Mitleiden Bey Beerdigung Hn. H. G. abgeleget den 12. April. 1672.

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Heinrich Mühlpfort: Mitleiden Bey Beerdigung Hn. H. G. abgeleget den 12. April. 1672. (1686)

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So gehst du/ Seeliger/ nach so viel Creutz und Leiden/
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Mit dem Gecreutzigten in deines Grabes Nacht!
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So kan auch nicht der Tod von deinem GOtt dich scheidē/
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Weil er durch seinen Tod das Leben dir gebracht!
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So hast du dich gesehnt mit JEsu zu erblassen/
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Damit du kanst verklart einst in ihm aufferstehn!
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Und weil ein finster Grab das Heil der Welt muß fassen/
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Wilstu auch Glaubens-voll zu deinen Vätern gehn.
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Der Oelberg voller Angst ist nunmehr überstiegen/
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Des HErren Leichen-Tuch hüllt jetzt den Cörper ein:
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Wie der Erlöser nicht im Grab ist blieben liegen/
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So wird auch dir dein Sarch kein ewig Wohn-Haus seyn.
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Denn ob uns allbereit die Finsternüß verschlungen/
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Die Sünde gantz verstellt/ der Tod ins Garn gerückt/
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Ist doch die Herrligkeit des GOttes durchgedrungen/
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Und hat mit neuem Glantz uns wiederumb geschmückt.
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Den alle Himmel nicht in sich begreiffen können
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Umbfast ein enges Grab zu Trost der Sterbligkeit:
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Er selbst das Leben stirbt/ das Leben zu gewinnen/
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Geht willig in den Tod/ damit er uns befreyt.
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O unermeßner Lieb hochwerthe Wunder-Zeichen/
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Die recht magnetisch uns mit GOtt verbinden kan!
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Der muß ein Felsen seyn/ der bey des Herren Leichen
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In Thr änen nicht zerrinnt/ und nimmt diß Leiden an.
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Ein Heyde kröne frey die Gräber mit Cypressen/
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Und schütt’ aus Onychstein den theuren Balsam drauff;
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Pracht/ Bilder/ Thürm und Zier hat doch die Zeit gefressen/
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Des Heylands Grabmal weckt die Christen stündlich auff.
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Wer woltenicht die Welt und ihre Marter-Wochen
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Verwechseln mit der Lust der ungestörten Ruh’?
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Wer wil nicht/ wenn ihm schon die Augen halb gebrochen/
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Auff des Erlösers Grab mit Freuden eilen zu?
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Und legen willig ab die Last der müden Glieder/
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Die Bürde so uns hier zu Boden hat gebeugt?
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Der Erden Angst-Geschrey vertauschen umb die Lieder/
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Wormit der Engel-Chor vor GOtt sich freudig zeigt?
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Ju solcher Andachts-Flamm/ und heilger Glut entzündet
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Hast du/
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Jm Glauben wolgemuth/ in Hoffnung stets gegründet
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Verlassen diese Welt an Ehr und Leben sat.
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Du hast erst GOtt geliebt/ und dann ein rein Gewissen/
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In das die Redligkeit ihr Bildnuß hat gepregt:
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Es wird der blasse Neid selbst zu gestehen müssen/
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Daß mit dir deutsche Treu wird in den Sarg gelegt.
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Das Kunst-Stück dieser Zeit/ verstellen Sinn und Hertze/
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Nicht sagen/ was man meynt/ war dir gantz unbekant/
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In deiner Seele schien der Tugend helle Kertze/
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Mehr als bey dunckler Nacht ein lichter Diamant.
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Dir hat nicht Heucheley noch Gleißnerey gefallen/
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Und wie du GOtt geehrt/ so warst du Menschen treu/
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Die Worte flossen auch gantz ohne Gifft und Gallen/
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Und deiner Freundschafft Band riß Argwohn nicht entzwey.
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Es hat dein gantzes Thun schlecht und gerecht behütet/
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Wenn manches Ehr-Geitz sich mit blossen Tituln krönt/
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Die doch nicht ewig seyn/ die Neid und Zeit zerrüttet/
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Und die der Urtel-Tisch der Nachwelt oft verhönt.
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Die Säulen stehen frey von allen Ungewittern/
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So im Gedächtnüß sind der Menschen aufgesetzt;
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Der Freundschafft Tempel wird in redlichen Gemüthern/
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Wenn alles Asch und Staub/ nicht minder hoch geschätzt.
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Dir ist/ O
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Dich greifft die Mörderin/ die Kranckheit nicht mehr an/
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Du darffst nun weiter nicht des Leibes Foltern sehen/
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Noch/ wie ein harter Stoß die Glieder martern kan.
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Allein ach allzu früh! entfällest du den Deinen.
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Zu früh! Ach allzufrüh! mist dich der Liebsten Hertz/
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Und aber allzufrüh! Die unerzognen Kleinen/
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So gantz versencket stehn in Wehmuth/ Leid und Schmertz.
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Und köut es möglich seyn/ es hielten dich zurücke/
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Der Eh-Geliebten Treu/ der Pflegung Embsigkeit/
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Die Seufftzer vor dein Heil/ die unverwandten Blicke/
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Das thränende Gesicht/ und ungemeine Leid.
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Jedoch es ist vorhin vom Höchsten so beschlossen/
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Der Weg zur Seligkeit geht durch das Grabes Thür;
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Am besten daß man folgt dem Schöpffer unverdrossen/
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Kein Seufftzen/ Winseln/ Flehn scheubt einen Riegel für.
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Betrübtste/ der verspricht stets über uns zu wachen/
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Der sich der Witwen Schutz/ der Waisen Vater nennt/
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Wird seiner Allmacht nach diß Creutze linder machen/
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Daß mitten in der Noth ihr seine Güt erkennt.
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Tränckt euch deß Höchsten Hand itzt nur auß Angst-Geschirren/
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Und speiset euren Mund der Trübsal herbes Brod/
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So denckt/ ein Zucker Rohr folgt auf die bittre Myrrheo/
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Und Gnaden-reicher Trost begleitet eure Noth.
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Zu dem der
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Da noch manch Unglücks-Sturm auf unsre Scheitel blitzt/
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Er wird von Cherubim und Seraphim umbfangen/
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Da unser siecher Leib in stetem Jammer sitzt.
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Uns drückt der Fässel Band/ ihn schmückt der Freyheit Krone/
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Und unerschöpffter Glantz umbgibet seinen Geist.
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Er als ein treuer Knecht steht vor des Höchsten Throne/
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Und hört wie ihn die Schaar der Außerwehlten preist.
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Er feyrt den Sabbath schon der süssen Ruhe-Stunden/
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Weil wir elende Tag und Nächtestehen aus/
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Die Brunnen Jsraels hat nun sein Hertze funden/
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Er wohnet fort für fort in GOttes Freuden-Haus.
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Glückselig wer so kan mit seinem Heyland sterben/
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Und über Kidrons Bach und Thränen-Quällen gehn/
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Der hört das Freuden-Wort: Du sollst den Himmel erben/
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Du sollst im Paradiß an meiner Seiten stehn.
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Verzeih mir/
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Aus anverwandtem Blut dir leiste meine Pflicht;
103
Ein ander kröne dich mit grünen Lorber-Bäumen/
104
Ich mag den Phöbus hier und auch die Musen nicht.
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Wer Christus Marter will vor unser Heil erwegen/
106
Dem kan auch Golgatha mehr als der Pindus seyn/
107
Wenn diesen GOttes Hand wird in die Asche legen/
108
So geht auf jenem man getrost in Himmel ein

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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