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Stört nicht den Seligen mit Thränen-reichem Klagen/
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Betrübtste/ denn er schläfft in angenehmer Ruh:
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Die Bürde drückt ihn nicht/ so er bißher getragen/
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Und GOttes Flügel deckt die müden Glieder zu.
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Ach höchst-verlangte Ruh! ach Frieden-volles Schlaffen!
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Ach stete Sicherheit die nie kein Unfall kränckt!
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In dem der Erdenkreiß erschüttert von den Waffen/
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Und Auff- und Niedergang uns hinzurichten denckt!
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Es mag der Heyden Mund den Tod erschrecklich nennen/
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Und ihrer Künstler Hand ihn heßlich stellen für;
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Wir Christen werden ihn vor heilsam nur erkennen/
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Die Bahn zur Seligkeit/ zum Himmelreich die Thür.
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Der Schlaff/ der seeliger für jenem ist zu schatzen/
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Den uns die Müdigkeit zuwege hat gebracht:
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Hier folgt ein ewiges und himmlisches Ergetzen/
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Wenn jenes Lust und Ruh’ verschwindet mit der Nacht.
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Doch was ist ohne Schlaff der Menschen gantzes Leben?
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Kan auch ein sterblich Leib entbehren solche Krafft?
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Muß nicht die süsse Ruh die Stärckung wieder geben?
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Den Beinen neues Marck/ den Adern frischen Safft?
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Der Tod der sanffte Schlaff bedeckt uns mit der Erde/
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Verwahret Fleisch und Blut in seiner kalten Schoß/
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Doch daß es dermaleins gleich jungen Adlern werde/
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Und schwinge sich verklärt an das gestirnte Schloß.
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Wer schläfft/ empfindet nichts/ auch in des Grabes Kammer/
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Der Wohnung wahrer Ruh/ und sichrer Einsamkeit/
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Ist unsers Cörpers Rest entnommen allem Jammer
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Und vor der Zeiten Sturm/ und Tyranney befreyt.
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Des Leibes Mattigkeit befödert uns zu Bette/
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Doch daß wir mit dem Tag an unser Arbeit gehn:
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Wir ruhen/ nicht/ daß uns das Grab auf ewig hätte/
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Es wird des Höchsten Stimm uns heissen aufferstehn.
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Der Gorgias hat Recht/ als er nun sollen wandern
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Und hatte hundert Jahr nechst sieben hingelegt/
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So sprach er: Schlaff und Tod ein Bruder küsst den andern/
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Diß isi der letzte Freund so mich zu Grabe trägt.
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Ja was ist unser Bett in das wir uns vergraben?
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Ein Sarch/ der lebend uns wie jener tod beschleust.
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Wenn wir uns satt gemüht/ und laß gequälet haben/
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Ist diß allein der Ort wo man der Ruh geneust.
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Ach schönstes Schlaffgemach! ach Grab du Port der Freuden!
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Schatzkammer höchster Lust! Ertzschrancken reinster Zier!
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Es mag ein irrdisch Geist in Ros’ und Lilgen weiden/
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Du bleibst der Gläubigen erquickendes Revier.
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Vergebens mühen sich die Tichter abzubilden/
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Deß Schlaffes tunckles Haus/ wo nichts als Stille sitzt/
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Wo nur der blasse Mohn entsprost in den Gefilden/
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Und nie der Sonnen-Glantz den kalten Ort erhitzt/
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Wo Baum und Staude schweigt/ wo nichts als leichte Schatten
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Und die Vergessenheit die stumme Herrschung führt/
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Wo nie kein Fluß entspringt/ kein Vogel singt in Matten/
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Und wo die Faulheit sich zu keinen Zeiten rührt.
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Es ist solch Zimmer nur die Vorburg zu der Höllen/
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Wo ein verdammter Schlaff die Menschen sicher macht.
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Mecönas weiß allhier ein Urtheil nicht zu stellen/
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Wie hoch ihn sonst sein Witz und scharffe Klugheit bracht.
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Es soll ein güldnes Netz und Schwanen-weiches Küssen
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Mit Rosen von Milet Haupt-zärtlich angefüllt/
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Sambt lindem Seitenspiel ihm seine Ruh versüssen/
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Indem Terentia den alten Weichling trillt.
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Nein/ auch der theure Schlaff durch Künste zubereitet/
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Ist ein gefährlich Gast/ und ungewisser Freund:
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Wo uns zu reiner Ruh nicht das Gewissen leitet/
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Wird auch der süßte Schlaff ein höchst gefährlich Feind.
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Viel hat ein langer Schlaff zur langen Nacht gewiesen/
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Gleich wie der Attila in eignem Blut erstickt.
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Doch dieser wird allein am seeligsten gepriesen/
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Den hier des Todes Schlaff zu größrer Lust erquickt.
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Des Lebens Ewigkeit entwerffen auch die Gräntzen
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Des Schlaffes/ wer genau desselben Ursprung weiß/
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Denn wenn sein Honigseim den Leib pflegt zu ergäntzen/
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So wachet erst recht auf der Seele hoher Fleiß.
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Sie ist nicht wie zuvor an ihre Last gebunden/
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Rennt ihrem Ursprung nach zu der saphirnen Höh/
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Wird bey den Bösen böß/ und Frommen fromm gefunden/
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Denckt wie der Göttligkeit sie stets am nechsten steh.
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Und diß kan unser Seel im Leibe noch vollbringen/
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Wenn ihr ein kurtzer Schlaff nur wenig Freyheit gibt:
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Welch eine Herrligkeit wird sie bey GOtt umringen/
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Wo sie ihn anders hat beständig hier geliebt.
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Herr Scholtzens edle Seel erkennt nun solche Güter/
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Geneust der Liebe Frucht/ der Treu erfreuten Lohn/
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Entgeht durch einen Schlaff viel herbem Ungewitter/
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Trägt Glauben und Gedult zu seinem Schmuck davon.
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Es ist sein Lebens-Tag ihm hier auch saur erschienen/
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Weil ihn manch harter Wind zu See und Land geplagt.
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Der Eyfer volle Ruhm durch Kunst und Witz zu grünen
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Hat den geschickten Geist in frembde Lufft gejagt.
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Europens meister Theil ist ihm bekand gewesen/
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Der Polen weites Land/ der Frantzen kluges Reich.
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Er konte derer Schrifft in ihrer Mund-Art lesen/
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Und war von keiner Müh noch wachen Sorgen bleich.
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Er hieß den Britten lieb/ dem Niederland willkommen/
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Biß daß ihn Spanien in seine Schoß gesetzt/
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Es ist zu Lisabon sein Ruhm noch unverglommen:
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Wer etwas rühmlichs thut/ wird überal geschätzt.
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Wie denn die Mutter-Stadt sich auch geneigt erzeiget/
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Und ein Hoch-edles Pfand ihm ehlich anvertraut:
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Ja so die Tugend auch den Palmen gleiche steiget/
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So ward sie hier gewiß nicht unbelohnt geschaut.
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Es hieß das Vaterland den Raths-Stuhl ihn begrüssen/
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Ach aber allzukurtz läst diß der Himmel zu!
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Wie eifrig er sonst war gemeinem Nutz beflissen/
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Laufft doch sein Stunden-Glaß/ und rufft ihn zu der Ruh.
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Die auß vermählter Treu benetzen Sarch und Bahr?
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Doch last bey solchem Leid auch diesen Trost noch gelten:
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Glückseelig wer entschläfft in seines Heylands Händen/
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Dem wird der blasse Tod kein eisern Schlaff nicht seyn/
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Es pflegt der Jrrdische des Tages Last zu enden/
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Hier dieser alle Noth und führt uns Himmel ein.