der Erden/
104
Biß daß ihn Gottes Schluß heist zu Gerüchte gehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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